WÜRZBURG

Kardinal-Faulhaber-Platz: „Wollt ihr die Stadt kaputt machen?“

Kardinal-Faulhaber-Platz: „Wollt ihr die Stadt kaputt machen?“
Mehr als jeder zehnte Würzburger hat sich schon entschieden: Er stimmte für einen der beiden Entscheide zur Gestaltung des Kardinal-Faulhaber-Platzes. „Fast 14 500 Menschen machten bereits von der Briefwahl Gebrauch“, bestätigte Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) bei einer Veranstaltung zum Stadtratsbegehren „Grüner Platz – Innenstadt für alle“. Auch der größte Teil des Publikums schien schon fest entschieden. Echte Informationsfragen gab es deshalb kaum. Noch einmal begründeten die Befürworter des Ratsbegehrens am Mittwochabend im Mainfranken Theater ihren Vorschlag. Dabei dominierte das Stellplatzargument die Diskussion. „Ausschließlich eine grüne Fläche zu schaffen, das ist zu wenig“, so Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Eine Tiefgarage sei unabdingbar, da bereits viele Parkplätze in der Innenstadt weggefallen seien und etliche weitere wegfallen werden. Auch auf einer Tiefgarage könnten, aller Skepsis zum Trotz, Bäume mit großen Kronen gepflanzt werde, unterstrich Stadtbaurat Christian Baumgart: „Dass dies möglich ist, zeigt der Vodafone-Campus in Düsseldorf“. Auch auf der Tiefgarage des Alten Kranen habe „nennenswertes Grün gute Wachstumschancen“. Ein Substrat von 1,20 bis 1,50 Meter Dicke auf einem Tiefgaragendach reiche dafür aus. Nach Ansicht des Würzburger Wissenschaftlers Heiko Paeth allerdings haben Bäume, die auf Tiefgaragen wachsen, einen anderen Effekt als Bäume in freier Landschaft. Um eine gute Verdunstungsleistung erbringen zu können, müssten Bäume an Grundwasser herankommen, so der Experte für Fragen des Klimawandels. Inwiefern Bäume kühlen, habe nämlich nichts damit zu tun, ob sie große Kronen tragen, die Schatten werfen: „Wäre das so, könnten wir auch Sonnenschirme aufstellen.“ Tiefgaragen müssten Paeth zufolge sehr tief gebaut werden, um auf das Dach so viel Substrat aufbringen zu können, dass es den Bäumen möglich ist, tief zu wurzeln. Für Wolfgang Weier, Geschäftsführer von „Würzburg macht Spaß“, wäre jeder weitere Fortschritt in der Innenstadt bedroht, würden die Parkplätze auf dem Kardinal-Faulhaber-Platz ersatzlos wegfallen. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Innenstädten floriere Würzburg. Was sich an einer im bundesweiten Vergleich außerordentlich niedrigen Leerstandsquote ablesen lasse. Das Bürgerbegehren 2 schadet laut Weier dem Einzelhandel massiv. Was den WümS-Chef zu der von lauten „Buh-Rufen“ begleiteten Aussage veranlasste, nur, wer „Würzburg kaputt machen und langfristig abtöten“ wolle, stimme gegen das Stadtratsbegehren. Warum die IHK Mainfranken für das Stadtratsbegehren ist, erläuterte Vizepräsident Klaus Mapara. Der innerstädtische Handel sei unter anderem durch die Ausbreitung von eCommerce ohnehin gefährdet. Stellplätze seien nötig, um einer Verödung der City vorzubeugen: „Das Angebot künstlich zu verknappen, wäre schade und für die Innenstadt nicht gut.“ Der Würzburger Verschönerungsverein, obwohl ihm hartnäckig das Image eines „Verhinderungsvereins“ anhängt, tendiert laut seinem Vorsitzenden Matthias Rothkegel ebenfalls zum Stadtratsbegehren. „Sie sprechen einen Großteil der Mitglieder an“, erklärte er an OB Schuchardt gewandt. Er selbst befürworte die Variante mit Tiefgarage, weil er oft darauf angewiesen sei, mit dem Auto vom Heuchelhof in die Stadt zu fahren und dort möglichst schnell einen Parkplatz zu finden: „Wobei die Hauptfrage für uns ist, wie es oberirdisch ausschaut.“ Der Verschönerungsverein freue sich auf jeden Fall, dass es in Zukunft mehr Grün geben wird. Aus mikroklimatischer Sicht, heißt es in einem Gutachten, dessen Ergebnisse seit Mittwoch einsehbar sind, spiele es keine entscheidende Rolle, welches Begehren am Ende gewinnt. Wobei ein Pluspunkt des Ratsbegehrens die im Entwurf vorgesehene, größere Wasserfläche darstellt. Wie fundiert die von René Burghardt, Umweltmeteorologe aus Kassel, erstellten Analysen jedoch sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Das Gutachten wurde ohne Ortsbegehung erstellt“, kritisierte Heiko Paeth, der im Vorfeld der Veranstaltung mit Burghardt gesprochen hatte. Dem Gutachter hätten lediglich die digitalisierten Planungsentwürfe vorgelegen. Im Nachgang der Diskussion kritisierte auch Grünen-Stadtrat Patrick Friedl die Art und Weise, wie das Gutachten zustande gekommen war. Dem Gutachter habe eine nachgebesserte Variante des Ratsbegehrens vorgelegen, bei der 26 statt, wie ursprünglich geplant, acht Bäume vorgesehen sind. Was den Bürgerentscheid 2 anbelangt, sei hingegen die noch nicht optimierte Darstellung auf dem Plakat als Vergleichsgrundlage herangezogen worden: „Obwohl eine zusätzliche Prüfung einer Optimierung beantragt und beschlossen war.“ Bis 2. Juli haben die Würzburger Zeit, sich für eines der beiden Begehren zu entscheiden. Um realisiert werden zu können, müssen sich mindestens zehn Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung für das Bürger- oder das Ratsbegehren entscheiden. Was bedeutet, dass 10 300 Stimmen benötigt werden. „Bitte machen Sie von Ihrem Stimmrecht Gebrauch“, appellierte Schuchardt am Ende der Podiumsdiskussion: „Unabhängig davon, wofür sie votieren.“ Es sei zentral, dass derart bedeutende Entscheidungen eine große Legitimation erhalten: „Das ist auch ein wichtige Orientierung für unsere Arbeit im Stadtrat.“ Foto: Patty Varasano

Mehr als jeder zehnte Würzburger hat sich schon entschieden: Er stimmte für einen der beiden Entscheide zur Gestaltung des Kardinal-Faulhaber-Platzes. „Fast 14 500 Menschen machten bereits von der Briefwahl Gebrauch“, bestätigte Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU) bei einer Veranstaltung zum Stadtratsbegehren „Grüner Platz – Innenstadt für alle“. Auch der größte Teil des Publikums schien schon fest entschieden. Echte Informationsfragen gab es deshalb kaum.

Noch einmal begründeten die Befürworter des Ratsbegehrens am Mittwochabend im Mainfranken Theater ihren Vorschlag. Dabei dominierte das Stellplatzargument die Diskussion. „Ausschließlich eine grüne Fläche zu schaffen, das ist zu wenig“, so Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Eine Tiefgarage sei unabdingbar, da bereits viele Parkplätze in der Innenstadt weggefallen seien und etliche weitere wegfallen werden.

Ein Substrat von 1,20 bis 1,50 Meter Dicke reicht aus.

Auch auf einer Tiefgarage könnten, aller Skepsis zum Trotz, Bäume mit großen Kronen gepflanzt werde, unterstrich Stadtbaurat Christian Baumgart: „Dass dies möglich ist, zeigt der Vodafone-Campus in Düsseldorf“. Auch auf der Tiefgarage des Alten Kranen habe „nennenswertes Grün gute Wachstumschancen“. Ein Substrat von 1,20 bis 1,50 Meter Dicke auf einem Tiefgaragendach reiche dafür aus.

Nach Ansicht des Würzburger Wissenschaftlers Heiko Paeth allerdings haben Bäume, die auf Tiefgaragen wachsen, einen anderen Effekt als Bäume in freier Landschaft. Um eine gute Verdunstungsleistung erbringen zu können, müssten Bäume an Grundwasser herankommen, so der Experte für Fragen des Klimawandels. Inwiefern Bäume kühlen, habe nämlich nichts damit zu tun, ob sie große Kronen tragen, die Schatten werfen: „Wäre das so, könnten wir auch Sonnenschirme aufstellen.“ Tiefgaragen müssten Paeth zufolge sehr tief gebaut werden, um auf das Dach so viel Substrat aufbringen zu können, dass es den Bäumen möglich ist, tief zu wurzeln.

Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Innenstädten floriert Würzburg.

Für Wolfgang Weier, Geschäftsführer von „Würzburg macht Spaß“, wäre jeder weitere Fortschritt in der Innenstadt bedroht, würden die Parkplätze auf dem Kardinal-Faulhaber-Platz ersatzlos wegfallen. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Innenstädten floriere Würzburg. Was sich an einer im bundesweiten Vergleich außerordentlich niedrigen Leerstandsquote ablesen lasse. Das Bürgerbegehren 2 schadet laut Weier dem Einzelhandel massiv. Was den WümS-Chef zu der von lauten „Buh-Rufen“ begleiteten Aussage veranlasste, nur, wer „Würzburg kaputt machen und langfristig abtöten“ wolle, stimme gegen das Stadtratsbegehren.

Warum die IHK Mainfranken für das Stadtratsbegehren ist, erläuterte Vizepräsident Klaus Mapara. Der innerstädtische Handel sei unter anderem durch die Ausbreitung von eCommerce ohnehin gefährdet. Stellplätze seien nötig, um einer Verödung der City vorzubeugen: „Das Angebot künstlich zu verknappen, wäre schade und für die Innenstadt nicht gut.“

„Sie sprechen einen Großteil der Mitglieder an.“

Der Würzburger Verschönerungsverein, obwohl ihm hartnäckig das Image eines „Verhinderungsvereins“ anhängt, tendiert laut seinem Vorsitzenden Matthias Rothkegel ebenfalls zum Stadtratsbegehren. „Sie sprechen einen Großteil der Mitglieder an“, erklärte er an OB Schuchardt gewandt. Er selbst befürworte die Variante mit Tiefgarage, weil er oft darauf angewiesen sei, mit dem Auto vom Heuchelhof in die Stadt zu fahren und dort möglichst schnell einen Parkplatz zu finden: „Wobei die Hauptfrage für uns ist, wie es oberirdisch ausschaut.“

Der Verschönerungsverein freue sich auf jeden Fall, dass es in Zukunft mehr Grün geben wird.

Aus mikroklimatischer Sicht, heißt es in einem Gutachten, dessen Ergebnisse seit Mittwoch einsehbar sind, spiele es keine entscheidende Rolle, welches Begehren am Ende gewinnt. Wobei ein Pluspunkt des Ratsbegehrens die im Entwurf vorgesehene, größere Wasserfläche darstellt.

„Das Gutachten wurde ohne Ortsbegehung erstellt.“

Wie fundiert die von René Burghardt, Umweltmeteorologe aus Kassel, erstellten Analysen jedoch sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Das Gutachten wurde ohne Ortsbegehung erstellt“, kritisierte Heiko Paeth, der im Vorfeld der Veranstaltung mit Burghardt gesprochen hatte. Dem Gutachter hätten lediglich die digitalisierten Planungsentwürfe vorgelegen.

Im Nachgang der Diskussion kritisierte auch Grünen-Stadtrat Patrick Friedl die Art und Weise, wie das Gutachten zustande gekommen war. Dem Gutachter habe eine nachgebesserte Variante des Ratsbegehrens vorgelegen, bei der 26 statt, wie ursprünglich geplant, acht Bäume vorgesehen sind. Was den Bürgerentscheid 2 anbelangt, sei hingegen die noch nicht optimierte Darstellung auf dem Plakat als Vergleichsgrundlage herangezogen worden: „Obwohl eine zusätzliche Prüfung einer Optimierung beantragt und beschlossen war.“

„Bitte machen Sie von Ihrem Stimmrecht Gebrauch.“

Bis 2. Juli haben die Würzburger Zeit, sich für eines der beiden Begehren zu entscheiden. Um realisiert werden zu können, müssen sich mindestens zehn Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung für das Bürger- oder das Ratsbegehren entscheiden. Was bedeutet, dass 10 300 Stimmen benötigt werden.

„Bitte machen Sie von Ihrem Stimmrecht Gebrauch“, appellierte Schuchardt am Ende der Podiumsdiskussion: „Unabhängig davon, wofür sie votieren.“ Es sei zentral, dass derart bedeutende Entscheidungen eine große Legitimation erhalten: „Das ist auch ein wichtige Orientierung für unsere Arbeit im Stadtrat.“

Rats- und Bürgerbegehren

Am 2. Juli haben die Bürger die Möglichkeit für zwei Entscheide zu stimmen. Zum einen für das Ratsbegehren, das mit Bürgerentscheid 1 überschrieben ist.

Der Würzburger Stadtrat hat im vorigen Jahr mit breiter Mehrheit entschieden, dass der Parkplatz gegenüber des Mainfranken Theaters für einen Mix aus Grün und maßvoller Bebauung genutzt werden und unter ihm eine zweigeschossige Tiefgarage errichtet werden soll. Vor kurzem wurden die Pläne noch einmal konkretisiert, es soll zudem eine Wasserfläche entstehen und mindestes 26 Bäume dort gepflanzt werden. Die Plätze in der Tiefgarage, zu denen es ein striktes „Nein“ des Aktionsbündnisses „Grüner Platz am Theater“ gibt, seien nicht nur nötig für die Erreichbarkeit der Innenstadt, heißt es. Sie würden auch benötigt für den Stellplatznachweis zur Erweiterung des Mainfranken-Theaters und für eine künftige Nutzung des Mozart-Areals als Sozialrathaus. Das wiederum ist ein Uransinnen der Bündnisses. Der Bürgerentscheid 2 des Aktionsbündnisses „Grüner Platz am Theater“ dagegen kämpft für eine Begrünung des Kardinal-Faulhaber-Platzes mit einer zusätzlichen Wasserfläche und ist gegen eine weitere bauliche Verdichtung in der Innenstadt. Das Bündnis hält die Tiefgarage verkehrspolitisch für hoch problematisch, da sie zwangsläufig noch mehr Verkehr ins Zentrum lenke. Mehr Verkehr bedeute mehr Schadstoffe, mehr Feinstaub und Stickoxide.

In der geplanten Tiefgarage sieht das Aktionsbündnis zudem ein massives Hindernis für einen Grünen Platz, da es einen echten Park mit überlebensfähigen Bäumen und weitgehender, dauerhafter Begrünung nur auf einem versickerungsfähigen und zum Grundwasser hin offenen Platz geben könne. Text: Ella

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