WÜRZBURG

Im August geht's zum „Elchtest“

Wollen Raketen zu einem ruhigeren Flug verhelfen (von links): Tobias Wahl, Tobias Zaenker, Marion Engert, Dennis Kaiser und Florian Wolz vom studentischen Projekt RaCoS an der Universität Würzburg. Foto: Pat Christ

Schlecht, wenn man Fotos machen möchte, und die Kamera wackelt. Genau das passiert in Raketen. Während der Flugphase dreht sich die Rakete meist um die eigene Längsachse, um sich zu stabilisieren, erläutert Florian Wolz vom studentischen Projekt RaCoS. Das erschwert Bildaufnahmen und Experimente. An der Frage, wie die Drehbewegung am Scheitelpunkt eliminiert werden kann, daran tüftelt Wolz an der Uni Würzburg seit fast einem Jahr mit vier Kommilitonen.

Das Würzburger Projekt RaCoS („Rate Control System“) ist Teil eines deutsch-schwedischen Programms namens Rexus/Bexus, das Studierenden Raketen- und Ballon-Experimente ermöglicht. „Wir haben uns mit unserer Idee gegen viele andere Teams durchgesetzt“, berichtet Wolz. Im Frühjahr 2017 soll die mit dem Würzburger System ausgestattete Höhenforschungsrakete „Rexus 22“ vom schwedischen Ballon- und Raketenstartplatz „Esrange Space Center“ aus ins All geschossen werden.

Bis dahin, so der 25-jährige Informatik-Masterstudent aus Estenfeld, sind noch einige Hürden zu nehmen. Im August muss das System so gut funktionieren, dass es den „Elchtest“ besteht. Zum Jahresende wird die Erfindung bei einem „Benchtest“ vor einem Expertenkomitee ein letztes Mal auf Herz und Nieren geprüft.

Um die Drehrate zu reduzieren, benutzen die Studierenden Stickstoff. Die Idee an sich ist nicht völlig neu, darauf sind auch schon andere gekommen. Das Neue und für die Rexus/Bexus-Jury Spannende an der Würzburger Entwicklung besteht in den Komponenten. Die sind laut Florian Wolz durchweg handelsüblich und „Low budget“: „Wir verwenden beispielsweise einen Paintballtank als Druckbehälter für den Stickstoff.“ Würde es tatsächlich gelingen, eine kostengünstige Lageregelung für Raumfahrzeuge zu entwickeln, käme dies vielen anderen Projekten zugute, die mit wenig Geld Großes leisten wollen. Vor allem von Studierenden entwickelte, kleine Satelliten, wie sie auch an der Würzburger Uni hergestellt werden, könnten profitieren.

Das Projekt zu realisieren, kostet immens viel Zeit. Neben den Teamtreffen ein bis zweimal pro Woche muss jeder Studierende aus dem Quintett alleine an seinem Teilprojekt arbeiten – was etliche Stunden jede Woche verschlingt. Florian Wolz zum Beispiel kümmert sich um die Elektronik und die Mechanik des Systems. Fünf Stunden benötigte er kürzlich dazu, Platinen zu bestücken. Dennis Kaiser ist für die Systemtests verantwortlich. Auch hier ist viel zu tun.

„Man muss das Studium und das Projekt sehr gut planen“, sagt Tobias Wahl, der, unterstützt von Informatikprofessor Sergio Montenegro, gemeinsam mit Tobias Zaenker die Software programmiert – was eine besonders kniffelige Aufgabe ist. Nur, wenn der Stickstoff beim Flug jeweils richtig dosiert durch die richtigen Düsen schießt, ist es möglich, die Drehrate bis auf nahezu Null zu bringen. Um den Gasfluss zu regeln, sollen die Ventile von einem Kontroll-Algorithmus über einen Mikroprozessor angesteuert werden. Das ausgestoßene Gas erzeugt dann einen exakt berechneten Rückstoß, der die Drehrate korrigiert. Marion Engert ist das einzige weibliche Mitglied des experimentierfreudigen Teams. Die Informatikstudentin, die bereits ein Mathe-Studium abgeschlossen hat, kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit und hilft bei der Mechanik.

„Frauen sind bei Rexus/Bexus noch selten“, weiß die 24-jährige Würzburgerin: „Dabei tut es den Teams gut, wenn wir integriert sind.“ Ihre vier Kommilitonen bestätigen dies. Sie möchten weder Engerts informationstechnische Kompetenz noch ihr Organisationsgeschick missen.

Auch wenn immens viel Zeit in RaCos fließt, bereut es Tobias Zaenker nicht, sich auf das Projekt eingelassen zu haben. „Das Studium ist ziemlich theoretisch“ sagt der gebürtige Hesse, der im vierten Semester Luft- und Raumfahrtinformatik studiert. An einem realen Raketenprojekt zu arbeiten, ist für den 23-Jährigen spannend. Auch werde er sicher von vielfältigen Erfahrungen profitieren. So sucht das RaCoS-Team gerade Sponsoren für dringend benötigtes Werkzeug. Was gar nicht so leicht ist. Es selbst zu finanzieren, sagt Marion Engert, ist kaum möglich: „Denn weil wir bei RaCoS aktiv sind, können wir neben dem Studium nicht jobben.“

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