WÜRZBURG

Kardiologe Rost: "Sport ist das Medikament des Jahrhunderts"

„Risikofaktoren minimieren“: Kardiologe und Sportmediziner Dr. Christian Rost. Foto: K. Glasow

Würzburg Jährlich sterben in Deutschland mehr als 55 000 Menschen am Herzinfarkt und über 60 000 am plötzlichen Herztod. Viele der Betroffenen wussten zu spät oder gar nicht von ihrer Herzerkrankung und den Risikofaktoren, die sie verursacht haben.

Dem wollen die deutschlandweiten „Herzwochen“ entgegenwirken: Unter dem Motto „Herz in Gefahr“ finden im November über 1000 Vorträge und Veranstaltungen statt – unterstützt von der Deutschen Herzstiftung. In Würzburg beteiligt sich die Praxis main-herz zusammen mit dem Institut Predia und lenkt den Blick vor allem auf den Sport zur Prävention und Therapie von Herzerkrankungen. Der Vortrag findet am Mittwoch, 11. November, statt. Wir befragten den Würzburger Kardiologen, Internisten und Sportmediziner Dr. Christian Rost. Er ist Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbandes.

Frage: Herr Dr. Rost, Herz- und Kreislauferkrankungen sind in Deutschland weiterhin die häufigste Todesursache. Leben wir zu ungesund?

Dr. Christian Rost: Eine Wahrheit ist: Je älter Menschen werden, desto wahrscheinlicher entwickeln sie Gefäßerkrankungen, die zu Schlaganfällen und Herzinfarkten führen, und die Lebenserwartung in Deutschland ist erfreulich hoch. Andererseits sind ganz wesentliche Risikofaktoren auf eine ungesunde Lebensweise zurückzuführen: Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel. In Deutschland sind über 65 Prozent der Bevölkerung übergewichtig und über 50 Prozent treibt selten oder nie Sport.

Damit ließe sich einer Herzerkrankung vorbeugen?

Rost: Neben einer gesunden Ernährung und Verzicht auf Nikotin ist Bewegung der Herzschutz schlechthin: Je fitter ein Mensch ist, desto besser ist seine Prognose. Schon tägliches Spazierengehen ist sehr hilfreich. Treppensteigen statt Aufzug, Einkäufe wenn möglich zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit – die Liste der Möglichkeiten, Bewegung in den Alltag zu integrieren, ist lang. Ideal ist ein moderates Ausdauertraining fünfmal pro Woche für 30 Minuten.

Gibt es auch ein zuviel? Oder als Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbandes gefragt: Wie viel Sport ist noch gesund?

Rost: Dazu gibt es nur wenig harte wissenschaftliche Daten. Bis zu einer Stunde intensiven täglichen Trainings senkt die Sterblichkeit. Darüber hinaus sind wir uns noch nicht sicher. Es gibt sogar Studien, die bei Extremsportlern vermehrt Herzrhythmusstörungen und sogenannte strukturelle Herzschäden gefunden haben. Bekannt ist aber auch, dass zum Beispiel Tour de France-Fahrer eine bessere Lebenserwartung als die Allgemeinbevölkerung haben.

Also rein in die Laufschuhe... Aber würden Sie Joggen oder auch ambitionierteres Laufen wirklich jedem empfehlen?

Rost: Nein. Die Grundvoraussetzungen müssen gegeben sein: Starkes Übergewicht oder Gelenkbeschwerden etwa können intensiven Laufsport verhindern. Auch bestimmte Herzerkrankungen oder ein schlecht eingestellter Bluthochdruck können ein Training verbieten. Training mit einem Infekt kann im schlimmsten Fall eine schwere Herzmuskelentzündung zur Folge haben. Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie unbedingt Ihren Hausarzt oder Sportmediziner. Und nicht zuletzt soll das Training Spaß machen. Wer also lieber schwimmt oder ins Fitness-Studio geht, sollte das tun.

Manche entscheiden sich erst mit 50 oder 60, noch sportlich aktiv zu werden. Ein Risiko fürs Herz?

Rost: Prinzipiell ist es auch im hohen Alter gesundheitsfördernd, mit Sport zu beginnen. Da aber schon ab dem 35. Lebensjahr gerade bei Einsteigern Herzinfarkte die häufigste Todesursache beim Sport sind, empfiehlt der Bayerische Sportärzteverband Check-up-Untersuchungen vor Trainingsbeginn. Diese können bayernweit zum Beispiel bei qualifizierten Sportmedizinern oder an Sportmedizinischen Untersuchungsstellen unseres Verbandes und des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) erfolgen und werden von einigen Krankenkassen bezuschusst.

Wie spüre ich eigentlich, wenn etwas mit meinem Herz nicht stimmt?

Rost: Alarmsignal ist eine Angina pectoris, ein drückender Schmerz in der Brust unter körperlicher Belastung. Der Schmerz kann auch in den Arm, Hals, Rücken oder Bauch ausstrahlen. Manchmal tritt nur ein Luftmangel, zum Beispiel beim Treppensteigen auf. Auch Herzstolpern oder ein Schwindelgefühl kann auf Herzerkrankungen hinweisen. Leider spürt man nicht immer, dass eine Gefahr für das Herz besteht. Ihr Arzt kann Ihnen helfen, Ihr individuelles Risiko zu bestimmen.

Worauf zielt ihre Öffentlichkeitsaktion gemeinsam mit der Herzstiftung ab?

Rost: Das Wissen über Herzerkrankungen hilft vorzubeugen und in Akutsituationen richtig zu reagieren. Gerade Bewegung ist eine der besten Methoden der Prävention, und auch Herzkranke können durch das richtige Training „Sport als Medikament“ einsetzen. Gäbe es ein Medikament, das all das kann, was Sport kann, wäre es das Medikament des Jahrhunderts!

Zusammen mit dem Kardiologen Dr. Dietmar Kleinschrot und Thomas Frobel, Sportwissenschaftler und Geschäftsführer des Instituts Predia, informiert Rost am Mittwoch, 11. November, ab 19 Uhr über die Zusammenhänge von Sport und Herzgesundheit. Wieviel Bewegung ist sinnvoll? Wie verhalte ich mich bei Herzproblemen richtig? Welcher Sport ist für mich der richtige? Die Veranstaltung findet bei Predia (Schweinfurter Straße 7, Novum) statt und ist kostenfrei. Gäste können mitdiskutieren.

Schlagworte

  • Würzburg
  • Andreas Jungbauer
  • Bayerischer Landes-Sportverband
  • Kardiologinnen und Kardiologen
  • Risikofaktoren
  • Sportmediziner
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!