Thüngersheim

Kahlschlag in Thüngersheim: Ist alles rechtens?

Die Aufregung ist groß: In Thüngersheim werden knapp zehn Hektar Wald gerodet. Eine Baustoff-Firma braucht mehr Abbaufläche. War alles ordnungsgemäß genehmigt?
Die Rodungen für den Thüngersheimer Steinbruch nehmen trotz Proteste ihren Lauf. 
Die Rodungen für den Thüngersheimer Steinbruch nehmen trotz Proteste ihren Lauf.  Foto: Thomas Obermeier

Im Minutentakt fallen die Bäume. Holzvollernter leisten ganze Arbeit. In Thüngersheim wird gerade ein Wald gerodet, weil die Baustoff-Firma Benkert ein größeres Abbaugebiet für Muschenkalk benötigt. Das Würzburger Landratsamt hatte dies bereits im Mai 2009 genehmigt und jeweils auf Antrag der Firma immer wieder verlängert. Doch die Genehmigung wirft viele Fragen auf. Naturschützer sind empört. Sie fordern einen sofortigen Stopp der Rodungen. Aber die Behörden prüfen erst einmal die Aktenlage.

Abbau von Muschelkalk hat Vorrang

Donnerstagnachmittag, zwei Tage nach dem Protest einiger Thüngersheimer werden weiter Bäume gefällt. Die Schneise im Wald ist von weither sichtbar. Schnell beseitigen Arbeiter die Reste, die ein Harvester hinterlassen hat. Es hat den Eindruck, hier sollen schnell Fakten geschaffen werden, bevor sich weiterer Protest formiert. Dort, wo vorher alte Laubbäume standen, seltene, teilweise geschützte Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum hatten, ist jetzt nichts mehr.

"Es macht den Eindruck, dass die Behörde den Rechtsschutz von Umweltverbänden durch eine restriktive Handhabung des Akteneinsichtsrechts unterlaufen möchte."

Wolfgang Baumann, Fachanwalt für Verwaltungsrecht

Protest gegen die Rodung gab es bereits. Am Dienstag haben sich rund 40 Thüngersheimer vor der Zufahrt zum Steinbruch spontan zusammengefunden, um zu zeigen, dass sie den Wald gerne bewahren möchten. Viele wussten gar nicht, dass die Baustoff-Firma beabsichtigt, ihren Steinbruch auszudehnen. Über die Genehmigung vor knapp zehn Jahren drang kaum etwas an die Öffentlichkeit. Auch der Bund Naturschutz in Würzburg hat nur zufällig davon erfahren. Erst sollen vier Hektar gerodet werden, insgesamt soll eine gesamte Fläche von 9,8 Hektar gerodet werden. Das bedeutet: Etwa 2500 Bäume sollen gefällt werden. Die Erweiterung des Steinbruchs wurde genehmigt, weil er in einem "verbindlichen Vorranggebiet für unteren Muschelkalk" liegt, teilt das Landratsamt mit. Und hier sei das Ziel des Regionalplans der Gewinnung von Bodenschätzen Vorrang gegenüber anderen Nutzungsansprüchen einzuräumen.  

Akteneinsicht verweigert

Als Fred Stahl, ein Kreisrat von Bündnis90/Die Grünen, vor wenigen Tagen davon hörte, wollte er zusammen mit Andrea Angenvoort-Baier, einer juristischen Beraterin seiner Fraktion, beim Würzburger Landratsamt Einsicht in die Akten nehmen. Doch diese wurde ihm aus datenschutzrechtlichen Gründen verwehrt. Nach dem Umweltinformationsgesetz habe die Behörde vier Wochen Zeit, habe ihm ein Mitarbeiter gesagt.

Die Thüngersheimer wollen ihren Wald retten.
Die Thüngersheimer wollen ihren Wald retten. Foto: Thomas Obermeier

"Der Sachverhalt ist fachlich und rechtlich komplex." 

Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken

Wolfgang Baumann, Fachanwalt für Verwaltungsrecht in Würzburg, hat dafür kein Verständnis. "Dass das Landratsamt sich auf eine Bearbeitungszeit von einen Monat zurückzieht, ist von der Sachlage und rechtlichen Seite nicht vertretbar", argumentiert Baumann. "Es macht den Eindruck, dass die Behörde den Rechtsschutz von Umweltverbänden oder Betroffener durch eine restriktive Handhabung des Akteneinsichtsrechts unterlaufen möchte", so Baumann. Das Landratsamt wollte dazu am Donnerstag nicht Stellung nehmen.

Behörden verweisen auf die komplexe Rechtslage

Der Grünen-Kreistagsfraktion geht es vor allem um die Frage, ob das Thüngersheimer Baustoffunternehmen auch eine artenschutzrechtliche Genehmigung hat. Diese, das ist auch die Meinung des Bund Naturschutzes (BN), sei unbedingt erforderlich. Steffen Jodl, Geschäftsführer der BN-Kreisgruppe Würzburg, geht davon aus, dass durch die Rodung nicht nur Tiere getötet werden, sondern auch Fortpflanzungs- und Ruhestätteten besonders geschützter Arten beschädigt oder zerstört würden. Dafür brauche es aus Sicht des Umweltverbandes eine Ausnahmegenehmigung nach Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes.  

Kleinholz. Trotz Proteste rodet die Firma Benkert weiterhin den Wald, um hier Muschelkalk abbauen zu können. 
Kleinholz. Trotz Proteste rodet die Firma Benkert weiterhin den Wald, um hier Muschelkalk abbauen zu können.  Foto: Thomas Obermeier

Das Landratsamt konnte bislang die Frage, ob die Firma Benkert im Besitz einer artenschutzrechtlichen Genehmigung ist, wegen der komplexen Rechtslage nicht beantworten. Die Regierung von Unterfranken prüft weiterhin einen Antrag des Bund Naturschutzes Würzburg, die Rodungen bei Thüngersheim sofort zu stoppen. "Der Sachverhalt ist fachlich und rechtlich komplex", sagt Pressesprecher Johannes Hardenacke am Mittwoch.  "Deshalb sind verschiedene Stellungnahmen einzuholen, bevor die Eingabe abschließend fachlich und rechtlich gewürdigt werden kann", so Hardenacke am Mittwoch.

Geschützte Tierarten nachgewiesen

Am Donnerstag schreibt er: "Tatsache ist, dass die betroffene Firma für die Erweiterung des Steinbruchs über eine bestandskräftige immissionsschutzrechtliche Genehmigung verfügt. In diese Genehmigung sind formell auch andere, zum Beispiel naturschutzrechtliche Genehmigungen, einbezogen." Offen bleibt, ob die Baustoff-Firma dabei mit ihren Rodungen im Thüngersheimer Wald gegen § 44 des Bundesnaturschutzgesetzt verstößt und geschützte Tierarten tötet, oder ob der Firma dies von den Behörden genehmigt wurde. Für weitere Fragen, auch was den Antrag des BN angeht, die Rodungen zu stoppen, verweist die Regierung dann wieder ans Landratsamt. Aber auch von dort gab es am Donnerstag keine Antworten. 

"Die spezielle artenschutzrechtliche Prüfung ist grottenschlecht. Das ist skandalös."

Steffen Jodl, Geschäftsführer der BN-Kreisgruppe Würzburg

Fest steht jedenfalls, dass es im Wald geschützte Tierarten gibt. Das hat die untere Naturschutzbehörde vor drei Wochen bestätigt und nennt das Ergebnis einer artenschutzrechtlichen Prüfung aus dem Jahr 2008. Haselmaus, Zauneidechsen, Gelbbauchunken, verschiedene Vogelarten, Raubvögel wie der Uhu und im Wald jagende Fledermausarten wurden festgestellt. Aber auch den Frauenschuh, eine seltene und geschützte Orchideenart, gibt es dort. Seit 2008 wurde die Natur aber nicht weiter beobachtet. "Der Waldbestand ist zehn Jahre älter geworden. Es ist aber nicht zu erwarten, dass sich neue Habitatstrukturen entwickelt und neue Arten angesiedelt haben", teilt die untere Naturschutzbehörde mit.

"Artenschutzrechtliche Prüfung ist grottenschlecht"

"Viele der Tiere stehen nach der europaweit gültigen FFH-Richtlinie oder nach den Vogelschutzrichtlinien unter Schutz", sagt Steffen Jodl. Um die Rodungen zu verhindern, hat der BN einen sofortigen Stopp bei der Regierung von Unterfranken beantragt. Diese allerdings verweist wieder auf das Landratsamt als zuständige Genehmigungsbehörde.

Kahlschlag in Thüngersheim: Ist alles rechtens?       -  Knapp zehn Hektar Wald sollen für die Erweiterung des Steinbruchs bei Thüngersheim gerodet werden.
Knapp zehn Hektar Wald sollen für die Erweiterung des Steinbruchs bei Thüngersheim gerodet werden. Foto: Main-Post-Grafik

Der BN-Geschäftsführer ist entsetzt über die Untätigkeit der Behörden. "Die spielen auf Zeit, damit die Firma Benkert vollendete Tatsachen schaffen kann." Jodl weiß auch warum. "Die spezielle artenschutzrechtliche Prüfung ist grottenschlecht. Das wissen auch die Behörden", sagt er und hat nur ein Wort dafür: "Skandalös."

Demonstration am Samstag

Währenddessen formiert sich weiterer Protest. Aus der Initiative "Ende Gelände", die auch im Hambacher Forst gegen den Braunkohletagbau aktiv war, hat sich inzwischen das Bündnis "Kein Hektar mehr" gegründet. Zusammen mit den Thüngersheimern wollen sie sich am Samstag um 11.15 Uhr vor dem Bahnhof treffen und von dort aus zum Steinbruch ziehen. Dazu sollen Unterschriften gesammelt werden und Gespräche mit der Firma Benkert geführt werden. Ob das allerdings noch etwas bringt, ist fraglich. Der Harvester leistet weiter ganze Arbeit - die Schneise im Thüngersheimer Wald wird immer größer. 

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