Würzburg

Kinderehen sind oft gleichzusetzen mit Vergewaltigung

Kinderehen sind in Deutschland offiziell verboten. Trotzdem gibt es sie noch. Und das liegt an den Ausnahmen, die das Gesetz erlaubt.
Als Minata verheiratet wurde, war sie zwölf. Das Bild zeigt sie mit ihrer zwei Monate alten Tochter Dioulaba im Hof ihres Elternhauses in der Region Koulikoro im Zentrum Malis. Kinderehen sind allerdings nicht auf Afrika oder Asien beschränkt. Auch in Europa, auch in Deutschland, gibt es Kinderehen.  Foto: Jürgen Bätz, dpa

Mit der großen Zahl von Flüchtlingen kamen nach dem Herbst 2015 auch Kinderehen nach Deutschland. Rund 1500 Kinderehen wurden 2016 gezählt. Seit 2017 schreibt in Deutschland das Gesetz vor, dass im Ausland geschlossene Ehen unwirksam sind, wenn ein Partner unter 16 ist. Warum es trotzdem hierzulande noch Kinderehen gibt, erläutert Traumatherapeutin Ulrike Taukert von Terre des Femmes.

Ulrike Taukert aus Neustadt/Aisch in Mittelfranken ist Koordinatorin der AG "Sexuelle Gewalt" bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes.  Foto: Taukert

Frage: Das Gesetz gegen Kinderehen ist in Deutschland 2017 verschärft worden; seit der Gesetzesänderung sind Ehen zwischen Minderjährigen verboten. Dennoch gibt es laut Statistik hierzulande noch Kinderehen. Wie ist das möglich?

Ulrike Taukert: Ja, es gibt noch rund 300 Kinderehen in Deutschland; das ist zumindest die offizielle Zahl laut Ausländerzentralregister vom April 2018. Inoffiziell dürfte die Zahl der Kinderehen in Deutschland aber höher liegen; es gibt da eine Dunkelziffer. Es gibt ja Migrantinnen, deren genaues Geburtsdatum sich nicht belegen lässt und deren Alter möglicherweise niedriger ist als angegeben. Dass Kinderehen in Deutschland trotz des Verbots immer noch offiziell möglich sind, liegt an auch den Ausnahmen, die das Gesetz erlaubt. So werden Kinderehen, die geschlossen wurden, bevor die Ehegatten nach Deutschland kamen, nicht annulliert, wenn die Partner mittlerweile volljährig sind und die Ehe aufrecht erhalten wollen. Auch dann nicht, wenn das Mädchen zum Zeitpunkt der Eheschließung erst 14 Jahre alt war.

Frage: Warum lässt Deutschland das zu? Man sollte annehmen, dass ein Gesetz, das Kinderehen verbietet,uneingeschränkt gilt.

Taukert: Es geht in diesem Fall um eine Härtefallregelung. Liegt eine sogenannte „schwere Härte“ vor, etwa im Fall eines verheirateten Mädchens, das auf der Flucht eines schwere Traumatisierung erfuhr, kann entschieden werden, die Ehe weiterhin bestehen zu lassen: Wenn zum Beispiel in so einem Fall der Ehemann einen positiven Einfluss auf das Mädchen ausübt, sie etwa beruhigen kann, ihr Halt und Sicherheit gibt. In Bezug darauf, was als „schwere Härte“ zu bewerten ist, muss von den Behörden der Einzelfall geprüft werden.

Frage: Aktuell ist vor dem Bundesverfassungsgericht der Fall eines in Unterfranken lebenden Paarsanhängig, bei dem sie zum Zeitpunkt der Hochzeit 14 war und er 21. Die minderjährige Frau wurde nach ihrer Registrierung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt von ihrem Mann getrennt und in einer Jugendhilfeeinrichtung in Aschaffenburg untergebracht. Dagegen hat der Mann geklagt - und der Bundesgerichtshof hat schon erklärt, er halte die aktuelle Regelung zu Kinderehen für verfassungswidrig. Befürchten Sie, dass das neue deutsche Kinderehen-Verbot wieder fällt?

Taukert: Nein, das glaube ich nicht. Ich vermute eher, dass Nachbesserungen gefordert werden bezüglich der Einzelfallprüfung.

Frage: Sprechen wir über Folgen von Kinderehen für die Mädchen.

Taukert: Die Wahrscheinlichkeit von Traumatisierungen für die Mädchen sind sehr hoch. Gerade dann, wenn das Mädchen mit einem deutlich älteren, Mann verheiratet wurde. Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass in dieser „Ehe“ kein Sex auf Augenhöhe stattfindet, sondern für das Mädchen der Geschlechtsverkehr Missbrauch und Vergewaltigung bedeutet. Darunter können diese Mädchen ihr Leben lang leiden. Neben den psychischen Folgen gibt es aber auch höchst reale körperliche Folgen: Kommt es zu einer Schwangerschaft, ist die Wahrscheinlichkeit von Gesundheitsrisiken bei so jungen  Mädchen höher. Und gerade in traditionell muslimischen Familien wird so ein junges Mädchen dann allein für die Kindererziehung verantwortlich sein. Das bedeutet für die nächste Generation auch ein höheres Risiko einer psychischen Erkrankung.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes kämpft seit Jahren gehen Frühehen und Zwangsverheiratungen minderjähriger Mädchen. Im Bild die szenische Darstellung einer Zwangsverheiratung bei einer Protestaktion in Berlin.  Foto: Uwe Steinert, dpa

Frage: Was muss geschehen, damit es in Deutschland keine Kinderehen mehr gibt?

Taukert: Es wäre sehr sinnvoll, wenn zusätzlich zum Gesetz in Städten mit einem großen muslimisch-fundamentalistischen Bevölkerungsanteil säkulare muslimische Frauen als Aufklärerinnen agierten. Wenn sie in der muslimischen Community sehr jungen Frauen helfen könnten, ihnen zeigen könnten, was sie tun können, wenn sie gegen ihren Willen verheiratet wurden oder werden sollen. Jedoch müssen auch Mütter und Großmütter über die Folgen für die Mädchen aufgeklärt werden.

Frage: Sie reden jetzt von Kinderehen nicht nur bei Geflüchteten, sondern auch bei hier beheimateten Muslimen?

Taukert: Wir wissen von Fällen, wo minderjährige Mädchen, die in Deutschland aufgewachsen sind, in eine arrangierte Ehe gezwungen wurden. Die wird dann etwa in der Türkei geschlossen; und die jungen Frauen bleiben dann auch in der Türkei, bis sie 18 geworden sind und reisen dann erst wieder ein.

Frage: Wie groß ist weltweit das Problem der Kinderehen?

Taukert: Es gibt weltweit 650 Millionen Betroffene es handelt sich also um ein sehr großes Problem. Auffällig ist, dass minderjährige Mädchen besonders in sehr armen Ländern wie Bangladesch, Mali, Niger oder Tschad besonders früh verheiratet werden. Vermutlich einfach deswegen, weil die Eltern dort von großer Armut betroffen sind.  Da sehe ich für reiche Länder wie Deutschland durchaus die Pflicht, mehr für die Armutsbekämpfung zu tun. Mehr für Bildung und Ausbildung zu tun, was jungen Mädchen andere Zukunftswege öffnen würde als die Heirat und die Gesellschaft dort nachhaltig verändern könnte.

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