Ist die alte Synagoge noch zu retten?

Zwei Bauforscherinnen haben den Auftrag, die alte Synagoge zu untersuchen – ein ziemlich marodes und heruntergekommenes Gemäuer.
Einbruchsicher: Anne-Kristin Göller vermisst den Dachboden der Synagoge. Dabei ist der Bauforscherin schon ein bisschen mulmig zumute. Denn das Holzgebälk macht alles andere als einen sicheren Eindruck. Aber es hält noch.
Einbruchsicher: Anne-Kristin Göller vermisst den Dachboden der Synagoge. Dabei ist der Bauforscherin schon ein bisschen mulmig zumute. Denn das Holzgebälk macht alles andere als einen sicheren Eindruck. Aber es hält noch. Foto: Thomas Fritz

Gell, Sie räuma endlich des alta Gerutsch auf!“, ruft der Nachbar von nebenan, ein älterer Herr, zwei jungen Frauen zu. Die beiden winken ab, schleppen ihre schweren Koffer weiter das Gerüst hoch. „Der Dachboden trägt. Keine Sorge“, ruft Anna-Kristin Geller ihrer Kollegin zu. Die schaut skeptisch. Hat sie doch im Hinterkopf, dass ein Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege schon einmal durch das Dach gebrochen ist. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Kristina Bornschlägel setzt vorsichtig einen Fuß nach den anderen. Geschafft. Die beiden Bauforscherinnen können mit ihrer Arbeit beginnen.

Ein riesiger Haufen Schutt liegt neben dem historischen Haus. Ein Alteisenhändler kommt zufällig vorbei. Er freut sich über die alte Dachrinne, die aus den Steinen hervor lugt. „Renoviert ihr?“, fragt er die beiden jungen Architektinnen. Die überlegen kurz, schauen auf die durchgebrochenen Decken und all den Bauschutt ringsherum. „Nein“, antworten sie schließlich kurz und bündig und überlegen, ob die Frage des Alteisenhändlers nicht doch auch zynisch gemeint war.

Wahrlich fällt es schwer, sich das alte eingefallene Gemäuer renoviert vorzustellen. Der Besitzer will es abreißen. Die Giebelstadter Gemeinderäte hat er auf seiner Seite. Nur, so einfach ist die Sache nicht. Denn das Haus hat eine geschichtliche Bedeutung. Als wichtigstes Zeugnis jüdischer Geschichte steht es auf der Denkmalschutzliste.

In Allersheim zweifeln viele an der historischen Bedeutung des Hauses als Synagoge. Bis vor ein paar Jahren habe auch keiner davon gewusst. Kein Wort wurde darüber im Heimatkundeunterricht verloren. Anders verhält es sich mit dem jüdischen Friedhof am Ortsrand. „Das ist etwas Greifbares“, sagt Hans Eidel, Allersheimer und zweiter Bürgermeister im Markt Giebelstadt. Die Synagoge jedoch haben die Allersheimer bislang nur als normales Wohnhaus wahrgenommen.

Dass das kleine Wohnhaus aber auch der jüdischen Gemeinde in Allersheim als Synagoge diente, wird an mehreren Stellen deutlich. Die Bambergerer Bauforscherinnen zeigen sie. Unter dem Dach – die Treppe dorthin ist eingefallen – haben sie kleine Bögen in den alten Dachbalken entdeckt. Das deutet daraufhin, dass hier ein Holztonnengewölbe über den Gebetsraum im Stockwerk darunter gespannt war, sagen sie. Die Decke dazwischen wurde wohl erst später eingezogen. Am Giebel sind stellenweise auch Hinweise auf ein großes Fenster zu finden. Spuren eines sogenannten Misrach-Fensters, das nach Osten – also in Richtung Jerusalem – ausgerichtet war.

Anne-Kristin Geller und ihre Kollegin Kristina Bornschlögl dokumentieren alles. Sorgfältig vermessen sie jeden Winkel des stark einsturzgefährdeten Hauses. Wenn alle Messpunkte erfasst sind, wird das Aufmaß mit Bleistift auf Karton geplottet. „Das hält noch am längsten“, erklären sie. Viel länger jedenfalls als digitale Daten, die auf eine silberne DVD gebrannt werden. Die Arbeit der beiden Architektinnen, die zusätzlich zu ihrem Diplom auch einen Magister in Denkmalpflege haben, ist eine Anordnung der Denkmalschutzgebäude. Zumindest möchte die Behörde, sollte ein Abriss des Gemäuers unausweichlich sein, vorher alles dokumentiert und den Bestand aufgenommen haben. Wenn die beiden Bauforscherinnen ihre Arbeit abgeschlossen haben, wird sich auch noch eine Archäologin das Haus in der Allersheimer Hauptstraße Nr. 20 näher anschauen. Auch das Alter der verwendeten Hölzer soll bestimmt werden.

Die Arbeit der beiden Bauforscherinnen könnte aber auch nützlich sein, für einen eventuellen Wiederaufbau des Gebäudes im Freilandmuseum in Bad Windsheim. Museumsleiter Herbert May hat Interesse, will aber erst die Voruntersuchungen und die restauratorischen Befunde abwarten. „Eine alte Ortssynagoge wie diese in Allersheim würde unser Gebäudeprogramm sicherlich bereichern“, sagt er. Und dann gelte es festzustellen, was an dieser alten Bausubstanz noch zu retten ist. „Eine Rekonstruktion macht keinen Sinn. Die beste Lösung wäre noch der Erhalt vor Ort“, so Museumsleiter May.

Im und am kleinen Fachwerkhaus gibt es noch mehr jüdische Spuren. Da ist ein kleines, in Sandstein gefasstes, Wasserloch im Keller: die Mikwe – das rituelle Bad der jüdischen Gemeinde. Die beauftragte Archäologin will sich durch haufenweise Schutt im Keller graben und dieses Zeugnis jüdischer Geschichte in Allersheim noch näher betrachten. Neben der Eingangstür ins verfallene Wohnhaus ist am Türpfosten noch deutlich der Abdruck einer Mesusa, einer am Pfosten der Haustür befestigten Schriftkapsel zu sehen.

Dunkle Wolken ziehen über der Synagoge auf. Voller Sorge blicken die beiden Architektinnen nach oben und packen vorsorglich schnell ihr wertvolles Equipment wieder ein. „Bei einem Gewitter sind wir hier schnell weg“, sagen sie beide hastig. Die beiden wissen, wovon sie sprechen. In den Kirchgaden von Thüngersheim wären sie beinahe mal vom Blitz getroffen worden. Und seitdem sitzt der Schrecken tief.

Eingefallen: Der Treppenaufgang zum Dachboden, zerlegt in seine Einzelteile.
Eingefallen: Der Treppenaufgang zum Dachboden, zerlegt in seine Einzelteile.

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