WÜRZBURG/SCHWEINFURT

Keine jungen Flüchtlinge in Pflegefamilien

Nach dem islamistisch motivierten Axt-Attentat in einem Zug bei Würzburg will das Landratsamt Würzburg bis auf weiteres keine unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge mehr auf Pflegefamilien verteilen. Das bestätigte der zuständige Geschäftsbereichsleiter am Landratsamt, Michael Horlemann, der Redaktion auf Anfrage. Der Täter Riaz Khan Ahmadzai kam im Juni 2015 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland und war zuletzt in einer Pflegefamilie in Gaukönigshofen (Lkr. Würzburg) untergebracht.

„Wir möchten in der momentanen Situation keine weiteren Vermittlungen durchführen“, so Horlemann. Die Regelung sei demnach bereits am Dienstag vergangener Woche – also einen Tag nach dem Attentat – in Kraft getreten. Wie lange sie Bestand haben wird, kann Horlemann nicht absehen. „Ein genauer Zeitraum kann derzeit nicht bestimmt werden“, erklärte er.

Laut der Regierung von Unterfranken nutzt in der Region neben dem Landkreis Würzburg nur der Landkreis Schweinfurt die Unterbringungsmöglichkeit in Pflegefamilien. Dort „gibt es keine ähnliche Maßnahme“, sagt Uta Baumann. „Jedoch sehen wir uns durch den Vorfall im Landkreis Würzburg veranlasst noch stärker als bisher die Biografien der unbegleiteten minderjährigen Ausländer zu beleuchten und die Pflegefamilien zu sensibilisieren“, so die Sprecherin des Landratsamts weiter.

Kontakt zu Pflegefamilien verstärkt

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht, erklärte in diesem Zusammenhang das bayerische Sozialministerium. „Dabei handelt es sich um eine Aufgabe der Kommunen im eigenen Wirkungskreis. Die Umsetzung muss sich dabei auch an den Gegebenheiten vor Ort orientieren.“ Eine entsprechende Weisung, wie die insgesamt 96 bayerischen Jugendämter auf das Attentat nun reagieren, gibt es dementsprechend seitens der Staatsregierung nicht.

Dennoch hat man auch im Landkreis Würzburg reagiert: Nach dem Attentat sei der ohnehin enge Kontakt mit den Pflegefamilien noch einmal intensiviert worden, heißt es aus dem Landratsamt. Vor dem Hintergrund der Bluttat in dem Zug sei auch in der vergangenen Woche ein Treffen mit allen Familien anberaumt worden.

Dass nun verstärkt Psychologen Flüchtlingsunterkünfte besuchen, um die mentale Gesundheit minderjähriger Flüchtlinge zu untersuchen, konnten Landratsamt und Regierung von Unterfranken dagegen nicht bestätigen.

Die Befürchtung, dass Pflegefamilien die jungen Flüchtlinge, die sie aufgenommen haben, nach den jüngsten Ereignissen nun nicht länger betreuen wollen, scheint indes unbegründet zu sein. So hat es lediglich im Landkreis Würzburg einen solchen Fall gegeben. Wie das Landratsamt bestätigt, handelte es sich dabei um einen Jugendlichen, der engen Kontakt zu Attentäter Ahmadzai hatte.

Insgesamt lebten Ende Juni 752 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bayern, 102 davon im Landkreis Würzburg, von denen wiederum 15 in Pflegefamilien untergebracht waren. Im Landkreis Schweinfurt waren von den 74 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen elf in Pflegefamilien.

Minderjährige Flüchtlinge

In Bayern kamen bis 30. Juni 3742 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge neu an. Insgesamt waren 8020 zum selben Stichtag im Freistaat gemeldet. 752 davon lebten in Unterfranken, die meisten in den Landkreisen Würzburg (102) und Aschaffenburg (90) sowie in der Stadt Würzburg (88). Die Hauptherkunftsländer der bislang 2016 in Bayern angekommenen unbegleiteten Minderjährigen sind Afghanistan (46 Prozent), Somalia (15 Prozent), Syrien (11 Prozent), Irak (5 Prozent) und Eritrea (4 Prozent). Die Kosten für die Versorgung unbegleiteter Minderjähriger trägt seit dem 1. November 2015 der Freistaat Bayern. Allein dafür sind im Nachtragshaushalt 2016 rund 632 Millionen Euro vorgesehen. ben

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