Unterfranken

Klimawandel: Ist unser heimischer Wald noch zu retten?

Hitze, Schädlinge und Pilze: Der Wald in Deutschland leidet. Wie ihm zu helfen ist, sagt Olaf Schmidt, Präsident der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft.
Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in Würzburg zu sehen: Rund 5000 Bäume im Stadtgebiet sind bereits abgestorben. Besonders betroffen sind alte Buchen. Im Bild: Förster Karl-Georg Schönmüller. Foto: Patty Varasano

Unterfranken gilt als ein Hotspot des Klimawandels. Während sich die Erde seit der flächendeckenden Messungen 1881 um 0,9 Grad erwärmt hat, sind es im gleichen Zeitraum in Unterfranken zwei Grad, also mehr als doppelt so viel. Was hat dies für Folgen und wird unser heimischer Wald noch zu retten sein? Darüber sprachen wir mit Olaf Schmidt, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft in Freising.

Frage: Heiße Sommer und Trockenperioden, in denen unsere Bäume leiden, hat es schon immer gegeben. Warum ist die Situation heuer anders?

Olaf Schmidt: Die rasche Folge besonders trockener und heißer Jahre, wie zum Beispiel 2015 und 2018. Außerdem liegen wir seit etwa 25 Jahren immer über dem Jahresmittel der Temperatur des Referenzzeitraumes 1960 bis 1990.

Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel?

Schmidt: Eine entscheidende Rolle, denn all diese Prozesse wie Dürre, Trockenheit, Starkregen, Pilzkrankheiten, invasive Arten wie Buchdrucker, sind Klimawandel induziert oder werden durch den Klimawandel befeuert. Ein Beispiel: Wärmere Sommer durch den Klimawandel in rascher Folge schwächen die Vitalität der Fichte und der Fichtenborkenkäfer hat leichtes Spiel. Die Fichten können sich nicht mehr wehren, denn sie haben zu wenig Harz, um den Käfer auszuspülen. Sie sterben ab.

Olaf Schmidt, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising. Foto: LWF

Unterfranken gilt als Hotspot des Klimawandels. Was hat das für Folgen für den hiesigen Wald?

Schmidt: In Gebieten, die heute schon zu den wärmsten Ecken Bayerns gehören, zum Beispiel der Untermain (Kahl am Main) mit jetzt schon zehn Grad Jahresmitteltemperatur oder die Trockeninsel Schweinfurt/Kitzingen, stoßen unsere jetzigen Hauptbaumarten bei einer weiteren Erwärmung um etwa zwei Grad an ihre Grenzen. Das bedeutet, dort wird der Wald künftig ganz anders aussehen. In Gebieten der Mittelgebirge, beispielsweise in der Rhön, mit 6,5 Grad Jahresmitteltemperatur, wird bei einer Erwärmung um zwei Grad die Buche noch profitieren, während die Fichte schon geschwächt wird. Insgesamt wird sich das Waldbild verändern. Forstleute und Waldbesitzer versuchen, den Wald mit klimastabilen Baumarten umzubauen und die Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken.

Was kommt auf die Waldbesitzer zu?

Schmidt: Derzeit ist zu viel Fichtenholz auf dem Markt, da vielerorts Borkenkäfer den Holzeinschlag nötig machten. Die Holzpreise fallen ins Bodenlose. Für einige Waldbesitzer bedeutet das große Vermögensverluste. Der Waldumbau erfordert Zeit, Aufwand und Geld. Hier hoffen die Waldbesitzer auf die Unterstützung des Staates, weil der Wald für die Gesellschaft eine große Rolle spielt.

Warum betrifft uns das Baumsterben alle?

Schmidt: Viele Menschen wollen sich im Wald erholen, suchen Ruhe und Entspannung. Das ist auf Kahlflächen und in einem kranken oder absterbenden Wald nicht möglich. Darüber hinaus ist der Wald wichtig zum Schutz unseres Trinkwassers, als Biotop für Tiere, als Erosionsschutz. Er liefert uns den Rohstoff Holz und hilft uns im Kampf gegen den Klimawandel, denn die Bäume binden CO2.

Selbst unsere heimische Rotbuche gerät gerade in Bedrängnis, wird auch sie verschwinden?

Schmidt: Buchen sind wie andere Baumarten (Fichte, Kiefer, Ahorn, Hainbuche, Schwarzkiefer) betroffen, doch die Buche wird in absehbarer Zeit nicht verschwinden. Landesweit gesehen ist und bleibt sie eine wichtige Stütze beim Waldumbau. Allerdings wird die Rotbuche in den wärmsten und trockensten Ecken zurückgedrängt werden. 

Welche Baumarten werden bei uns überhaupt noch zu halten sein?

Schmidt: Bei uns werden vor allem unsere heimischen Baumarten mit größerer Trockenheits- und Wärmetoleranz, zu halten sein. Dazu gehören Feldahorn, Hainbuche, Speierling, Französischer Anhorn, Elsbeere, Mehlbeere oder Spitzahorn. Dazu kommen unsere Pionierbaumarten, die sogenannten Weichlaubhölzer wie Salweide, Sandbirke, Zitterpappel und Vogelbeere. Sie könnten wichtig werden, um ein Gebiet rasch wieder zu bewalden. In begrenztem Umfang könnten in einer Mischung auch nicht heimische Baumarten, bevorzugt südosteuropäische Arten wie Silberlinde, Balkaneiche, Zerreiche, Flaumeiche, Hopfenbuche oder Mannaesche eine Rolle spielen.

Kommt es zum großen Waldsterben?

Schmidt: Ich glaube nicht an ein großes Waldsterben, aber an vielfältige Auswirkungen und umfangreiche Veränderungen des Waldbildes in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Welche Rolle spielt Unterfranken im Zuge des Klimawandels für den "Wald der Zukunft"?

Schmidt: Unterfranken hat eine wichtige Vorreiterrolle, denn aufgrund der Tatsache, dass Unterfranken die wärmste Region Bayerns ist, treten hier die vom Klimawandel bedingten Veränderungen zuerst auf. Das heißt, von der Anpassung in Unterfranken und dem dortigen Vorgehen können auch die anderen Regionen in Bayern lernen, die verzögert der Entwicklung folgen werden.

>Lesen Sie auch: Experten schlagen Alarm: Viele Bäume in Unterfranken sterben

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in Würzburg zu sehen. Foto: Patty Varasano

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