Würzburg

"Kleines Wunder": 92-Jährige aus Rimpar überlebt Covid-19

Helene Zürrlein hat sich in einem Würzburger Seniorenheim mit dem Coronavirus infiziert. Nun scheint sie genesen. Ihre Tochter hat nach emotionalen Wochen wunderbare Neuigkeiten.
Die 92-jährige Helene Zürrlerin, hier im Dezember 2019, hat sich im Würzburger Hans-Sponsel-Haus  mit dem Coronavirus infiziert und scheint trotz Vorerkrankungen nach nur leichten Symptomen genesen. 
Die 92-jährige Helene Zürrlerin, hier im Dezember 2019, hat sich im Würzburger Hans-Sponsel-Haus  mit dem Coronavirus infiziert und scheint trotz Vorerkrankungen nach nur leichten Symptomen genesen.  Foto: Sauer

Geschichten wie diese gibt es in Zeiten von Corona selten. Darum will Waltraud Sauer sie auch erzählen: "Um anderen Menschen Mut zu machen." Waltraud Sauer ist Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie in Würzburg. Und sie erzählt die Geschichte ihrer Mutter, über die sie selbst staunt und sagt: "Sie ist ein kleines Wunder." Helene Zürrlein ist auf dem besten Weg, Covid-19 zu überleben - mit 92,5 Jahren, Vorerkrankungen und nur leichten Symptomen.

1927, als sich in Deutschland politisch die Wende nach rechts vollzog, wurde Helene Zürrlein in Rimpar im Landkreis Würzburg geboren. Am 24. Oktober - am gleichen Tag wie der temperamentvolle französische Chansonier Gilbert Bécaud. 65 Jahre lang war die Mutter von zwei Töchtern und zwei Söhnen verheiratet, Ehemann Ludwig Zürrlein starb im vergangenen September mit 92 Jahren. Helene Zürrlein überstand Darmkrebs und lebt seit Jahren mit einem künstlichen Ausgang und nur einer Niere. Vor sieben Wochen, am 28. Februar, erlitt sie dann einen Schlaganfall mit Verlust des Sprachverständnisses.

"Das war schrecklich. Ich habe mich gefragt: Denkt Mama jetzt, wir haben sie vergessen?"
Waltraud Sauer über das Besuchsverbot wegen der Corona-Pandemie

"Bis dahin war meine Mutter in häuslicher Pflege. Sie war körperlich schon nicht mehr so gut beieinander, geistig zwar orientiert, aber verlangsamt und schwerhörig", schildert Tochter Waltraud Sauer am Telefon. "Nach acht Tagen im Juliusspital konnte sie nicht mehr nach Hause zurück." Die Familie fand einen Platz zur Kurzzeitpflege im Würzburger Hans-Sponsel-Haus - mit Option auf Dauerpflege. Am 9. März zog Helene Zürrlein dort ein. Sie kam in ein Zweibettzimmer und auf die Warteliste für ein Einzelzimmer.  

Vier Tage lang habe die Familie die 92-Jährige besuchen können, erzählt Waltraud Sauer. "Am Donnerstag habe ich sie noch am Tisch gefüttert. Sie stand wieder auf und ich hatte den Eindruck, sie nimmt wieder mehr wahr." Es war bislang das letzte Mal, dass sie ihre Mutter gesehen und gesprochen hat. Ab Freitag galt in der Einrichtung wegen der Ausbreitung des Coronavirus absolutes Besuchsverbot. "Das war schrecklich", sagt die Tochter. "Ich habe mich gefragt: Denkt Mama jetzt, wir haben sie vergessen?"     

Waltraud Sauer mit ihrer Mutter Helene Zürrlerin im Dezember 2019
Waltraud Sauer mit ihrer Mutter Helene Zürrlerin im Dezember 2019 Foto: Sauer

Genau zwei Wochen später, am 27. März, meldete das Hans-Sponsel-Haus seinen ersten Todesfall aufgrund von Corona. "Die Angehörigen der Bewohner wurden angerufen und darüber informiert, dass alle getestet werden", berichtet Waltraud Sauer. Eine "emotionale Achterbahnfahrt" habe begonnen: "Am Dienstag darauf erfuhren wir, dass der erste Test negativ war und dass alle negativ Getesteten in den dritten Stock verlegt und dort isoliert wurden." Die Familie hoffte. Drei Tage lang. Bis zum ersten Freitag im April. Da kam die Nachricht: Der zweite Test von Helene Zürrlein war positiv.    

"Ein totaler Schock", sagt die Tochter. "Ich dachte, jetzt ist es vorbei." Die Zeit des Bangens begann. Während das Hans-Sponsel-Haus immer mehr Tote vermeldete, wuchsen bei Waltraud Sauer und ihren Geschwistern "die Angst und die Ohnmacht". Helene Zürrlein hatte zwar nur leichtes Fieber und sonst keine Symptome. "Aber der Arzt sagte mir, er habe einige Fälle in so hohem Alter gesehen, die innerhalb von 24 Stunden dann doch plötzlich schwer erkranken und sterben."

Mit Dr. Gabriel Schober, der dem Heim zugewiesene Arzt, hielt Waltraud Sauer täglichen Kontakt. "Die Kommunikation mit ihm und den Schwestern lief reibungslos, ich habe mich nie abgefertigt gefühlt", berichtet die 63-Jährige. "Vor dem Personal habe ich absolute Hochachtung. Was alle jeden Tag leisten, ist unglaublich."

"Vor dem Personal habe ich absolute Hochachtung. Was alle jeden Tag leisten, ist unglaublich."
Waltraud Sauer über Ärzte und Schwestern des Hans-Sponsel-Haus

In diesen bangen Tagen und unruhigen Nächten sei ihr Blick oft zurück auf das Leben ihrer Mutter gegangen. Helene Zürrlein war als Bankkauffrau tätig, bevor sie heiratete und vier Kinder bekam. Später arbeitete sie als medizinische Schreibkraft. "Das hat sie mit 55 aufgegeben, um fünf Jahre auf Daniel aufzupassen, damit ich in die Klinik konnte", erzählt Kardiologin Waltraud Sauer. Daniel Sauer, Vorstandsvorsitzender des Fußball-Drittligisten FC Würzburger Kickers, ist einer der acht Enkel von Helene Zürrlein, ebenso wie sein jüngerer Bruder Julian Sauer, Handballer beim Zweitligisten DJK Rimpar Wölfe.

"Auch meine Doktorarbeit hat Mama abgetippt", erzählt Ärztin Waltraud Sauer. Vieles habe Helene Zürrlein für die Familie getan. "Das wollten wir zurückgeben, in dem wir dafür gesorgt haben, dass sie bis ins hohe Alter zu Hause leben kann." Dann kam Corona. Und die Tochter dachte:  "Und am Ende lassen wir sie allein."

Doch diese Geschichte endet wohl anders als viele vergleichbare Familienschicksale. An diesem Freitag ist der 15. Tag, seit bei Helene Zürrlein das Virus nachgewiesen wurde. Das Fieber ist weg, ihr Zustand stabil. Damit dürfte die 92-Jährige über den Berg sein, sagt Waltraud Sauer voller Zuversicht: "Sie war schon immer ein Stehaufmännchen." Anfangs sei ihr "schlimmster Gedanke" gewesen, "mich nicht verabschieden zu können". Jetzt ist ihr größter Wunsch, "Mama hoffentlich bald wiederzusehen".

Es gibt dann übrigens wunderbare Neuigkeiten für die 92-Jährige: Seit wenigen Tagen ist sie dreifache Uroma. 

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