Kitzingen/Würzburg

Jäger gegen Jäger:"Wir halten Grünen-Vorschlag nicht für Unsinn"

Wald vor Wild? Ökologische Jäger und Forstleute stellen sich hinter den Grünen-Vorschlag und kritisieren die Aussagen des Bayerischen Jagdverbandes. Zu Recht?
Archivbild: Eine Jägerin zielt am 27.08.2014 bei Fellbach (Baden-Württemberg) mit einem Gewehr. 
Archivbild: Eine Jägerin zielt am 27.08.2014 bei Fellbach (Baden-Württemberg) mit einem Gewehr.  Foto: Sebastian Kahnert, dpa

"Wald vor Wild": Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Jägern und Förstern wird durch die Klimaschäden in den bayerischen Wäldern neu entfacht. Stein des Anstoßes ist der Vorschlag von Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen im Bayerischen Landtag. Er forderte im Gespräch mit dieser Redaktion, mehr Rehe zu schießen, die Jagd effektiver und attraktiver zu machen und die Winterfütterung zu verbieten. Andernfalls drohe das geplante Aufforstungsprogramm von Ministerpräsident Markus Söder, zu einem "gigantischen Wildfütterungsprogramm" zu werden.

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Vertreter des Bayerischen Jagdverbandes kritisierten die Grünen-Vorschläge mit deutlichen Worten. "Selbst wenn wir alle Rehe erschießen, hätten wir die Probleme wie Trockenheit, Schädlinge und Krankheiten, an denen der Wald leidet, nicht gelöst", sagte Jäger Michael Hein, Vorsitzender der Kreisgruppe Würzburg.  Die Pressesprecherin des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), Gertrud Helm, setzte noch eins drauf: "Die forstlichen Gutachten, die seit Jahren immer höhere Abschüsse fordern, sind das falsche Instrument. Es muss endlich Lebensraum geschaffen werden. Wenn ich alles tot schieße, was den Kopf herausstreckt", führe dies im Gegenteil dazu, dass sich das Wild ins Dickicht der jungen Bäume zurückziehe und dort fresse. Darüberhinaus sei die Winterfütterung wichtig, denn sie locke Wild von den Bäumen weg. Die Grünen-Vorschläge seien Unsinn, so der Tenor der Jäger.

Wird Steuergeld verschwendet?

Dem widersprechen die Jäger des Ökologischen Jagdverbandes (ÖJV). Deren Vorsitzender, Wolfgang Kornder, schreibt: "Wir halten die Vorschläge von MdL Ludwig Hartmann (Grüne) nicht für Unsinn". Ohne Schutzmaßnahmen wie Zäune hätten neue Setzlinge in vielen Teilen Bayerns kaum eine Chance. Doch Wildschweine heben die Zäune hoch. Rehe bedienen sich anschließen am teuren Pflanzgut. Die Verschwendung von Steuergeldern sei programmiert. Gerade in Unterfranken, wo es viele vom Bayerischen Staatsministerium für  Ernährung, Landwirtschaft und Forsten als rot eingestufte Hegegemeinschaften gibt, werde oft "Wild vor Wald" gelebt. Er fordert unter anderem revierübergreifende Drückjagden, eine Verlängerung der Jagdzeit bis Ende Januar und den Einsatz von Nachtsichtgeräten bei der Jagd von Rehen.

Die Population des Wildes sei an den Lebensraum anzupassen – nicht umgekehrt. Dies funktioniere selbst im Bereich Kitzingen mit einem Waldanteil von nur 22 Prozent. Selbst dort gebe es grüne, wenig verbissene, Reviere. Der BJV-Kreisgruppe in Kitzingen unterstellt Kornder, in ihrer Petition an den Landtag nach dem Motto "Trophäenjagd vor Wald" zu argumentieren. Er schreibt: "Darauf kann sich eine Gesellschaft angesichts des Klimawandels nie einlassen, weil wir den Wald dringender brauchen denn je!"

"Gerade weil wir an Trockenheit, Schädlingen und Krankheiten kaum etwas ändern können, müssen wir an den Stellschrauben drehen, an denen es möglich ist."
Wolfgang Kornder, Vorsitzender des Ökologischen Jagdverbandes

Das Argument des Jagdverbandes, Winterfütterung verhindere den Verbiss, bezeichnet er als "Märchen". Vielmehr steige der Wildbestand, ebenso die Schäden. Deshalb sei die Fütterung auch nur in behördlich festgesetzten Notzeiten erlaubt und die habe es in Unterfranken in den letzten Jahrzehnten so gut wie nie gegeben. Im Raum Kitzingen führe der hohe Verbiss sogar dazu, dass die Eiche, eine relativ klimatolerante Baumart zunehmend verschwinde: "Ökologisch ein Desaster", so Kornder. Die Forstlichen Gutachten dokumentierten diese Entwicklung. An Jäger Michael Hein gerichtet, sagt Kornder: "Gerade weil wir an Trockenheit, Schädlingen und Krankheiten kaum etwas ändern können, müssen wir an den Stellschrauben drehen, an denen es möglich ist."

Weniger Rehe - gesündere Rehe?

Ähnlich äußert sich Peter Aichmüller, Forstoberrat am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. Bei extrem hoher Wilddichte hätten neue Bäume kaum eine Chance. Denn Rehe haben keine natürlichen Fressfeinde. Umso mehr Rehe man schießt, desto besser funktioniere die natürliche Verjüngung. Und "Bäume, die sich selbst aussäen, kommen mit den sich durch den Klimawandel verändernden Standortbedingungen besser zurecht als neu gepflanzte Bäume".

Wenn Tiere aus der Wildbahn genommen werden, bedeute das für die, die übrig bleiben: "Sie haben mehr Lebensraum, sind weniger krank, haben weniger Parasiten und bringen mehr Kitze zur Welt." Umgekehrt: Wenn das Rehwild im Wald nicht mehr genügend zu äsen findet, fresse es den Bauern die Ernte weg, alte und geschädigte Bäume werden immer schlechter und oft gehe über Jahre nichts voran im Wald. "In Zeiten des Klimawandels ist auch der Jäger in der Verantwortung. Jäger und Förster müssen miteinander, nicht gegeneinander arbeiten."

"In Zeiten des Klimawandels ist auch der Jäger in der Verantwortung. Jäger und Förster müssen miteinander, nicht gegeneinander arbeiten."

Peter Aichmüller, Forstoberrat am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen

 

Wie viele Rehe werden pro Jahr geschossen und warum?
Bayern ist mit rund 2,56 Mio. Hektar zu einem Drittel seiner Fläche bewaldet. Es gibt keine Region, in der das Reh nicht vorkommt. In Unterfranken werden in den waldreichen Landkreisen in der Rhön und im Spessart etwa 4000 bis 6000 Rehe pro Jahr geschossen, in den waldarmen Regionen zwischen 1000 und 4000 Rehe im Jahr. In ganz Bayern sind es etwa 320 000 und in ganz Deutschland rund 1,1 Millionen.
 
Seit 1986 erstellt die Bayerische Forstverwaltung für die rund 750 Hegegemeinschaften regelmäßige Forstliche Gutachten. 2018 dokumentierten Förster an mehr als zwei Millionen junger Waldbäume, ob die natürliche Verjüngung funktioniert und wie stark die Bäume von Wild verbissen werden. Auf dieser Basis entstehen Abschussempfehlungen. Wird eine Fläche als grün eingestuft, ist der Verbiss tragbar. Als rot gilt eine Fläche mit zu hoher Verbissbelastung. In Bayern sind das 47 Prozent. In Unterfranken ist der Verbiss, so das Gutachten 2018, in 48 Prozent der Waldgebiete zu hoch und in 15 Prozent sogar deutlich zu hoch.

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