WÜRZBURG

In Würzburg gelandet: Stationen zwischen Flucht und Freiheit

In Würzburg gelandet: Stationen zwischen Flucht und Freiheit
In Würzburg leben zurzeit allein in Unterkünften von Stadt und Regierung 889 Flüchtlinge. Vor zwei Jahren, zum Stichtag 13. März, waren es noch 1361 Personen, heißt es aus dem städtischen Sozialreferat, und letztes Jahr (Stichtag 12. April 2016) notierte man noch mehr, nämlich 15... Foto: S. Kahnert, dpa

In Würzburg leben zurzeit allein in Unterkünften von Stadt und Regierung 889 Flüchtlinge. Vor zwei Jahren, zum Stichtag 13. März, waren es noch 1361 Personen, heißt es aus dem städtischen Sozialreferat, und letztes Jahr (Stichtag 12. April 2016) notierte man noch mehr, nämlich 1550 geflüchtete Personen. Dann brach die Welle.

Die Fluktuation ist groß, sei es, dass die hier Angekommenen in andere Unterkünfte außerhalb der Stadt weiterzogen, oder dass sie anerkannt wurden und jetzt außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft wohnen.

Die aktuelle Zahl von 889 Flüchtlingen teilt sich auf in 83 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die vom Jugendamt betreut, in Einrichtungen der Jugendhilfe leben.

Weiter teilt sich die Zahl auf in diejenigen, die in Regierungsunterkünften leben – es sind 585 Personen – und in 221 Menschen in dezentralen kommunalen Unterkünften (oft Zimmer in Heimen) sowohl in Heidingsfeld, der Sanderau, am Heuchelhof, in Lengfeld, in Grombühl wie auch im Frauenland. In diesen Unterkünften sind insgesamt noch 29 Plätze frei.

200 Geflüchtete schon in eigener Wohnung

Hatte das Sozialamt in den Vorjahren noch keine Flüchtlinge in eigenen Wohnungen notiert, so wird die Anzahl der Geflüchteten, die inzwischen selbstständig in einer Würzburger Wohnung leben, auf 200 geschätzt (zusätzlich zu den genannten 889 Asylbewerbern). Dabei handelt es sich meist um Syrer.

Die Arbeitssituation

Die Bundesagentur für Arbeit, das Jobcenter und das städtische Sozialreferat suchen immer wieder nach Lösungen, Geflüchtete in Arbeit oder Ausbildung zu vermitteln. Oft geschieht das in Kooperation mit anderen, so zum Beispiel der HWK Service GmbH (Tochterunternehmen der Handwerkskammer), deren Mitarbeiter die Berufsschüler beim Übergang von der Schule in den Beruf begleiten. Auch Erwachsene in dezentralen Unterkünften werden beraten, um realistische Berufsperspektiven aufzuzeigen.

Arbeitsmarktzahlen

Bei der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2016 für das Stadtgebiet 854 erwerbsfähige Personen im Kontext Flüchtlingsmigration gemeldet. Davon besuchte der größte Teil – 673 Leute – Qualifizierungsmaßnahmen und Integrationskurse.

Aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit) heißt es: „Angesichts des geringen Durchschnittsalters und der schulischen Vorbildung besteht bei vielen Flüchtlingen ein erhebliches Qualifizierungspotenzial, das bei intensiver Förderung langfristig voraussichtlich zu hohen Erträgen am Arbeitsmarkt führen kann. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass die Beschäftigungsquoten von Flüchtlingen schrittweise steigen: zehn Prozent sind nach einem Jahr in Arbeit, 50 Prozent nach fünf Jahren und 75 Prozent nach zwölf bis 13 Jahren,“ so das Statement im Rahmen des vergangenen Sozialausschusses, in welchem Kerstin Stehle (Agentur für Arbeit Würzburg) die Aussichten darlegte.

In Zukunft könne die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt durch verbesserte Rahmenbedingungen günstiger ausfallen, genannt wurden rechtliche Bedingungen, aber auch Förderung der Sprachkompetenz, zusätzliche Unterstützungsmöglichkeiten im Rahmen der Ausbildung und Bildung allgemein.

Weitere Zahlen der Agentur: In der Stadt verzeichnen Arbeitsagentur und Jobcenter gemeinsam 854 gemeldete erwerbsfähige Personen. Von Januar 2016 bis einschließlich Dezember 2016 wurden in der Stadt 170 Menschen mit Fluchthintergrund in eine Erwerbstätigkeit vermittelt – insgesamt waren es im Bereich der Agentur mit der Stadt Würzburg und den Landkreisen Main-Spessart, Würzburg und Kitzingen 310 Personen. 26 Ausbildungsverträge wurden im Jahr 2016 über Handwerkskammer und IHK abgeschlossen. In der Stadt lernen 121 Schüler mit Fluchthintergrund in entsprechenden Integrationsklassen oder Übergangsklassen. Darunter befinden sich solche, die bereits als Asylsuchende anerkannt sind und auch Schüler, über deren Asylverfahren noch nicht entschieden worden ist, ohne dass klar wäre, ob sie im Land bleiben dürfen.

Studierberechtigte Geflüchtete gibt es in Würzburg zurzeit 80.

Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht vor, dass für geflüchtete Menschen Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden können, um ihnen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Bei der Schaffung solcher Stellen (Arbeitsgelegenheiten, AGH-Stellen) müssen Zusätzlichkeit, Gemeinnützigkeit und Wettbewerbsneutralität gewährleistet sein. Die Stadt Würzburg, so Sozialreferentin Hülya Dueber und die Geschäftsführerin der Arbeitsagentur Kerstin Stehle, konnte 25 dieser Stellen schaffen, zum Beispiel im Gartenamt, in der Friedhofsverwaltung, im städtischen Fachbereich Sport, dem Mainfrankentheater und in der Stadtbücherei.

Ab März 2017 wird das Förderprogramm „Bildungskoordination für Neuzugewanderte“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Sozialreferat umgesetzt. Um die Neuzugewanderten angemessen betreuen zu können hat die Stadt Würzburg sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, die zum Teil auch arabisch sprechen. Beim Jobcenter wurden fünf zusätzliche Stellen geschaffen.

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