WÜRZBURG

Interview: Al Ghusain und der Hafensommer

Kulturreferent Muchtar Al Ghusain.
Kulturreferent Muchtar Al Ghusain. Foto: Thomas Obermeier

Am 8. Februar der Paukenschlag: Würzburgs Kulturreferent Muchtar Al Ghusain sagt den Hafensommer 2016 ab. Zehn Tage später beschließt der Stadtrat: Der Hafensommer wird durchgeführt. Wir wollten von Al Ghusain wissen, wie das auf einmal klappen soll und was er anders machen will.

Frage: Bekommen wir in diesem Jahr einen Hafensommer?

Muchtar Al Ghusain: Wir arbeiten daran.

Gibt es einen?

Al Ghusain: Ja.

Wie ist das möglich? Die Bedingungen sind jetzt nicht besser als zum Zeitpunkt der Absage.

Al Ghusain: Das ist richtig. Aber wir arbeiten auch mit Hochdruck, haben täglich Besprechungen dazu und suchen uns die Partner, die wir brauchen. Wir arbeiten am Programm und haben intern Voraussetzungen geschaffen, Personalressourcen noch länger nutzen können. Wenn der Stadtrat das so beschließt, dann ist das unser Auftrag und dann nehmen wir das auch an.

Erklärten Sie eine personelle Notlage um zu verbergen, dass der Hafensommer tatsächlich in einer finanziellen und möglicherweise auch eine programmatischen Krise ist?

Al Ghusain: So würde ich das nicht sagen. Wir haben neun Jahre Festival gemacht, davon waren die letzen drei Jahre ja schon in einem Krisenmodus, weil wir ausweichen mussten auf die Mainwiesen …

… wegen der maroden Kaimauer nahe der Hafentreppe.

Al Ghusain: Es war uns klar, dass wir uns zum Zehnjährigen, wenn wir zurückkehren würden an den ursprünglichen Festivalort, auch programmatisch wieder verändern müssen. Man muss erstens diese Spielstätte zurückerobern und mit der Neubesetzung der Fachbereichsleitung hat sich eine Änderung ohnehin angeboten, weil wenn jemand Neues dazukommt, hat er - oder sie in unserem Fall …

... Sybille Linke, die Nachfolgerin von Johannes Engels …

Al Ghusain: … auch eigene Ideen. Deswegen ist es eigentlich ein ganz normaler Vorgang gewesen jetzt zu sagen: Bitte, wir überprüfen uns in der Qualität und wollen uns jetzt noch einmal neu aufstellen.

Die Absage des Hafensommer 2016 begründeten Sie aber mit einer personellen Notlage. Im Stadtrat ging es darum allerdings kaum, sondern um schlechte Zahlen und überzogene Haushaltsansätze auch schon vor dem Umzug auf die Mainwiesen.

Al Ghusain: Nein. 2010, 11 und 12 war es insgesamt noch in Ordnung. 2011 haben wir den genehmigten Zuschuss noch nicht mal ausschöpfen müssen. Erst mit dem Umzug 2013 war in den drei letzten Jahren ein stabiles Defizit entstanden. Vorher war es eine durchaus positiv ansteigende Kurve, die 2013 abgebrochen wurde.

(Anmerkung der Redaktion:

  • 2010 gab es ein Minus von rund 155.000 Euro, bei Ausgaben von rund 335.000 Euro.
  • 2011 stiegen die Ausgaben auf 350.000 Euro, das Minus sank auf 85.000 Euro.
  • 2012 stiegen die Ausgaben auf 385.000 Euro, das Minus auf 130.000 Euro.
  • 2013 stiegen die Ausgaben auf 440.000 Euro, das Minus auf 155.000 Euro.
  • 2014 sanken die Ausgaben auf 405.000 Euro, das Minus auf 150.000 Euro.
  • 2015 stiegen die Ausgaben auf 415.000 Euro, das Minus auf 170.000 Euro.)

Was heißt „positiv aufsteigend“?

Al Ghusain: Die Besucherzahl ist gestiegen bis 2011/12, insofern waren wir da gut unterwegs. In den letzten drei Jahren ist das nicht gelungen. Deswegen war jetzt klar, dass wir alle Anstrengungen unternehmen müssen, dass das 2016 sich wieder in dem gegebenen Rahmen stabilisiert.

Der Verdacht, der auch im Stadtrat geäußert wurde, dass Sie personelle Probleme vorgeschoben haben, um die Zahlen nicht nennen zu müssen …

Al Ghusain: Die Zahlen sind ja keine Geheimzahlen. Die lagen für die letzten Jahre ja vor und auch die Rechnungsergebnisse lagen vor, bis auf das letzte Jahr und waren dem Stadtrat grundsätzlich bekannt. Die wurden ja auch mit dem Beschluss zum Haushaltsplan bestätigt.

Tatsächlich sahen viele Ratsmitglieder und auch die Medien die Zahlen zum ersten Mal in der Ratssitzung vom 18. Februar dieses Jahres. Haben sich Räte und Journalisten nicht genug gekümmert, um an die Zahlen heranzukommen?

Al Ghusain: Naja, es ist ein junges Festival gewesen. Die ersten sechs Jahre war es noch in der Erprobungsphase. Man musste erst einmal dieses Gelände bespielen. Man musste ein Gefühl dafür kriegen, wie so ein Festival funktioniert. Was braucht es für eine Infrastruktur? Das ist echte Aufbauarbeit gewesen.

Und dann musste dieses junge Pflänzchen nach sechs Jahren umgetopft werden auf die andere Seite. In dem Moment war allen klar: Das ist eine Sondersituation. Zunächst haben alle aber erst einmal abgewartet und wollten sehen, wie sich das entwickelt. In dem Moment, als ich erkannt habe, dass wir dies in diesem Jahr nicht zuverlässig erreichen können, war für mich klar: Da muss ich, auch um das Team zu schützen, sagen, wir müssen einmal pausieren, weil wir das Ziel nicht schaffen können.

Jetzt müssen Sie es schaffen.

Al Ghusain: Genau! Das ist jetzt die Herausforderung und deswegen sage ich auch: Jede Krise ist eine Chance. Jetzt sind alle umfassend informiert. Es gibt auch keinen Grund, Zahlen zurückzuhalten. Die Zahlen sind grundsätzlich transparent und auf Nachfrage stellen wir alles jederzeit zur Verfügung. Wenn jemand vorher genauer gefragt hätte, hätte er natürlich jede Information bekommen. Insofern ist das jetzt ein heilsamer Prozess für alle Beteiligten, nämlich noch mal zu verstehen, was so ein Festival ist und wie es funktioniert.

Was ist es denn?

Al Ghusain:Wir müssen auch, bei allem Verständnis für Zahlen und Defizite, über Ziele reden. Was ist unser Auftrag? Worum geht es eigentlich? Ich hab ein explizites Verständnis von dem Auftrag, den ich hier erfüllen soll.

Wie verstehen Sie ihn?

Al Ghusain: An dem Punkt werde ich leidenschaftlich, denn wir sind gerade in der öffentlichen Kulturförderung aufgerufen, uns für eine moderne Kulturpolitik einzusetzen, die sagt, auch Popkultur gehört zur öffentlichen Kulturförderung. Wir haben im Kulturetat 20 Millionen Euro und davon gehen 0,3 Millionen in die Popkultur. Ich sage: Es muss auch im Bereich der öffentlichen Kulturförderung dazugehören, dass wir eine anspruchsvolle Popkultur auch als unsere Aufgabe erkennen, weil wir damit Menschen erreichen, die wir vielleicht bislang nicht erreicht haben.

Viele Ratsmitglieder halten den Ort und Jahreszeit für das Besondere am Hafensommer. Für die Hafensommer-Gänger ist es die musikalische Vielfalt, gepaart mit hoher künstlerischer Qualität. Können Sie diese Qualität in diesem Jahr halten?

Al Ghusain: Davon gehe ich aus. Daran arbeiten wir. Wir wollen natürlich die Qualität halten und die Menschen erreichen.

Was werden Sie programmatisch ändern, wenn jetzt das Kulturamt in die Programmplanung eingebunden ist?

Al Ghusain:Was mir wichtig ist: Das ist ein Festival für diese Stadt, die Menschen in dieser Stadt und wir sind vernetzt mit vielen Institutionen. Und das möchten wir noch stärker herausstellen.

Mit wem ist der Hafensommer vernetzt? Die freie Kulturszene bleibt jedenfalls auf Distanz. Ihr Dachverband findet keine Worte des Bedauerns für die Nöte des Festivals und stellt klar, dass er es für „kein Zentrum des Würzburger Kulturlebens“ hält.

Al Ghusain: Ich habe die Stellungnahme des Dachverbandes anders gelesen. Er hat Verständnis geäußert für die Absage, weil die Vertreter des Dachverbandes wissen, was es heißt, ein Festival zu organisieren. Und die Aussage, dass der Hafensommer nicht das Zentrum des Würzburger Kulturlebens sei, finde ich in seiner Nüchternheit gar nicht verkehrt, denn ich bin genauso für das Mozartfest zuständig und ich freue mich auch über das Africa Festival und das Umsonst & Draußen. Das ist doch die Qualität unseres Kulturlebens, dass es ganz viele Akteure gibt, die eine gute Arbeit machen.

Und die Vernetzung?

Al Ghusain: Die gibt es an sehr vielen Stellen. Zum Beispiel haben wir in den letzten Jahren regelmäßig mit dem DAHW zusammengearbeitet, mit dem Deutschen Aussätzigenhilfswerk. Wenn ich mich an die Band Staff Benda Bilili zurückerinnere, wo Afrikaner in Rollstuhl auf der Bühne gewesen sind, die durch eine Lepraerkrankung ihre Behinderung bekommen haben, und das DAHW uns dabei unterstützt, dann merke ich, dass wir Partner haben, die unsere Ansätze teilen. Wenn wir mittlerweile über 50 Partner und Sponsoren haben, die uns unterstützen, dann sind das auch Partner in dieser Stadt, mit denen wir ganz eng zusammenarbeiten.

Es gibt Förderer, die uns wirklich mit großem Herzblut unterstützen. In der Würzburger Architektenszene gibt es eine große Sympathie, weil die dieses Ambiente verstanden haben, dieses urbane Milieu rund um den Alten Hafen, die verstanden haben, dass wir auch Stadtentwicklung machen dort, indem wir dieses Kulturquartier entwickeln. Der Hafensommer ist nicht nur Musikprogramm, sondern hat auch den Anspruch, ein gesamtes Quartier zu gestalten.

Wird der kommende Hafensommer über die Zukunft des Festivals entscheiden? Der Stadtrat könnte über das endgültige Aus nachdenken, wenn das Minus weiter steigt.

Al Ghusain: Wir haben in der Stadtratssitzung auf die Risiken hingewiesen und werden auch in den nächsten Wochen und Monaten bis zum Festivalbeginn den Stadtrat sehr engmaschig informieren. Wir haben eine spezielle Location, die alle toll finden. Wir haben eine Bühne auf das Wasser gestellt, dafür braucht es eine Infrastruktur. Die Kosten dafür muss man aufbringen, wenn man diese Location bespielen möchte. Am Ende muss man auch sagen: Jedes Festival ist vom Wetter abhängig. Wir können das tollste Programm auf die Beine stellen, aber wenn es zwei Wochen regnet, garantiert auch keiner für einen positiven Abschluss.

Insofern plädiere ich für ein Stück Gelassenheit an dieser Stelle. Wir machen unsere Arbeit so gut es geht und hängen uns rein mit 150 Prozent unserer Arbeitskraft und mit unserer Kreativität, aber man muss uns jetzt auch arbeiten lassen und cool bleiben. Wir brauchen auch am Ende eine Vorfreude auf so ein Festival und auch eine Zugewandtheit. Man soll verstehen, worum es uns inhaltlich geht. Und wenn man das möchte, sollte man uns auch Rückenwind und Unterstützung geben. Und so habe ich – trotz manch verstörender Bemerkung im Tonfall – die Debatte im Stadtrat und auch in der Öffentlichkeit verstanden.

  
Nach drei Jahren auf den Mainwiesen kehrt der Hafensommer an seinen Ursprung zurück, mit der Bühne im Hafenbecken und dem Publikum auf der Hafentreppe.
Nach drei Jahren auf den Mainwiesen kehrt der Hafensommer an seinen Ursprung zurück, mit der Bühne im Hafenbecken und dem Publikum auf der Hafentreppe. Foto: Christoph Weiß

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