WÜRZBURG

Integrationsarbeit: Mit Theater zum Job

„Zeichne mir ein Schaf!“: Der Prinz (Emilienne, links) trifft auf die Pilotin, die in der Wüste notlanden musste. Foto: Anna Sophia Hofmeister
„Zeichne mir ein Schaf!“: Der Prinz (Emilienne, links) trifft auf die Pilotin, die in der Wüste notlanden musste. Foto: Anna Sophia Hofmeister Foto: Anna Sophia Hofmeister

Auf der Bühne ist Emilienne ein Prinz. „Zeichne mir ein Schaf!“, ruft sie der in der Wüste gestrandeten Pilotin zu und macht eine majestätische Handbewegung. Ihr grünseidener Gehrock schimmert im Rampenlicht. Im alltäglichen Leben trägt Emilienne Pullover und Jeans. Die 36-Jährige hat zwei Töchter, um die sie sich alleine kümmert. 2009 kam sie aus Kamerun nach Deutschland. Voller Hoffnungen, die sich nicht erfüllten. Ihre Versuche, wie in Kamerun einen Job als Sekretärin zu finden, schlugen fehl.

„Danach bin ich eingeschlafen“, sagt sie und lacht. Das heißt, dass sie kaum aus ihrer Wohnung ging, nur Freunde aus ihrer Heimat kontaktierte und ihre Sprachkenntnisse nicht weiter verbesserte. Aufgeweckt hat die schlafende Emilienne die Bühne, wie sie sagt. Das Zusammensein mit den zwölf anderen Frauen verschiedenster Herkunft, die sich alle in ähnlichen Situationen befanden. Und nicht zuletzt die Tipps und das Training durch den Theaterpädagogen Peter Schurz.

Im Mittelpunkt steht die Theaterarbeit

„lebens:ART“ heißt das Projekt der Firma defakto GmbH, die sich nach eigener Aussage der „Bildungsarbeit zur Berufsfindung und Integration nach allen Regeln der Kunst“ widmet. Im Mittelpunkt steht dabei die Theaterarbeit. Denn, so der Ansatz, wer sich gut auf einer Bühne präsentieren kann, wird das später mit hoher Wahrscheinlichkeit auch beim Vorstellungsgespräch tun. Teil des Projekts sind außerdem Wochenpraktika und, wenn nötig, eine Betreuung der Kinder der Frauen. Finanziert wird das Ganze von Stadt und Landkreis Würzburg sowie dem Jobcenter der Stadt.

In einem Zeitraum von neun Monaten sollen die Teilnehmenden gecoacht werden, damit sie fit sind für die Herausforderungen der Arbeitswelt. „Dazu gehört die Schulung von Sprache, Stimme, Ausdrucksfähigkeit, sowie das Erproben der eigenen Stärken und Fähigkeiten in kleinen Improvisationen“, sagt Peter Schurz. Nach der Vermittlung erster Grundlagen, begann der 23-jährige Theaterpädagoge, zusammen mit den Frauen ein richtiges Theaterstück zu entwickeln: mit verteilten Rollen, viel Text und Requisite.

Eine Geschichte über Freundschaft und Liebe

„Bei den Gesprächen, bei denen auch viel Biografiearbeit stattfand, hat sich bald das Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry als Vorlage herauskristallisiert“, erzählt Schurz. Die Frauen wollten eine Geschichte über Freundschaft und Liebe, Kindheit und Erwachsensein, Schönheit und Gefahr erzählen. Aber auch über Heimat und Abschied. „Davon hat alles perfekt hineingepasst“, sagt Schurz.

Trotz der Anlehnung an den großen Erzähl-Klassiker setzten die Frauen, die aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, der Türkei, Uganda, Nigeria, Sri Lanka und Estland stammen, eigene Akzente. Heraus kam das Stück „Planeten unseres Alltags“, dessen Premiere am 17. Oktober im Theater Ensemble stattfindet. „Wir erzählen von unseren Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen“, sagt die 31-jährige Mirvet aus dem Irak. In einer Szene stehen alle Frauen auf der Bühne, Rücken an Rücken. Abwechselnd dreht sich eine von ihnen zu den Zuschauern und nennt, was ihre Heimat ausmachte. Von Familie, Freunden, gutem Essen, dem Meer und der Sonne ist da die Rede. Aber auch von Korruption, fehlender Meinungsfreiheit, Stromausfällen und der Unterdrückung der Frau.

Für mich ist es wie ein Neuanfang

„Ich war sehr schüchtern, konnte nicht auf Menschen zugehen“, sagt Emilienne. „Das Theaterspielen hat meine Sprache verbessert und mir Mut gemacht. Für mich ist es wie ein Neuanfang.“ Viele Jahre vorher, habe sie einfach nicht gewusst, wo sie hätte anfangen können. „Heute kenne ich die neue Kultur, in der zum Beispiel Pünktlichkeit so wichtig ist.“ Außerdem wisse sie nun, dass sie nicht Sekretärin werden müsse, sondern auch einen anderen Beruf erlernen könne. „Kinderpflegerin oder Altenpflegerin würde mir gut gefallen“, sagt sie.

Wenn die neun Monate der Vorbereitung vorüber sind, werden die Frauen mit ihren Ideen und dem neugewonnenen Selbstvertrauen nicht alleingelassen. Die defakto GmbH sorgt für eine sechsmonatige Nachbetreuung. „Einige von uns kommen direkt von den Praktika in den Job“, sagt Mirvet. Sie selbst würde am liebsten dauerhaft auf der Bühne bleiben, sagt sie und seufzt: „Dann wäre Theater mein Job.“

Die Premiere von „Die Planeten des Alltags“ am 17.10. im Theaterensemble, Bürgerbräugelände Frankfurter Str. 87, ist bereits ausverkauft. Für die zweite Aufführung am 18.10. am selben Ort können noch Karten unter www.defakto.org oder Tel. (02 34) 91 79 28 70 reserviert werden. Eintritt frei.

Theaterpädagoge Peter Schurz (23) vermittelt arbeitssuchenden Müttern mehr Mut und Selbstsicherheit. Foto: Anna Sophia Hofmeister
Theaterpädagoge Peter Schurz (23) vermittelt arbeitssuchenden Müttern mehr Mut und Selbstsicherheit. Foto: Anna Sophia Hofmeister Foto: Anna Sophia Hofmeister
Die Frauen aus verschiedenen Ländern haben viel Freude an dem Projekt. „Wir sind Freundinnen geworden“, sagen sie. Foto: Anna Sophia Hofmeister
Die Frauen aus verschiedenen Ländern haben viel Freude an dem Projekt. „Wir sind Freundinnen geworden“, sagen sie. Foto: Anna Sophia Hofmeister Foto: Anna Sophia Hofmeister

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