Würzburg

Kommentar: Wen die SPD zu ihren Vorsitzenden wählen soll

Petra Köpping und Boris Pistorius bei der Kandidatenvorstellung für den SPD-Vorsitz in Nürnberg. Foto: Daniel Karmann, dpa

Wer wird neuer SPD-Vorsitzender? In München ist am Samstag das größte Kandidaten-Casting für ein politisches Spitzenamt, das diese Republik bislang erlebt hat, zu Ende gegangen. Bei 23 Regionalkonferenzen stellten sich anfangs 15, zuletzt noch zwölf Kandidatinnen und Kandidaten der SPD-Basis vor. Jetzt müssen die 430.000 Parteimitglieder entscheiden. Der Ausgang ist offen.

Was also hat die sechswöchige Vorstellungstour gebracht? Sie hat - vorübergehend - die Reihen in der SPD geschlossen. Wer dabei war, erlebte eine muntere, diskussionsfreudige Partei, deren Vertreter ziemlich glücklich schienen, abseits von Tagespolitik und schlechten Umfragezahlen über die wahren sozialdemokratischen Werte zu debattieren. Eine SPD, die sich mal wieder ein klein wenig an sich selbst berauschte.

Doch der Katzenjammer wird schneller zurückkehren als viele Sozialdemokraten glauben. Geklärt ist von den innerparteilichen Konflikten um die Große Koalition, um Hartz IV oder die Steuerpolitik, die die traditionsreiche Volkspartei jetzt schon seit vielen Jahren geradezu zerreißen, bis dato keiner. Und es bestehen Zweifel, dass sich dies mit der Personalentscheidung, zu der die Mitglieder jetzt aufgerufen sind, ändert.

Olaf Scholz könnte vom Promi-Faktor profitieren

Als Favoriten – zumindest mal für den Einzug in eine Stichwahl – sehen viele Beobachter das Duo Klara Geywitz und Olaf Scholz. Ganz einfach deshalb, weil der Bundesfinanzminister das bekannteste Gesicht unter den Bewerbern ist. Er mag bei den Castings nicht den meisten Applaus eingeheimst haben. Bei den Genossen, die allein anhand der Namen auf dem Stimmzettel entscheiden, dürfte der Promi-Faktor aber sehr wohl eine Rolle spielen. 

Wählen die Sozialdemokraten aber den bekennenden GroKo-Anhänger Scholz zu ihrem Vorsitzenden, dann müssen sie auch in der Regierung mit CDU und CSU bleiben. Den neuen Chef beim Parteitag im Dezember gleich mit einem Ausstiegsvotum zu belasten, das wäre politischer Selbstmord. Gleichzeitig säße der Frust bei vielen Aktiven tief, allen voran den jungen, die schon jetzt nur mit zusammengekniffenen Zähnen an den Infoständen stehen.

Mit einem linken Spitzen-Duo stürzt die GroKo 

Die GroKo-Gegner müssen auf ein anderes Spitzen-Duo hoffen. Christina Kampmann und Michael Roth ernteten viel Beifall für ihre europafreundlichen, an US-Wahlkämpfe erinnernden Auftritte. Mit 39 und 49 Jahren sind sie die jüngsten Kandidaten, das spricht für Perspektive. Ob das als Kriterium reicht? 

Die Jungsozialisten um Kevin Kühnert hatten sich schon vor der Kandidaten-Tour für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans stark gemacht. Beide, das zeigten die Auftritte deutlich, würden die SPD deutlicher links als heute positionieren. Die Außenseiter-Duos Nina Scheer/Karl Lauterbach und Gesine Schwan/Ralf Stegner ebenso. Die GroKo hätte mit ihnen allen keine Überlebenschance. Die SPD aber würde in einen Wettstreit mit der Linkspartei um Steuergerechtigkeit und Sozialtransfers treten. Und würde ihren Anspruch, in absehbarer Zeit mal wieder den Bundeskanzler zu stellen, nicht wirklich glaubhaft vertreten können.

Schlägt am Ende also die Stunde für die Kompromisskandidaten zwischen den Flügeln? Für Petra Köpping und Boris Pistorius? Die sächsische Integrationsministerin und der niedersächsische Innenminister sind erfahrene Pragmatiker aus Ost und West. Sie sprechen auch Wähler in der politischen Mitte an, die die SPD, wenn sie auf Dauer erfolgreich sein will, ganz sicher braucht. Gleichzeitig hängt ihnen nicht die Last der Berliner GroKo an.

Mit den Mitte-Links-Vorsitzenden Köpping und Pistorius könnte die SPD das Bündnis kündigen, ohne ihren Regierungsanspruch aufzugeben. Womöglich ist das die aussichtsreichste Perspektive.

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