WÜRZBURG

Interkulturelle Stadtführung im Herzen Würzburgs

Eine Stadtführung für jede Nationalität: Manuel Jung erklärt Flüchtlingen und ehrenamtlichen Integrationslotsen, was Würzburg interkulturell geprägt hat. Foto: Thomas Obermeier

Auf die Frage von Stadtführer Manuel Jung, was eigentlich Migration bedeute, antwortet Faqiri Mohammad Zobeir mutig „Wandern“. Der 20-jährige Afghane ist einer von 15 Flüchtlingen, die an diesem frostigen Abend an der interkulturellen Führung durch die Würzburger Innenstadt teilnehmen. Gemeinsam mit knapp zehn Malteser Integrationslotsen, den ehrenamtlichen Betreuern von Flüchtlingen, laufen die Geflüchteten wichtige Kulturpunkte in Würzburg ab. Manuel Jung von der Jugendbildungsstätte zeigt den Anwesenden dabei, wie Würzburg durch Einwanderer zu der Stadt wurde, die sie heute ist.

Der Bocksbeutel kommt nicht von hier

„Wir möchten unseren Ehrenamtlichen, aber auch den Flüchtlingen zeigen, dass Würzburg eigentlich immer schon multikulturell und vielfältig war und dadurch seinen Charme und Identität bekommen hat“, so Simone Schubert, Referentin der Flüchtlingshilfe in der Diözesangeschäftsstelle Würzburg.

Vom Vierröhrenbrunnen geht?s zunächst auf die Alte Mainbrücke. Hier wird den Besuchern klargemacht, dass die Brücken-Heiligen, deren Statuen dort stehen, selbst auch nicht ursprünglich aus Würzburg kommen. Nächste Station ist der Marktplatz. Dort erklärt Manuel Jung, was es mit den verschiedenen Obst- und Gemüsesorten auf sich hat. Dass der Apfel aus Asien und die Gurke aus Indien stamme, kommt hier ebenso zur Sprache wie die Herkunft des Bocksbeutels. Der soll nämlich, nicht wie viele denken aus Franken, sondern ebenfalls aus Indien kommen. Die Form stamme ursprünglich vom Hoden einer Ziege und sei keineswegs eine Würzburger Erfindung. Auf die Frage, wo denn das Sauerkraut seinen Ursprung habe, ruft eine Ehrenamtliche aus der Runde: „aus Unterpleichfeld“ und sorgt damit für lautes Gelächter.

Die Sprache als größtes Problem

Obgleich die Flüchtlinge nicht alles und jeden Zusammenhang verstehen, ist es eine gelungene Abwechslung zum oft schwierigen Alltag, der sie in den Unterkünften Tag für Tag einholt. Das weiß auch Andreas Wistuba. Der 50-Jährige ist seit gut einem Jahr Integrationslotse und betreut zwei Mal die Woche eine 12-köpfige syrische Familie.

„Die Hilfe von uns Ehrenamtlichen ist total wichtig, damit die Geflüchteten einen geordneten Alltag erleben“, sagt der Lengfelder, während er der Stadt-Gruppe zum nächsten Kulturpunkt folgt. Neben der Hausaufgabenbetreuung der Kinder, kümmert er sich vor allem um Behördengänge der Familie. Dabei ist gerade die Sprachbarriere ein großes Problem, welches Wistuba schwer ersetzbar macht. „Wir haben mittlerweile ein Vertrauen aufgebaut, sie nennen mich schon ihr 13. Familienmitgleid“, sagt Wistuba mit einem stolzen Lächeln.

Als die Gruppe einen kurzen Abstecher in die Marienkapelle macht, hält ein junger Mann aus Syrien höflich allen Besuchern die Türe auf. Als letzter tritt Peter Maria Bajorat ein und klopft dem Flüchtling freundschaftlich auf die Schulter. Er kann sich seit Kurzem ebenfalls Integrationslotse nennen. Bajorat hat in seiner Jugend selbst eine Sanitätsausbildung gemacht und ist den Maltesern seit dem eng verbunden. Er hatte das Bedürfnis zu helfen und engagiert sich deswegen gerne ehrenamtlich. „Ich sehe das größte Problem bei der Integration auch in der Sprache“, so Bajorat. Seit ein paar Wochen betreut er eine russische Familie mit einem behinderten Kind. „Ich selbst habe eine behindertes Kind und kenne mich deswegen mit entsprechenden Behördengängen aus“, sagt Bajorat.

Integrationslotsen in Würzburg

Neben Bajorat und Wistuba, gibt es in Würzburg noch knapp 25 weitere Integrationslotsen. Sie alle haben sich bei den Maltesern gemeldet und wurden daraufhin an Flüchtlinge vermittelt. „Wir haben durchaus einige Ehrenamtliche, die sich gleichzeitig um mehrere Geflüchtete kümmern“, sagt Johanna Wieland anerkennend. Die Referentin für Integrationsdienste weiß um die Wichtigkeit der ehrenamtlichen Unterstützung. Das Deutschlandweite Projekt läuft nun seit einem Dreivierteljahr auch in Würzburg. Nach Beratungsgesprächen und einer kleinen Vorbereitung findet anschließend die Kontaktaufnahme zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen statt.

Die Stadtführung ist mittlerweile an der Wiener Feinbäckerei Heberer angelangt. Dort verteilt Manuel Jung an alle Lebkuchen und lässt die Gruppe raten, woher die vielen Gewürze stammen. Auch hier wird deutlich, dass deren Ursprung in der ganzen Welt verteilt liegt. Nach weiteren kleinen Zwischenstopps, endet der kulturelle Spaziergang am Sternplatz. „Wir haben viele Informationen über verschiedene Sachen bekommen“, sagt Faqiri Mohammad Zobeir. Der 20-jährige Afghane ist dankbar für den Ausflug und versucht so viel wie möglich mitzunehmen. „Es war wirklich spannend und ich habe viel gelernt“, so Zobeir.

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