Würzburg

Im Sommerinterview: Ein Mann, der Zahlen und die Kunst liebt 

Dirk Terwey ist Geschäftsführender Direktor des Mainfranken Theaters. Ein Gespräch über das neue Theater, über Geld, Kunst und Events.
Dirk Terwey, Geschäftsführender Direktor des Mainfranken Theaters, liebt das Wasser und die Schiffe. Sein Lieblingsplatz in Würzburg ist deshalb der Mainkai. Foto: Daniel Peter
Dirk Terwey, Geschäftsführender Direktor des Mainfranken Theaters, liebt das Wasser und die Schiffe. Sein Lieblingsplatz in Würzburg ist deshalb der Mainkai. Foto: Daniel Peter

Am Kranenkai legt ein Frachter an. Es riecht nach Fluss und nach Diesel. Dirk Terwey würde gerne ein Astra auf dem Kutter trinken. Aber der hat heute zu und das Feierabendbier aus Hamburg fällt aus. Der Theaterleiter hat trotzdem glänzende Laune.

Warum gefällt es Ihnen hier?

Dirk Terwey: Ich mag Flüsse und ich mag Schiffe. In Hamburg war mein Lieblingsplatz an der Elbe, wo man die großen Pötte vorbeiziehen sieht. In Würzburg bin ich gerne hier unten am Main.   

Vor fünf Jahren haben Sie Hamburg und seinen Hafen verlassen. Haben Sie sich an das Leben in der Provinz gewöhnt?  

Terwey: Ich erlebe Würzburg nicht provinziell sondern charmant. Die Stadt hat in vielen Bereichen enorme Vorteile. Die kurzen Wege. Dass man alles mit dem Rad erreichen kann. Dass wir hier in einer Kultur- und Genussregion leben. Meine Frau und ich haben den Wein schätzen gelernt.

Ihre Frau Bethlehem Terwey stammt aus Äthopien. Erlebt sie Würzburg als weltoffene Stadt?    

Terwey: Wir haben uns Würzburg ja gemeinsam als neue Heimat ausgesucht und auch sie fühlt sich hier sehr wohl. So verschlossen, wie man vielfach hört, haben wir die Franken nie erlebt. Im Gegenteil. Gastfreundliche, respektvolle und aufgeschlossene Menschen trifft man meiner Meinung nach in ländlicheren Regionen sowieso häufiger als in Metropolen. Außerdem gibt es eine sehr lebendige äthiopisch-orthodoxe Gemeinde, in der meine Frau engagiert mitarbeitet.  

Als Geschäftsführender Direktor des Theaters brauchen Sie Talent für Finanzen und Liebe für die Kunst. Für viele Menschen ist das ein Widerspruch.

Terwey: Aus meiner persönlichen Sicht nicht. Am Theater gibt es ja nicht auf der einen Seite den wirtschaftlichen und auf der anderen Seite den kulturellen Bereich, die man getrennt voneinander betrachten kann. Sondern man hat ein Budget und mit diesem stellt man Produktionen auf die Beine. Ich verstehe mich nicht als Kontrolleur, der das Geld zählt. Ich wirtschafte, um Kunst möglich zu machen. Das macht mir Freude. Ich muss keine Regie führen, um das Gefühl zu haben, mich künstlerisch verwirklichen zu können.  

Ein anderer Widerspruch: Ihre Karriere haben sie am kommerziellen Musical-Theater begonnen, jetzt sind Sie an einer öffentlich finanzierten Stätte der Hochkultur mit Bildungsauftrag beschäftigt. Sind das nicht zwei ganz unterschiedliche Welten?     

Terwey: Ich schätze aber beide sehr. Das spannende, schnelle, internationale Geschäft großer Musical-Produktionen wie „Mamma Mia“ oder „Tanz der Vampire“, die wirtschaftlich auch in Bezug auf den Gewinn erfolgreich sein mussten.  Und die komplette Vielfalt an Kultur, die es an den öffentlichen Häusern gibt, wo man mehr Experimente und Risiken wagen kann. 

Der Betrieb des Mainfranken Theaters kostet rund 19 Millionen Euro im Jahr. Warum so viel?

Terwey: Theater und Konzerte werden von und mit Menschen geschaffen. Rund 250 feste Mitarbeiter und zusätzlich künstlerische Gäste erarbeiten rund 500 Aufführungen pro Spielzeit. Der  zusätzliche Einsatz von Technik wird diese Menschen auch in Zukunft nicht ersetzen. Zum Glück! Wie sollten wir auch Musiker im Orchester oder Sänger und Schauspieler ersetzen? Auch das handwerkliche Know-How in unseren Werkstätten wie Schreinerei oder Schlosserei brauchen wir zwingend. 

Somit sind Kosteneinsparungen durch technische Innovation wie in anderen Wirtschaftssektoren nur begrenzt möglich. Rund 80 Prozent unseres Gesamtbudgets sind Personalkosten. Damit verbunden ist das Kostenparadoxon des Theaterbetriebs: Jede Steigerung unseres Budgets verpufft mit der nächsten Tariferhöhung. Ein anderes Problem ist inzwischen der Fachkräftemangel. Auch im Theater ist es teilweise richtig schwer, freie Stellen neu zu besetzen.

Mit der Sanierung und Modernisierung unserer Spielstätte schaffen wir zeitgemäße Arbeitsbedingungen und werden somit auch als Arbeitgeber attraktiver. Ich denke da insbesondere an den neuen Orchesterprobenraum, die Probebühnen oder auch an die erneuerte Bühnentechnik.

Für68,9 Millionen Euro entsteht bis 2022 ein neues  Mainfranken Theater.  Was haben die Bürger davon?     

Terwey: Sie bekommen etwas richtig Tolles. Ein modernes, transparentes Haus, das sich zur Stadt öffnet, das barrierefrei wird, mehr Komfort und eine bessere Hörqualität bieten wird. Neben dem neuen Kleinen Haus schaffen wir zusätzliche eine einladende  Theatergastronomie. Das wird ein völlig neuer Kulturraum mitten in der Stadt, ein kultureller Mehrwert, wie er an kaum einem anderen Theaterstandort in Deutschland derzeit neu entsteht. Gleichzeitig ist das neue Haus so konzipiert, dass es ökonomisch Sinn macht.  

Was heißt das? 

Terwey: Das Theater wird ja auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten umgeformt. Dass wir uns seit Jahren eine neue Spielstätte wünschen, hat diesen Hintergrund. Mit diesem zusätzlichen Saal mit 330 Plätzen werden wir im Vergleich zu den künftig entfallenden Kammerspielen mit 92 Plätzen Mehreinnahmen generieren können. Zum Beispiel sind zusätzliche Musicalproduktionen im Haupthaus, bei gleichzeitig möglicher Nutzung des Kleinen Hauses für das Schauspiel möglich. Auch Vermietungen sind dann einfacher.

Außerdem sind künftig alle Büros, Werkstätten und Proberäume unter einem Dach. So kann das Orchester  wieder in einem verbesserten akustischen Rahmen seine Konzertreihen  im Großen Haus spielen. Das spart uns Wege und Mieten - ein erheblicher Kostenfaktor. Insgesamt ermöglicht uns das neue Haus, die Betriebskosten für die nächsten Jahrzehnte verlässlicher zu kalkulieren.  

Dirk Terwey im Gespräch mit Main-Post-Redakteurin Manuela Göbel.  Foto: Daniel Peter
Dirk Terwey im Gespräch mit Main-Post-Redakteurin Manuela Göbel. Foto: Daniel Peter
Damit diese Rechnung aufgeht, müssen aber deutlich mehr Menschen in die Vorführungen gehen. Die Besucherzahlen des Theaters sind zwar in den letzten Jahren wieder etwas gestiegen, trotzdem kommen nicht mehr so viele Besucher wie vor 30 Jahren.  Wie soll sich das ändern? 

Terwey: Der neue Saal plus die Erweiterung des Stammhauses geben uns ganz neue Möglichkeiten. Wir können im Haupthaus mehr Operette und Musicals zeigen und im neuen Saal, eben wegen seiner mittleren Größe mehr Vielfalt und mehr Experimente wagen. Zum Beispiel adäquates, zeitgenössisches Schauspiel oder Konzerte. Am Ende hängt aber natürlich die Besucherzahl ganz wesentlich von dem jeweiligen Spielplan ab und wie dieser vom Publikum angenommen werden wird. Das neue Theatergebäude schafft hier die produktionstechnischen  Voraussetzungen und baulichen Rahmen  für einen wirtschaftlichen Betrieb.

Wie meinen Sie das?

Terwey: Ich mag die heutige Spielstätte, die 1966 eröffnet wurde. Aber sie ist nun wirklich in die Jahre gekommen.  Wenn man dort heute eine Aufführung ansieht, ist es ist in Bezug auf die Theaterimmobilie ein bisschen so, als würde man in den guten alten Röhrenfernseher schauen. Für die treuen Theaterliebhaber ist das vielleicht noch in Ordnung.

Aber ein Theaterbesuch muss heute mehr bieten. Ein Stadttheater ist ja neben dem Ort für künstlerische Performance auch der Ort städtischer Repräsentation, städtischer Kultur und Selbstdarstellung, eben städtischer Identität. Dieser Bedeutung muss auch die Form des Hauses entsprechen. 

Kultur verkauft sich besser, wenn sie modern verpackt ist?    

Terwey: Eine zeitgemäße "Verpackung", sprich Architektur und Erscheinungsbild unseres Theaterneubaus, ist eben auch Kultur. Ich glaube schon, dass unser neues Haus künftig mehr Menschen in Stadt und Umland anzieht. Warum geben die Leute hunderte von Euros aus, um sich ein Musical im Hamburger Hafen anzusehen? Weil es etwas ist, wo man dabei gewesen sein muss. Ein Besuch des neuen Mainfranken Theaters wird diesen Aspekt ab 2022 auch bieten. Ein Theaterabend wird auch wieder ein Event sein, wobei ich dieses Wort in Bezug auf ein Stadttheater nicht mag. Aber mir fällt spontan kein besseres ein.

Mir leider auch nicht. Aber ein bisschen Spannung, ob die Würzburger ihr neues Theater wirklich so begeistert aufnehmen, bleibt schon, oder?

Terwey: Ich bin mir sicher, dass es die meisten begeistert. Auch wenn es gerade am Theater immer so ist, dass man letztendlich nie ganz genau weiß, ob etwas funktioniert. Warum eine Produktion gut läuft, eine andere aber nicht. Diese Nichtberechenbarkeit ist aber auch das faszinierende. Es ist wie dieser Moment, wo es im Saal dunkel wird und es gleich los geht. Die Spannung dieses Augenblicks ist das, was die Menschen am Theater fasziniert.   

Neues Publikum wollen Sie auch mit dem Semesterticket gewinnen. Studierende können künftig die Vorstellungen kostenlos besuchen - gegen einen Pflichtaufschlag von zwei Euro auf den Semesterbeitrag. Warum so elitär und nur für Studenten? Würde ein Azubi-Ticket nicht funktionieren? 

Terwey: Ich will das gar nicht ausschließen. Das Semesterticket ist ein ambitionierter  Ansatz, bestehende Zugangsbarrieren für junge Menschen wegzuräumen. Ich empfinde das Modell übrigens mitnichten als elitär. Es ist schlicht ein auch wirtschaftlich argumentierbares  Nutzungsmodell für ein öffentliches Kulturangebot. Wenn es eine realisierbare Möglichkeit gibt, dieses Modell  zu erweitern werden wir das sehr gerne tun. 

Das Leben im Theater ist die nächsten vier Jahre eine Baustelle. Der Vorbau ist bereits abgerissen, die Baugrube wird bald ausgehoben. Wie wird es nach den Theaterferien weiter gehen?  

Terwey: Für die Besucher ändert sich erst einmal nur die Eingangssituation. Statt dem Haupteingang werden sie die nächsten zwei Jahre die Seiteneingänge nutzen. Die Theaterkasse zieht in die bisherige Garderobe. Vertraglich ist mit den Baufirmen vereinbart, dass Lärm intensive Arbeiten in der Spielzeit grundsätzlich nicht in der Probenzeit zwischen 10 und 14 Uhr sein dürfen und bei Vorstellungsbetrieb bis 18 Uhr fertig sein müssen.  Die Vorfreude auf das Neue ist im Theater riesig. Jetzt müssen wir halt durch die Bauzeit durch. Und das möglichst zügig. Auch, um Verzögerungen zu vermeiden, die die Baukosten erhöhen würden.

Zur Person
Dirk Terwey hat zunächst in Münster Volkswirtschaft studiert und dann in Detmold ein klassisches Musikstudium angeschlossen. Danach spielte er als Posaunist in verschiedenen Orchestern. Von 2002 bis 2009 war Terwey Theaterleiter bei der Stage Entertainment in den Hamburger Häusern Neue Flora und Operettenhaus und war für Musical-Produktionen wie Tanz der Vampire, Mamma Mia oder Ich war noch niemals in New York zuständig.  Dann wechselte er wieder zum öffentlichen Theater und wurde Verwaltungsleiter in Bielefeld. Seit 2013 ist er Kaufmännischer Geschäftsführer, seit 2018 Geschäftsführender Direktor am Mainfranken Theater. Terwey ist 53 Jahre alt und verheiratet.  
Für unsere Reihe "Sommerinterview" haben wir Menschen aus der Region Würzburg gebeten, sich mit uns an ihrem Lieblingsplatz zu treffen.

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