WÜRZBURG

Kabarett im Würzburger Knast

Kabarett im Knast: Die Häftlinge reden und singen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.
Kabarett im Knast: Die Häftlinge reden und singen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Foto: Franz Nickel

„Hier is nix los“, bedauert ein Häftling und seine Tonlage ist genauso leer wie der Blick. Sein Nachbar sprüht dagegen vor Leben, rauft sich die Haare und fragt vehement: „Was kommt später?“ Die Antwort kennt der Dritte im Bunde – auf der Lethargie-Skala genau zwischen den beiden anderen: „Essen. Spätzle am Stück. Wie jeden Montag.“ Für ihre Darstellung im Kabarett-Sketch „Stumpfsinn“ bekommen die Akteure Beifall von Carmen Ruth und Tipps: „Das war gut, aber ihr müsst deutlicher sprechen.“

Sie besucht seit November 2010 einmal pro Woche die Justizvollzugsanstalt (JVA) Würzburg und erarbeitet mit interessierten Häftlingen im Projekt „Kabarett im Knast“ bissige Texte und Lieder. Nach 25 Doppelstunden bildet dann ein Auftritt die Krönung: Das siebenköpfige Ensemble gibt an diesem Donnerstag, 6. September, vor ausgewähltem Publikum in der JVA-Kapelle eine Kostprobe seines Könnens.

Von Anfang an mit von der Partie ist Claus K. (alle Namen von der Redaktion geändert). Der 31-Jährige schreibt die meisten Text-Rohfassungen, anschließend feilt Carmen Ruth Ecken und Kanten ab, und dann werden die Beiträge in die Tat umgesetzt. „Mir gefällt es, durch die Blume zu sagen, was nicht in Ordnung ist“, sagt der wegen Betrugs zu fünf Jahren Haft Verurteilte. Ideen erhält er durch Fernsehreportagen und Politmagazine, viele Themen liegen aber auch auf dem Zellenboden. „Vom Klo aus die Glotze sehen“ heißt es beispielsweise im Sketch „Die kleinen Dinge“. Ein rotes Tuch ist für ihn aber vor allem Kanzlerin Angela Merkel. Der Grund: Seiner Meinung nach hält sie fast keines ihrer Versprechen.

„Wir ziehen an einem Strang und sind das Sprachrohr aller Häftlinge.“

Kevin M., JVA-Insasse

Seit über einem Jahr gehört auch Philipp F. zur Kabarettgruppe. Er bezeichnet sich aufgrund häufiger Teilnehmerwechsel als „Dinosaurier“. Als ihn der pädagogische Dienst der JVA auf das Angebot aufmerksam machte, war er sofort Feuer und Flamme. „Grundvoraussetzung ist nur ein leichter Hang zu Ironie und Sarkasmus“, sagt er. Und etwas schauspielerisches Talent. Der 46-Jährige spielte während seiner Schulzeit Theater, darum fällt ihm das für viele schwierige Auswendiglernen von Texten nicht schwer.

„Kabarett im Knast bietet eine willkommene Abwechslung zum langweiligen Alltag“, unterstreicht Philipp F. Es treibt aber auch – zumindest vor der Aufführung – den Adrenalinpegel nach oben. „Jeder spürt das Lampenfieber. Wir haben aber Glück, dass unser Publikum nicht weglaufen kann.“ Sein Favorit in der Kabarettisten-Riege ist Georg Schramm, der früher im „Scheibenwischer“ und dann in „Neues aus der Anstalt“ mit spitzer Zunge Kritik an politischen Fehlern und gesellschaftlichen Tendenzen geübt hat.

Für Kevin M. ist das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe besonders wichtig: „Wir ziehen an einem Strang und sind das Sprachrohr aller Häftlinge.“ Der 45-Jährige freut sich auf die eineinhalb Stunden Kabarett pro Woche, obwohl er aufgrund der Arbeit und des Fernstudiums manchmal erschöpft ist. „Bisher habe ich nur einmal wegen Krankheit gefehlt“, sagt er.

Carmen Ruth erinnert sich, dass sie nach zwei Auftritten hinter schwedischen Gardinen die Idee zu diesem Freizeitangebot hatte. „Bis zur Verwirklichung musste ich weite Wege gehen“. Die gelernte Erzieherin und Musiklehrerin für Gitarre und Ukulele nimmt als Kabarettistin seit 18 Jahren kein Blatt vor den Mund und realisierte bereits sieben eigene Programme. Aktuell präsentiert sie „Carmen spielt Carmen“.

„Anfangs war es sehr chaotisch, weil die Teilnehmer noch nicht wussten, was Kabarett ist“, erinnert sie sich. Damals gehörte das Zuhören zu ihren Hauptaufgaben. Aus den Erzählungen, die sich meist um Probleme hinter Gittern drehten, entstanden dann die ersten Texte. Unter anderen „Brief an Tante Sabine“ (Bundesjustizministerin Leutheuser-Schnarrenberger): Darin ist zwar vom „Schließmuskelverschleiß“ der JVA-Beamten aufgrund zu häufigen Auf- und Zumachens von Türen die Rede, aber es „geht nie unter die Gürtellinie“ (Carmen Ruth).

Sie hat sich als Ziele von „Kabarett im Knast“ auf die Fahne geschrieben, dass die Häftlinge eigenverantwortlich denken, sich selbst besser präsentieren, ihre Freizeit sinnvoll gestalten und sich in der Gruppe wohlfühlen. Und dass sie erkennen, dass anstrengendes Arbeiten Spaß machen kann.

Bei den Proben ist sie allein unter Männern. Angst hatte sie noch nie, obwohl eine Zeit lang sogar ein Häftling mitmachte, der seine Frau getötet hatte. Ruth beeindruckt vor allem das in vielen steckende komödiantische Talent, das erst nach einiger Zeit zum Vorschein kommt. Und welche Ängste manche vor dem Auftritt haben, denn nach ihren Worten ist die Präsentation eine beachtliche Leistung.

Unklar ist noch, ob nach der Vorstellung am Donnerstag für Carmen Ruth der Vorhang fällt oder ob sie grünes Licht für 25 weitere Doppelstunden bekommt.

Wenn nicht, gäbe es keine Fortsetzung der Geschichte vom „Tod auf der Couch“. Da sitzt Philipp F. mit dem Schicksal am Stammtisch und hat eine „Mordslust“, es allen einmal zu zeigen. Besonders, wenn er bei Rechts- und Staatsanwälten sowie Richtern anklopfen muss. Weil die immer „wegen guter Führung“ verhandeln wollen.

Allein zwischen Männern: Carmen Ruth gibt auf der Ukulele den Ton an.
Allein zwischen Männern: Carmen Ruth gibt auf der Ukulele den Ton an.

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