Würzburg

Klima: Nur die Wahl zwischen Verzicht oder Weltuntergang?

Verzicht oder Weltuntergang? Angesichts der drohenden Klimakrise scheint es für viele nur zwei Alternativen zu geben. Warum das falsch ist, sagt Soziologe Harald Welzer.
Am Helheim-Gletscher in Grönland im August 2019: Der Sommer traf die Insel mit rekordverdächtiger Hitze und extremer Schmelze. 
Am Helheim-Gletscher in Grönland im August 2019: Der Sommer traf die Insel mit rekordverdächtiger Hitze und extremer Schmelze. 
Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Haben wir Menschen angesichts des Klimawandels nur die Wahl zwischen Verzicht und Weltuntergang? Nein, meint der Sozialpsychologe Harald Welzer. Anstatt zu lamentieren, entwirft der Publizist positive und sinnstiftende Strategien für ein nachhaltiges Leben. Welzer ist Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Direktor der gemeinnützigen Stiftung "Futurzwei", die alternativer Lebensstile und Wirtschaftsformen aufzeigen und fördern will.  Warum wir auch angesichts des Klimawandels positiv denken sollten, erklärt der 61-Jährige im Interview.

Frage: Warum interessieren sich gerade jetzt so viele für den Klimawandel?

Harald Welzer: Weil die Schüler der bisherigen Klimadebatte das Thema Gerechtigkeit hinzugefügt haben. Sie zeigen nicht nur CO2-Diagramme, wie die Wissenschaft, sondern sie sagen: Ihr nehmt uns unsere Zukunft. Ungerechtigkeit ist der stärkste Antrieb für soziale Veränderung.

Die Studie "Die Grenzen des Wachstums" wurde 1972 veröffentlicht. Die Folgen der Zunahme von Weltbevölkerung, Industrialisierung und Umweltzerstörung sind also schon lange bekannt. Warum wurde bisher so wenig getan?

Welzer: Bei jeder Klimadebatte kann ich sagen: Schön und gut, das sagt jetzt die Wissenschaft. Aber ich brauche ein großes, sicheres Auto, mit dem ich die Kinder zur Schule fahren kann. Wir müssen uns von dem Irrglauben verabschieden, dass Menschen auf der Grundlage von Fakten handeln. Das tun sie nicht. Denken Sie an die Mediziner, die rauchen, obwohl sie am besten wissen, wie gefährlich das ist. 

Harald Welzer beschäftigt sich mit der psychologischen Dimension der Debatte um den Klimawandel.
Harald Welzer beschäftigt sich mit der psychologischen Dimension der Debatte um den Klimawandel. Foto: Jens Steingässer, S. Fischer Verlag
Auf welcher Grundlage handeln Menschen?

Welzer: Sie möchten geliebt werden. Das ist neben dem Antrieb, überleben zu wollen, die stärkste Motivation. Menschen sind Beziehungswesen. Alles, was wir tun, tun wir, damit es jemand gut findet, uns anerkennt und akzeptiert. Sich ein dickes Auto zu kaufen, zeigt den Wunsch, dass andere uns toll finden. Daneben gibt es situative Anforderungen: Wie kommen die Kinder in den Kindergarten? Wie komme ich am schnellsten von A nach B?

Der Klimawandel hat doch aber mit dem Überleben der Menschen auf der Erde zu tun.

Welzer: Die Menschen auf der Erde? Das interessiert uns nicht. Wenn das unmittelbare Überleben meiner eigenen Angehörigen bedroht wäre, brächte mich das in Aktion. Aber die Menschen auf der Erde haben noch nie einen Menschen interessiert. Sie sind fern, anonym und unbekannt.

Wie müssten wir über den Klimawandel sprechen?

Welzer: Richtig wäre, bei positiven Dingen anzusetzen. Menschen werden nur proaktiv, wenn sie etwas Positives erreichen können.

Doch das Artensterben schreitet voran, die Gletscher schmelzen, bald sind unumkehrbare Kipppunkte erreicht. Wie reagieren Menschen, wenn man sie auf diese drohenden Szenarien anspricht?

Welzer: Einige haben Angst, andere kaufen sich riesige Autos, um sich vor Gefahren zu schützen oder sagen "Das wird alles nicht mehr lange gehen, also nehme ich jetzt noch mit, was ich kriegen kann und mache eine Weltreise." Es bewirkt das Gegenteil von dem, was man beabsichtigt.

Wie kommt man zum nachhaltigen Handeln?

Welzer: Indem wir Dinge tun, die für uns selbst einen Sinn ergeben. Indem wir  gemeinsam handeln, andere Formen des Reisens ausprobieren, dafür sorgen, dass die Autos aus der Stadt verschwinden oder dass wir uns von Dingen entlasten. Das kann erfüllend sein.

Bedeutet Klimawandel automatisch Verzicht?

Welzer: Nein. Versuchen Sie doch einmal in einer Großstadt mit zwei kleinen Kindern eine viel befahrene Straße zu überqueren. Dann stellen Sie sich vor, es gäbe keine Autos. Was für eine Erhöhung der Lebensqualität ginge damit einher, nicht ständig Lärm und Emissionen ausgesetzt zu sein? Warum reden wir nie über den Verzicht, die uns die gegenwärtigen Verhältnisse auferlegen?

"Die Wirtschaft hämmert den Leuten 24 Stunden am Tag ein: Du wirst glücklich, wenn du kaufst. Die Nachhaltigkeitsindustrie hat das Argument: Kehret um, sonst geht die Welt unter. Da muss ich kein Psychologe sein, um zu wissen, dass das nicht funktioniert."
Harald Welzer, Soziologe und Publizist
Ohne Auto wird es schwierig auf dem Land...

Welzer: Warum hat unsere Politik dann über Jahrzehnte die Verkehrsversorgung im ländlichen Raum zurückgebaut? Man bräuchte das Auto nicht, wenn man den Verkehr anders organisieren würde.

Wie in der Schweiz. Warum funktioniert es dort?

Welzer: Die Schweiz ist eines der reichsten Länder, hat aber den geringsten privaten Autobesitz und den höchsten Anteil der Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Warum? Weil es komfortabel und bequem ist, die Züge pünktlich fahren und weil der ländliche Raum erschlossen ist.

Und nicht, weil man damit die Umwelt schont?

Welzer: Nein. Eine erfolgreiche Nachhaltigkeitspraxis ist nicht erfolgreich, weil nachhaltig drauf steht, sondern weil sie den Menschen einen Qualitätsgewinn liefert.

Die Veränderung unserer Gesellschaft hin zur Nachhaltigkeit wäre also auch gut, wenn es keinen Klimawandel gäbe?

Welzer: Das wäre die richtige Art der Kommunikation. Wir müssen von der Logik der Steigerung weg und ein qualitätsvolles Leben erfinden, das mit viel weniger Naturverbrauch auskommt.

Wie erreichen Sie die Zweifler?

Welzer: Die Zweifler erreicht man nicht. Aber sie machen am Ende das, was alle machen. Für einen Kulturwandel bekommt man keine Mehrheiten. Man braucht Praktiken, die überzeugend sind und ein paar Prozent der Bevölkerung, die sie vorleben. Die Masse macht dann das, was die Masse macht.

Plakative Aktion: Greenpeace-Aktivisten projizieren in der Speicherstadt in Hamburg die mögliche Höhe des Wasserstands zum Ende des Jahrhunderts auf das Wasserschloss.
Plakative Aktion: Greenpeace-Aktivisten projizieren in der Speicherstadt in Hamburg die mögliche Höhe des Wasserstands zum Ende des Jahrhunderts auf das Wasserschloss.
Foto: Daniel Bockwoldt, dpa
Worin liegt der Fehler, wenn wir derzeit über Klimawandel sprechen?

Welzer: Die Wirtschaft hämmert den Leuten 24 Stunden am Tag ein: Du wirst glücklich, wenn du kaufst. Die Nachhaltigkeitsindustrie hat das Argument: Kehret um, sonst geht die Welt unter. Da muss ich kein Psychologe sein, um zu wissen, dass das nicht funktioniert.

Ein Beispiel positiver Kommunikation: Das unterfränkische Wasserschutzbrot landete unter den Top 3 beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2018.

Welzer: Das finde ich gut! Denn es gibt den Atlas des Klimawandels, den Atlas des Meeressterbens, aber es gibt keinen Atlas der Natur-Restaurierung, der Renaturierung von Flüssen oder der Wiedervernässung von Sümpfen. Kaum jemand spricht über erfolgreiche Projekte. Das ist doch irre!

Welche Rolle spielt die Zeit bei der Diskussion um den Klimawandel?

Welzer: Sie spielt eine katastrophale Rolle. Es ist ein Fehler, die Ziele der Naturwissenschaft 1:1 in die Politik übersetzen zu wollen. Auch wenn sich in sieben Jahren die Erde zu stark erwärmt hat, können wir sie nicht einfach dicht machen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Welt zu gestalten. Wenn wir in den gefährlichen Klimawandel kommen, ist es umso notwendiger zu handeln. Also lasst uns anfangen. Lasst uns nicht über so etwas Komplexes wie den Grad der Erderwärmung reden, sondern über das, was wir entscheiden können. Zum Beispiel: Im Jahr X sollen unsere Emissionen gleich Null sein.

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