Würzburg

Klimawandel: Was wird aus dem Mythos deutscher Wald?

"O Tannenbaum" bis "Tannhäuser": Der Wald ist in der deutschen Kunst allgegenwärtig. Was aber, wenn er verschwindet? Werden all die Lieder und Gedichte nichts mehr bedeuten?
Der Wald als mächtiges Schutzwesen: Ludwig Richters "Abendandacht (Abendläuten)" von 1842 aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig ist derzeit zu sehen in der Ausstellung "Schöne heile Welt" im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt. Foto: Christoph Sandig/ARTOTHEK

Es gibt eine einschüchternde – und wachsende – Liste der benennbaren, vielfach schon berechen- und messbaren Folgen des Klimawandels: höhere Durchschnittstemperaturen, schmelzende Polkappen und Gletscher, steigende Meeresspiegel, sterbende Pflanzen- wie Tierarten, Versteppung und Verödung ganzer Landstriche und damit Verelendung der Menschen, die das Pech haben, in diesen Landstrichen zu leben.

Was aber ist mit den Folgen, die noch nicht so ins Auge stechen? Auch hierzulande wird sich die Landschaft verändern – und das könnte seelische wie kulturelle Folgen haben. Der Wald, emotionales Heiligtum der Deutschen, ist gefährdet. Die Fichte, ältester deutscher Kulturbaum, verträgt Hitze und Trockenheit nicht, aber auch andere Arten wie die Buche und die (deutsche) Eiche leiden unter Krankheiten und Parasiten. Allein im Würzburger Stadtwald sind in diesem Sommer 5000 Bäume vertrocknet.

Noch immer besteht fast ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik aus Wald

Natürlich kämpfen Förster und Waldbesitzer mit allerhand Strategien gegen das Sterben an, etwa mit widerstandsfähigeren Arten. Was aber wäre, würde der deutsche Wald verschwinden? Was sollten Kinder dann mit einer Liedzeile wie "Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald" anfangen? Wer würde noch Gedichte verstehen wie Eichendorffs "Waldgespräch": "Es ist schon spät, es wird schon kalt, / Was reit’st du einsam durch den Wald? / Der Wald ist lang, du bist allein, / Du schöne Braut!  / Ich führ’ dich heim!"

Blick in den gar nicht so dunklen Tann: Fichtenwald in den Schwarzen Bergen Foto: Jürgen Hüfner

Noch immer besteht fast ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik – 32 Prozent – aus Wald. Spitzenreiter sind Hessen und Rheinland-Pfalz mit 42 Prozent, Bayern liegt mit 37 Prozent (was fünf Milliarden Bäumen entspricht) mit Berlin und Brandenburg auf Platz 4, Schlusslicht ist, wenig überraschend, die Heidelandschaft Schleswig-Holsteins mit nur 11 Prozent Waldanteil.

Doch diese Zahlen sagen wenig aus über die besondere Liebe der Deutschen zu Baum und Borke. Der Mythos wurzelt tief, Setzling war wohl die Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 n. Chr., als die Germanen unter Arminius die drei römischen Legionen des Varus vernichteten. Ob Kaiser Augustus anschließend den unwegsamen Wald verfluchte, Schauplatz des verhängnisvollen Hinterhalts, ist nicht überliefert. Aber er soll ausgerufen haben: "Varus, gib mir meine Legionen wieder!"

Der Wald als Raum der tiefen Empfindungen – Markenzeichen deutschen Gemüts schlechthin

Teutoburger Wald, Schwarzwald, Westerwald, Thüringer Wald, Grunewald, Odenwald, Bayerischer Wald, Spreewald, Pfälzerwald, Frankenwald, Sachsenwald und natürlich Steigerwald. Der Wald kann für Düsternis und Gefahr stehen (siehe "Hänsel und Gretel"), er ist aber auch Jagdrevier und Nahrungslieferant, in jüngerer Zeit Revier für Jogger, Radler, Wanderer und – ganz neu: Waldbadende.

Sattgrüne Hänge der Heimat: Carl Spitzweg, "Mädchen mit Ziege", 1852/55 Foto: Museum Georg Schäfer

Die Wertschätzung für all diese Nutzungen ist sozusagen die Oberfläche, tiefer sitzt die Überhöhung der Waldes als Ort nationaler Identität, die schließlich von den Nazis auf die Spitze getrieben wurde ("Juden sind in unsern deutschen Wäldern nicht erwünscht"). Der Wald als Raum der Sammlung und der tiefen Empfindungen – das Markenzeichen deutschen Gemüts schlechthin. In der Romantik bündeln sich diese Projektionen im Begriff der "Waldeinsamkeit". Leider gibt es keine Zahlen, über wie vielen Sofas heute noch röhrende Hirsche hängen, aber die Sehnsucht nach einem Ankommen in Ruhe und Geborgenheit (siehe "Der Förster vom Silberwald" von 1954) wirkt wohl weiter fort: Wer aufs Geratewohl "Pension Waldfrieden" googelt, bekommt 243 000 Treffer.

Der Wald ist in der deutschen Kultur allgegenwärtig – in der bildenden Kunst, in der Dichtung, in der Musik (von bis "O Tannenbaum" bis "Winterreise"), in der Oper ("Der Freischütz"). Die ältesten bildlichen Darstellungen entstanden zu Beginn des 16. Jahrhunderts und finden ihren Widerhall bis heute, etwa im Bildband "New Pictures from Paradise" des Fotografen Thomas Struth.

Die kargen Felsen der Fremde: Carl Spitzweg, "Der Naturfoscher in den Tropen" Foto: Museum Georg Schäfer

Ihre Hochzeit erlebte die Darstellung des Waldes naturgemäß in der Romantik. Man könnte zum Beispiel das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt allein unter dem Aspekt Wald besichtigen und würde entdecken, wie Ludwig Richter in "Abendandacht" den Wald als mächtiges Schutzwesen darstellt, Carl Blechen hingegen als Hort der Dämonen. Carl Spitzweg stellt sattgrüne Hänge der Heimat ("Mädchen mit Ziege") den kargen Felsen der Fremde gegenüber ("Der Naturfoscher in den Tropen").

Richard Wagner bringt im "Tannhäuser" die Identifikation mit dem Wald auf den Punkt

Aus der unübersehbaren Menge an Dichtungen zum Thema Wald seien hier nur zwei zitiert: Friedrich Schlegel, Miterfinder der Romantik, und Richard Wagner, Erfinder eines Gesamtkunstwerks, in dem der (Nibelungen-)Wald praktisch dauernd eine bedeutende Rolle spielt. Schlegel stilisiert in seinem Gedicht "Im Spessart" den Wald zum quasi denkenden Wesen: "Jahrtausende standst du schon / O Wald, so dunkel kühn / Sprachst allen Menschenkünsten Hohn / Und webtest fort dein Grün."

Richard Wagner bringt im "Tannhäuser" (der Titel ist Programm) die Identifikation mit dem Wald auf den Punkt. Wolfram von Eschenbach singt: "Blick' ich umher in diesem edlen Kreise, / welch hoher Anblick macht mein Herz erglühn! / So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, –/ ein stolzer Eichwald, herrlich, frisch und grün."

Der Wald als Hort der Dämonen: Carl Blechen, "Dämonische Landschaft", um 1826 Foto: Museum Georg Schäfer

Natürlich haben auch andere europäische Länder ordentlich Wald. Manche laut Weltbank sogar mehr: Spanien, das sich der Unkundige möglicherweise als sonnenverbrannte Steppe vorstellt, lässt mit über 38 Prozent Waldfläche Deutschland klar hinter sich. Frankreich bringt es auf etwa 31 Prozent, Italien auf fast 32 Prozent. (Spitzenreiter weltweit ist übrigens Surinam in Südamerika, das zu 98,3 Prozent aus Wald besteht.)

Aber als in den 1980er Jahren der Saure Regen ein erstes Waldsterben auslöste, fühlten unsere Nachbarn jenseits des Rheins so sehr mit uns, dass sie die Vokabel "Waldsterben" eins zu eins in den französischen Wortschatz aufnahmen. So als wöge das Sterben des deutschen Waldes schwerer als das irgend eines anderen auf der Welt.

Ganz so vernichtend war das Waldsterben der 1980er dann doch nicht, die dramatische Prognose, dass es bis 1990 in Deutschland keine Nadelbäume mehr geben werde, erfüllte sich nicht. Bestimmt auch, weil der Schock dazu führte, dass die Autos Katalysatoren und die Fabrikschornsteine Filter bekamen.

Ausstellungstipp: Einen tiefen Einblick in das Schaffen Ludwig Richters gibt die Ausstellung "Schöne heile Welt" im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt (bis 19. Januar)

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