Mateh Yehuda

Israel-Tagebuch: "Wir sind ein seltsames Land"

Israel ist seit seiner Gründung eine Multi-Kulti-Nation. Das ist spannend und interessant, aber keineswegs konfliktfrei.
In einer Tagespflegeeinrichtung werden viele alte Menschen betreut, die kurz nach der Gründung des Staates Israel dort eine neue Heimat gefunden haben. Foto: Gerhard Meißner

"Wenn man diese Hände spürt, spürt man die Arbeit, mit der sie dieses Land aufgebaut haben", sagt Miri Iwler, "es ist ein Privileg für mich, diese Leute zu kennen." Miri ist Betreuerin in einer Tagespflegeeinrichtung für Senioren, wenige Meter vom Landratsamt von Mateh Yehuda entfernt. Viele der rund 100 alten Menschen, die dort täglich betreut werden, sind kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 nach Israel eingewandert. In den muslimischen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas waren sie als Juden vertrieben und diskriminiert worden.

In die neue Heimat brachten Sie ihre Kultur, ihre Lebens- und Essgewohnheiten, ihre Sprache mit und bildeten so das Fundament für die Multi-Kulti-Nation, die Israel bis heute geblieben ist. Diese Vielfalt an unterschiedlichen Ethnien und religiösen Strömungen birgt aber auch bis heute viele Konflikte. "Wir sind ein seltsames Land", sagt Benjamin Kedem, der als Musiklehrer im Yad Harif Kulturcenter gegen diese Konflikte ankämpft.

In einem landwirtschaftlichen Zentrum wurden Bäume gepflanzt, die als Symbol für die Partnerschaft gedeihen sollen. Im Bild von links Übersetzerin Rivka Scherpf, Kreisrat Peter Rost, Managerin Ela Zangy, Landrat Eberhard Nuß, Weinkönigin Carolin Meyer, stellvertretender Landrat Ernst Joßberger und die Röttinger Weinprinzessin Anne Leschert-Fug. Foto: Gerhard Meißner

Etwa 1000 Kinder besuchen das Center und belegen Kurse in Tanz, Musik oder Kunst. Selbst ein Radiostudio gibt es dort. Einige Kinder kommen aus arabischen, die meisten aber aus jüdischen Familien. "Die Araber sind eine kleine Minderheit, die leben wie die Juden auch", sagt Benjamin. "Zwischen den einzelnen Strömungen der Juden ist es viel schwieriger." Ein Drittel davon wurden säkular erzogen, die übrigen gehören unterschiedlichen religiösen Strömungen an, von liberal bis ultraorthodox. "Jede Gruppe glaubt, die besseren Juden zu sein", sagt Benjamin Kedem. Deshalb ist es ein wichtiges Anliegen für ihn, sich über diese Unterschiede hinweg zusetzen. 

"Wenn man diese Hände spürt, spürt man die Arbeit, mit der sie dieses Land aufgebaut haben."
Miri Iwler, Altenbetreuerin

Seltsam erscheint auch die Geschichte von Shakib Artul. Shakib ist Besitzer des Weinguts Mony im Sorek-Tal, dem biblischen Schauplatzes des Kampfes zwischen David und Goliath. Sein Großvater, ein arabischer Christ, war einst aus dem Norden des Landes hierher gezogen und hatte auf den Ländereien des ehemaligen Klosters Deir Rafat sein Weingut aufgebaut, das heute zu den besten des Landes zählt. Obwohl auch Shakib Christ ist, produziert sein Weingut koscheren Wein, der eigentlich nur von gläubigen Juden nach strengen Regeln hergestellt werden darf.

Winzer Shakib Artul lässt Weinkönigin Carolin Meyer von seinem Cabernet Sauvignon probieren. Foto: Gerhard Meißner

Der Trick dabei: Jeder Handgriff von der Lese bis zum Ausbau im Keller wird von strenggläubigen Juden verrichtet, die auf dem Weingut mitarbeiten. Das Gewölbe, in dem die Barriques lagern, ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Shakib darf hineinschauen und seine Mitarbeiter anweisen, die Fässe berühren darf er bis zur Abfüllung nicht. Darüber wacht der Rabbiner, der den Wein später auch als koscher bestätigt. Der Aufwand hat seinen Preis, eine Flasche kostet im Schnitt 20 Euro. Das Ergebnis jedoch hält auch dem Urteil jedes Nichtjuden stand. Weinkönigin Carolin Meyer und Weinbaupräsident Artur Steinmann sind begeistert.

Redakteur Gerhard Meißner begleitet eine Delegation aus dem Landkreis Würzburg in den israelischen Partnerlandkreis Mateh Yehuda und berichtet davon täglich in seinem Reisetagebuch.

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