Gerbrunn

Industriegebiet im Biotop: Naturschützer schlagen Alarm

Ein Biotop wird für ein Gewerbegebiet geopfert. Geht das überhaupt? Naturschützer sind entsetzt über die Genehmigung des Landratsamtes, die durchaus umstritten ist.
Für die Erweiterung des Industriegebietes IV am Kirschberg in Gerbrunn wurde in ein wertvolles Biotop eine Schneise gebaggert. Naturschützer kritisieren das, weil das Planverfahren noch gar nicht abgeschlossen ist. 
Für die Erweiterung des Industriegebietes IV am Kirschberg in Gerbrunn wurde in ein wertvolles Biotop eine Schneise gebaggert. Naturschützer kritisieren das, weil das Planverfahren noch gar nicht abgeschlossen ist.  Foto: Patty Varasano

Ein Bagger hat eine tiefe Schneise in das Biotop "Am Kirschberg" gegraben. Alte Streuobstbäume wurden umgehauen, Hecken zerstört: Westlich der Kitzinger Straße will die Gemeinde Gerbrunn ihr Industriegebiet erweitern. Naturschützer sind aufgebracht, viele Bürger in Rage. 

Auf der kartierten Biotopfläche soll ein Betriebsgelände für ein örtliches Tiefbauunternehmen entstehen. Lagerflächen für Sand und Schotter, ein Bürogebäude und Garagen sind geplant. Etwa 9500 Quadratmeter Fläche sollen überbaut werden. Die Baufirma ist seit vielen Jahren in Gerbrunn ansässig und kann sich an ihrem jetzigen Standort nicht erweitern. Und in Gerbrunn selbst gebe es keine alternativen, gut an das Straßennetz angebundenen und verfügbaren Standorte mit der nötigen Grundstücksgröße, sagt Bürgermeister Stefan Wolfshörndl. "Wir wollen nicht die Existenz eines Unternehmens gefährden, das seit sechs Jahrzehnten in Gerbrunn ansässig ist", erläutert er die Entscheidung des Gemeinderates, der es sich "nicht einfach gemacht hat." 

Fluchtweg für betroffene Tierarten

Im Moment läuft noch das vorhabenbezogene Bebauungsverfahren. Der Grundstückseigentümer habe eine Ausnahmegenehmigung für die Teilrodung der Flächen beantragt, erklärt Wolfshörndl weiter. Die Schneise, die jetzt in das Biotop geschlagen wurde, sei ein Verbindungskorridor für betroffene Tierarten. Quasi ein Fluchtweg nach Norden. 

Die untere Naturschutzbehörde am Landratsamt bestätigt, dass die Fläche in der amtlichen Biotopkartierung als Gehölzbiotop erfasst ist und damit eine Funktion als Lebensraum für heimische Pflanzen und Tiere erfüllt. Die Fachabteilung des Landratsamtes werde im Bauleitplanverfahren zwar gehört, aber "eine Zustimmung zur geplanten Baugebietserweiterung ist nicht erforderlich", heißt es auf Nachfrage dieser Redaktion. Heckenbrütende Vogelarten, wie Dorngrasmücke und Goldammer, sowie die Zauneidechse und die Schlingnatter kommen im Biotop vor, wissen die Naturschützer am Landratsamt. 

Bedeutsames Biotop für die Maintalhänge

Durch die Rodungen würden keine artenschutzrechtlichen Verbotstatbestände verletzt. Deswegen sei auch keine Ausnahmegenehmigung nach dem Bundesnaturschutzgesetz erforderlich. Es "werden Maßnahmen zum Schutz von vorkommenden Arten vorgesehen und berücksichtigt. Durch die Gehölzentfernungen kommt es zu keiner Habitatsverschlechterung, da der größte Teil der Gehölze im Umfeld um das Biotop erhalten bleibt", teilt die untere Naturschutzbehörde am Landratsamt schriftlich mit.

Ein Bagger hat in Gerbrunn eine tiefe Schneise in ein Biotop gegraben. 
Ein Bagger hat in Gerbrunn eine tiefe Schneise in ein Biotop gegraben.  Foto: Thomas Obermeier

Ganz anderer Meinung sind die Naturschützer beim Bund Naturschutz (BN). Deutlich kritisiert die Kreisgruppe Würzburg die Eingriffe in Hecken. "Obwohl das Planverfahren noch nicht abgeschlossen ist, wurden schon vorbereitende Maßnahmen getroffen, die wohl auch dazu dienen sollen, Zauneidechsen und Schlingnattern leichter aus dem Gebiet entfernen zu können." Das Biotop sei darüber hinaus lokal bedeutsam für den Biotopverbund "Maintalhänge und Nebentäler südlich von Würzburg." 

Zusätzliche Lärm- und Staubbelastungen werden befürchtet 

"Ein Eingriff in das Gebiet würde zu einem erheblichen Verlust von immer seltener werdenden Lebensräumen führen", sagt der Biologe Steffen Jodl, Geschäftsführer der Kreisgruppe Würzburg. "Erst vor wenigen Jahren wurde in Gerbrunn wertvollster Lebensraum für das Baugebiet Kirschberg III geopfert. Damit muss endlich Schluss sein", fordert BN-Kreisvorsitzender Armin Amrehn. Dazu befürchtet Mirjam Falge, Vorsitzende der Ortsgruppe, zusätzliche Lärm- und Staubbelastungen.

Westlich der Kitzinger Straße soll in Gerbrunn ein Gewerbegebiet entstehen. 
Westlich der Kitzinger Straße soll in Gerbrunn ein Gewerbegebiet entstehen.  Foto: MP-Grafik

Vor allem die Anwohner an der Roßsteige und am Kirschberg seien betroffen, ärgert sich eine Frau aus Gerbrunn, die sich dieser Redaktion gegenüber mit ihrem Namen vorstellt, diesen aber nicht veröffentlicht sehen will. "Noch nicht einmal ein Nachtbetrieb wird ausgeschlossen", weiß die Gerbrunnerin und beklagt sich über den immensen Baulärm, der bereits während der Rodungsarbeiten überall deutlich zu hören sei.

Gibt es einen fachlichen Konflikt mit der höheren Naturschutzbehörde?

"Das Lärmschutzgutachten wird zeigen, was zu tun ist", beruhigt Bürgermeister Wolfshörndl. Dass es am Kirchberg zu Lärmbelästigungen kommen könnte, glaubt er nicht. Für den Roßberg werde es Lärm-Berechnungen geben. Davon seien dann auch die künftige Nutzung des Gewerbegebiets und weitere Auflagen abhängig.  

Und wie bewertet die höhere Naturschutzbehörde bei der Regierung von Unterfranken den Eingriff in das Biotop? Nach Informationen dieser Redaktion sehen die Mitarbeiter die Maßnahme dort durchaus etwas kritischer als ihre Kollegen beim Landratsamt. Pressesprecher Johannes Hardenacke bestätigte am Freitag, dass es in der Sache fachlichen Kontakt mit der unteren Naturschutzbehörde gab, Einzelheiten konnte er aber nicht mitteilen, da er den zuständigen Sachbearbeiter nicht erreichen konnte.  

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