WÜRZBURG

In Sonderpflegefamilien die alten Muster durchbrechen

Großer Bedarf: Ingrid Braun und Wilfried Ziegler ziehen eine Bilanz über zehn Jahre Sonderpflegefamilien in der Stadt Würzburg.
Großer Bedarf: Ingrid Braun und Wilfried Ziegler ziehen eine Bilanz über zehn Jahre Sonderpflegefamilien in der Stadt Würzburg. Foto: Pat Christ

Simon ist kein trotziges Kind. Ganz im Gegenteil. Er ist beängstigend still. Wenn die anderen Kinder spielen, steht er da und schaut zu. Der Fünfjährige weiß nicht, wie das geht: Spielen. Bisher hat ihm noch nie jemand spielerisch einen Ball zugekickt. Oder eine Frisbeescheibe zugeworfen. Oder mit ihm einen Nachmittag lang eine Fantasiegeschichte entwickelt.

Simon ist ein großer Puzzler. Das ist das einzige Spiel, das er kennt. Obwohl der Junge so ruhig ist, gilt er als ein schwieriges Kind mit vielen sozialen Defiziten. Das ist kein Wunder: Simon wurde von seinen Eltern stark vernachlässigt. Kürzlich nahm das Jugendamt ihn aus seiner Herkunftsfamilie heraus. Doch er sollte nicht in ein Heim kommen. So kam er in eine Pflegefamilie.

„Noch viel mehr Kinder bräuchten aufgrund massiver Defizite Sonderpflege.“
Wilfried Ziegler Stadtjugendamt

Wobei Simon laut Wilfried Ziegler, Leiter der Wirtschaftlichen Jugendhilfe im Stadtjugendamt, ein klassischer Fall für eine Sonderpflegefamilie wäre. Nur gibt es für diese vor zehn Jahren in Würzburg neu etablierte Art der Jugendhilfe derzeit keine freien Plätze.

In Sonderpflegefamilien leben Kinder, die sich manchmal gar nicht bändigen können. Andere sind verschlossen und krankhaft misstrauisch gegenüber ihrer Umwelt. Manche kennen keine Grenzen. Sie sind völlig distanzlos. Und darum für ihre Umwelt extrem anstrengend. Eine Handvoll solcher Kinder aus Würzburg wurden seit 2004 vermittelt. Aktuell wachsen drei in Sonderpflegefamilien auf.

Die leiblichen Eltern dieser Kinder erlebten oft selbst krude Erziehungsmethoden. Auch den Eltern von Simon ging es in ihrer eigenen Familie nicht gut. Nie wurde auf ihre kindlichen Bedürfnisse Rücksicht genommen. Irgendwann, als kleine Kinder, spürten sie schon gar nicht mehr, was ihnen gut tat und was nicht. Weil sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen, spüren sie auch nicht instinktiv, was ihre Kinder brauchen.

Das im Elternhaus gelernte Muster, wie man miteinander umgeht, sitzt bei vielen Menschen tief. So war es auch bei Simons Eltern. Darum spielte nie jemand mit Simon. Keiner kümmerten sich gut um sein Schwesterchen Eva. Das 15 Monate alte Kind wog noch 5,5 Kilo, als man es mit Simon in die Pflegefamilie gab.

Das städtische Jugendamt hat es mit zunehmend stärker vorbelasten Kindern zu tun. Was unter anderem daran abzulesen ist, dass immer mehr psychiatrisch behandelt werden müssen. Sonderpflegefamilien gewinnen deshalb an Bedeutung. Von konventionellen Pflegefamilien unterscheiden sie sich dadurch, dass die Pflegeeltern zwingend eine pädagogische Vorbildung benötigen. Meist handelt es sich um Lehrer, Erzieherinnen oder Pädagogen. Außerdem werden sie intensiver begleitet als normale Pflegefamilien. Dafür ist Ingrid Braun zuständig. Jeder Familie stehen in der Woche vier Betreuungsstunden zur Verfügung.

Hat eine fest angestellte Erzieherin einmal die Grippe, bleibt sie ein paar Tage zu Hause und kuriert sich aus. Sonderpflegemütter können sich nicht so einfach zurückziehen. Natürlich bekommen sie im Krankheitsfall Unterstützung. Ziegler: „Zum Beispiel durch eine Familienhelferin.“ Dennoch sind sie auch in schlechten Phasen in Kontakt mit ihrem schwierigen Pflegekind. Ein paar Krankheitstage sind noch recht gut zu verkraften. Aber was, wenn es in der Ehe kriselt – und ausgerechnet dann flippt das Pflegekind völlig aus? Das kann die Pflegeeltern dazu bringen, zu sagen: „Das halten wir nicht länger aus!“ Dann geben sie das Kind ab.

Es braucht seelische Bärenkräfte, um solche Situationen zu überstehen. Und Unterstützung von außen. Beziehungsabbrüche zu verhindern, ist die wichtigste Aufgabe von Ingrid Braun. Bisher gelang ihr dies auch gut. Braun sorgt weiter dafür, dass die Kinder regelmäßig Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie haben: „Das müssen nicht unbedingt die Eltern sein. Es betrifft auch die Oma, den Opa oder eine Tante.“ Schließlich versteht sie sich als „Puffer“ zwischen der Herkunfts- und der Sonderpflegefamilie. Die beide oft in Konkurrenz zueinander stehen.

Manche der Pflegekinder wuchsen vaterlos auf. Andere erlebten zwei, drei oder vier „Väter“. Manche haben Väter, die regelmäßig hinter Gittern sitzen. Andere wurden mit Eltern groß, die einander und die Kinder schlugen. Noch viel mehr Kinder bräuchten laut Ziegler aufgrund massiver Defizite bei gleichzeitig großem Bedürfnis nach Geborgenheit Sonderpflege: „Derzeit sicher sechs oder sieben.“ Doch dem Jugendamt fehlt das Personal, um weitere Familien zu betreuen. Was erstaunt.

Die Kosteneinsparung lässt sich rasch quantifizieren: Eine Sonderpflegefamilie kostet im Schnitt mit 1500 Euro monatlich mindestens dreimal weniger als ein Heim. Damit spart jede Sonderpflegefamilie der Stadt jährlich über 35 000 Euro – oft sogar sehr viel mehr. Genug Geld für eine neue Stelle.

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