Würzburg

Ist unsere Rente sicher, Frau Buntenbach?

Wird die Rente in Zukunft finanzierbar sein? Vor allem wenn ab 2024 die ersten Babyboomer in Rente gehen? Was tut die Rentenkommission? Fragen an Annelie Buntenbach.
Einmal im Jahr treffen sich Vertreter der Deutschen Rentenversicherung Bund in Würzburg. Annelie Buntenbach (Mitte) mit Gundula Roßbach, Alexander Gunkel und Stephan Fasshauer (von links) vor dem Würzburger Burkardushaus. Foto: Thomas Obermeier

Die rund 20 Millionen Rentner in Deutschland können sich auch in diesem Jahr auf eine deutliche Erhöhung ihrer Bezüge im Juli freuen. In Westdeutschland werden die gesetzlichen Renten voraussichtlich um 3,18 Prozent steigen, in Ostdeutschland sogar um 3,91 Prozent. Doch die Stimmung wird nicht lange so freudig bleiben. In etwa vier Jahren gehen die ersten Babyboomer in Rente – und dann wird es eng. Die Bundesregierung hat eine Rentenkommission eingesetzt, die dafür Sorge tragen soll, dass die Rente sicher bleibt. Annelie Buntenbach ist Mitglied der Rentenkommission und erzählt, wie es um die Zukunft der gesetzlichen Rente bestellt ist.

Ist die Zukunft der gesetzlichen Rente sicher?

Annelie Buntenbach: Wir können die Zukunft der gesetzlichen Rente sichern, aber dafür muss die Politik die Weichen richtig stellen. Es geht darum, langfristig das Rentenniveau zu stärken und zu sichern. 

Wie wird es sich auf das Rentensystemauswirken, wenn demnächst die Generation der Babyboomer in Rente geht?

Buntenbach: Wir leben in einer alternden Gesellschaft, das heißt wir müssen umso mehr darauf achten, dass die Jungen eine Chance haben, in gute Arbeit zu kommen.  Wir müssen insgesamt dafür sorgen, dass sich viele an Erwerbsarbeit beteiligen können und so auch Sozialbeiträge bezahlen. Insgesamt werden wir mehr für Alterssicherung ausgeben müssen. Nun geht es darum, die Kosten dafür gerecht zu verteilen.

Jemand der 35 Jahre immer nur den Mindestlohn verdient hat, wird später einmal keine auskömmliche Rente bekommen. Müsste die Politik nicht da ansetzen?

Buntenbach: Damit am Ende die Rente stimmt, ist es wichtig, dass es gute Löhne gibt. Gerade dann, wenn das Einkommen nicht so hoch ist, man Angehörige gepflegt oder Kinder erzogen hat, auch bei diesen Menschen muss die Rente stimmen. Wir unterstützen daher auch die Grundrente, die der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf den Weg bringen will. 

Zeigt die Einwanderung bereits Wirkung auf unser Rentensystem?

Buntenbach: Wir müssen es schaffen, auch Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dann werden auch sie in die Sozialversicherungssysteme einzahlen, das wirkt sich dann positiv auf die Rentenversicherung aus. Das gleiche gilt, wenn es uns gelingt, die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen und auch Arbeitslose wieder ins Berufsleben zu integrieren. Das alles stabilisiert die Rentenversicherung.

Müssen wir das Renteneintrittsalter anheben, so wie es zum Beispiel die Wirtschaftsweisen fordern?

Buntenbach: Das halte ich für falsch, denn der Zugewinn an Lebenserwartung ist ganz unterschiedlich verteilt. Diejenigen, die ein hartes Arbeitsleben hinter sich haben und wenig verdient haben, haben – im Verhältnis – eine kürzere Lebenserwartung. Für sie bedeutet die Anhebung des Renteneintrittsalters eine Rentenkürzung. Diese Menschen – Erzieher, Busfahrer, Schichtarbeiter, Krankenschwestern und - pfleger – werden es einfach körperlich nicht schaffen, noch länger zu arbeiten.

Annelie Buntenbach, Mitglied DGB-Bundesvorstand und Vertreterin der Gewerkschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung. Foto: DGB/Simone M. Neumann

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass in Zukunft auch Selbstständige in die Rentenversicherung einzahlen. Wird das kommen?

Buntenbach: Das ist längst überfällig. Wir müssen Selbstständige in die Rentenversicherung mit einbeziehen, damit sie im Alter auch gut abgesichert sind. Diese Forderung steht im Koalitionsvertrag und ich erwarte, dass sie noch in diesem Jahr umgesetzt wird. 

Der heutigen Rentnergeneration geht es gut wie nie, trotzdem hält sich das Thema Altersarmut im politischen Diskurs. Wie passt das zusammen?

Buntenbach: Bislang beziehen nur etwa drei Prozent der Rentner Grundsicherung im Alter. Aber laut dem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands werden immer mehr Menschen in Zukunft auf diese Grundsicherung angewiesen sein, nämlich etwa 16 Prozent der Bevölkerung sind von dem Risiko Altersarmut betroffen. Das sind Zahlen, die man ernst nehmen muss. Es liegt zum großen Teil daran, dass Deutschland den größten Niedringlohnsektor in ganz Europa hat. Und wer keinen guten Lohn hat, kann auch keine gute Rente erwirtschaften.

Die Renten steigen ab Juli um 3 Prozent. Wie lässt sich das der arbeitenden Bevölkerung vermitteln, die von solchen Lohnsteigerungen nur träumen kann?

Buntenbach: Die Rentenerhöhung richtet sich nach der Rentenformel. Wir als Gewerkschaft wollen, dass die Renten der Lohnentwicklung folgen - in guten wie in schlechten Zeiten.

Sie sind Mitglied der neu eingesetzten Rentenkommission. Um was kümmert sich das Gremium genau?

Buntenbach: Wir haben vereinbart, dass wir aus der Arbeit der Rentenkommission erst mal nichts erzählen. Die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente muss gestärkt werden, darin sind wir uns einig. Wir als Gewerkschaft setzten uns dafür ein, dass das Rentenniveau nicht weiter gesenkt wird und auch das Renteneintrittsalter nicht weiter angehoben wird. Es ist ein intensives Arbeiten mit Experten. 

Es wurde mehrfach kritisiert, dass die Mitglieder der Rentenkommission ab 2015 selbst fast schon im Rentenalter sind und es keine jüngeren Mitglieder gibt. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf? 

Buntenbach: Die Rentenkommission wurde so von der Bundesregierung einberufen. Wir hätten uns gewünscht, dass auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände mit in die Arbeit einbezogen werden, das hätte sicher die Alterszusammensetzung noch verändert. Es werden aber auch bewusst junge Leute zum Gespräch und zum Austausch eingeladen.

Von welchem Land kann Deutschland in Sachen Rente am meisten lernen?

Buntenbach: Österreich ist für uns sehr spannend. Dort gibt es eine gesetzliche Rente, in die alle einzahlen, auch Selbstständige. Dort stimmt auch das Rentenniveau und es gibt eine spezielle Absicherung für Niedrigeinkommen. Es gibt sogar eine Rente für Schwerarbeiter, also für alle diejenigen, die im Arbeitsleben großen körperlichen Herausforderungen ausgesetzt waren. Aber natürlich kann man das nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen.

Die Grundrente wird ja auch in diesem Jahr noch verabschiedet werden. Was denken Sie: mit oder ohne Bedürftigkeitsprüfung?

Buntenbach: Ich halte es für dringend notwendig, dass die Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung kommt - und zwar auch möglichst bald. Davon würden rund drei Millionen Menschen profitieren. Die Idee ist, dass diejenigen, die lange gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben auch eine Rente bekommen, von der sie leben können. Dafür sollten sie sich nicht rechtfertigen müssen. Gäbe es eine Bedürftigkeitsprüfung, würden viele aus Scham wieder nicht zum Amt gehen, um ihren Anspruch wahrzunehmen. Das sehen wir jetzt schon sehr häufig bei der Grundsicherung.  

Was ist die Rentenkommission?
Eigentlich wollte die CDU/CSU bis 2030 nichts am Rentensystem ändern. Das hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2017 erklärt. Doch inzwischen steht das Thema Rente wieder auf der politischen Agenda. Seit Juni 2018 beschäftigt sich eine Kommission "mit den Herausforderungen der nachhaltigen Sicherung und Fortentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung und der beiden weiteren Rentensäulen", also der privaten und der betrieblichen Altersversorgung. Am 3. Mai 2018 hat Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, die Mitglieder der Rentenkommission benannt. Neben den zwei Vorsitzenden gehören der Kommission acht weitere Mitglieder an. Vorsitzende der Rentenkommission sind Gabriele Lösekrug-Möller (SPD) und Karl Schiewerling (CDU).
Weitere Mitglieder sind:
  • Annelie Buntenbach, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB),
  • Alexander Gunkel, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)
  • Katja Mast, MdB, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD
  • Hermann Gröhe, MdB, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU
  • Stephan Stracke, MdB, Stellvertretender Vorsitzender der CSU im Bundestag
  • Dr. Axel Börsch-Supan, Direktor Munich Center for Economis of Aging, Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik
  • Dr. Simone Scherger, Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Lebenslauforientierte Sozialpolitik, Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
  • Dr. Gert G. Wagner, Vorsitzender des Sozialbeirates, Senior Research Fellow am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin
Ihre erste, konstituierende Sitzung hatte die Rentenkommission am 6. Juni 2018. Die Rentenkommission soll ihre Empfehlung im März 2020 vorlegen.

Rückblick

  1. So kann es gelingen: Älter werden im Beruf
  2. "Gemeinsam gegen Altersarmut": Werden die Proteste von Rechts instrumentalisiert?
  3. Krise oder Chance? Wie man sich auf den Ruhestand vorbereitet
  4. Altersarmut: Warum Rentner jetzt auf die Straße gehen
  5. Faktencheck: Haben Beamte im Alter mehr Geld als Rentner?
  6. "Rente" – das neue Magazin ist da
  7. Alles rund um Rente: Was Sie beachten sollten
  8. Telefonaktion: Fragen rund um die Rente
  9. Rat von Experten: Was tun, wenn man im Alter süchtig ist?
  10. Erst mit fast 70 in die Rente?
  11. Franz Müntefering spricht in Würzburg über das Älterwerden
  12. Doppelte Sozialabgabe bei Betriebsrente: Protest aus der Region
  13. Ungerechte Doppelverbeitragung? Ärger über die Betriebsrente
  14. Rentenantrag: Wie die Rente pünktlich aufs Konto kommt
  15. Sind Immobilien die beste Altersvorsorge?
  16. Bevölkerungsprognose: Wie Unterfranken altert
  17. Zwei Senioren erzählen: Wie das Leben im Alter wirklich ist
  18. Ärger über die neue Mütterrente
  19. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Mütterrente
  20. Kommentar: Frauen, lasst eure Männer putzen!
  21. Mit diesen zehn Tipps bekommen Frauen mehr Rente
  22. Altersarmut: Frauen sind besonders betroffen
  23. Was Sie tun können, wenn Sie nicht in Rente gehen wollen
  24. Altersvorsorge: Die Rente zu berechnen soll einfacher werden
  25. Buchtipp: Das Rentensystem verstehen
  26. Rentenerhöhung: Plötzlich steuerpflichtig
  27. Früher in Rente wird immer beliebter
  28. Deutsche beziehen immer länger Rente
  29. Ist unsere Rente sicher, Frau Buntenbach?
  30. Damit der Übergang in den Ruhestand nicht schiefgeht
  31. Silver Society: Die jungen Alten kommen
  32. Pro: Die Riester-Rente ist besser als ihr Ruf
  33. Kontra: Die Riester-Rente ist tot
  34. Verständlich erklärt: Was ist die Riester-Rente?
  35. Rente: Deshalb sollte sie zum Schulfach werden
  36. Fragen und Antworten zur Erwerbsminderungsrente
  37. Erwerbsminderungsrente: Fast jeder zweite Antrag scheitert
  38. Ruhestand: Zehn Tipps für ein langes Leben
  39. Video: Azubi Max erklärt die Rente
  40. Verstößt die Zwangsverrentung gegen die Menschenrechte?
  41. Rente: Was ist wichtig und was ist zu beachten?
  42. Altersvorsorge: So legen Sie Ihr Geld gut an - auch im Alter
  43. Fachkräfte gesucht: Erfahrung ist der größte Schatz
  44. Telefonaktion: Fragen rund um die Rente
  45. Akademiker und Selbständige arbeiten besonders lange
  46. Psychisch krank? So wird man wieder fit für den Job
  47. Mit der Reha zu neuem Lebensmut
  48. Altersrentner: So viel können Sie hinzuverdienen
  49. Von wegen Ruhestand: Warum Franz Marold immer noch Lkw fährt
  50. Inge Gehrold: "Die Bäckerei ist mein Leben"

Schlagworte

  • Würzburg
  • Claudia Kneifel
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel
  • Bundesminister für Arbeit und Soziales
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  • Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
  • CDU
  • CSU
  • Deutscher Bundestag
  • Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
  • Gabriele Lösekrug-Möller
  • Hermann Gröhe
  • Hubertus Heil
  • Karl Schiewerling
  • Katja Mast
  • Max-Planck-Gesellschaft
  • Rente
  • SPD
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!