WÜRZBURG

Kopftuchstreit an der Würzburger Universität

Kopftuchstreit in der Uni
Eine Studierende mit Kopftuch steht am Donnerstag (26.10.17) vor dem Gebäude der Philiosophischen Fakultät an der Universität am Hubland in Würzburg. Eine Professorin hatte die Studierende in einer Vorlesung aufgefordert, ihr Kopftuch abzulegen. Foto: Daniel Peter

Dürfen muslimische Frauen in Vorlesungen an der Würzburger Universität Kopftuch tragen? Während einer Veranstaltung in der Politikwissenschaft ist es darüber am Mittwochnachmittag zu einem Eklat gekommen. Eine türkischstämmige Studentin sollte nach Aufforderung durch die Professorin ihr Kopftuch abnehmen. Sie weigerte sich – und viele Studierende solidarisierten sich mit der 19-Jährigen.

Übereinstimmend bestätigen mehrere Augenzeugen den Vorfall, der sich in einem Hörsaal im Philosophengebäude am Hubland ereignete. Noch bevor Politik-Professorin Gisela Müller-Brandeck-Bocquet mit ihrer Vorlesung zu Internationalen Beziehungen begann, forderte sie alle Zuhörer auf, ihre Kopfbedeckungen abzunehmen. Das betraf Studenten mit Mützen, Käppis – aber auch jene Politikstudentin mit Kopftuch.

Vor vollem Hörsaal: Persönlich von Professorin aufgefordert

Die in Deutschland geborene junge Frau, Tochter türkischer Eltern, studiert im dritten Semester "Political and Social Studies" und hatte nach eigener Aussage an der Universität Würzburg noch nie Probleme mit ihrem Kopftuch. Von Müller-Brandeck-Bocquet aber wurde sie im voll besetzten Hörsaal direkt und persönlich angesprochen: Die Aufforderung gelte auch für sie.

Die Studentin konterte: Die Professorin habe kein Recht, ihr das Tragen des Kopftuches zu verbieten – doch diese beharrte zunächst darauf. Was nach Schilderungen von Kommilitonen folgte, waren erboste Zwischenrufe („Religionsfreiheit!“), Proteste gegen einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und eine lautstarke Diskussion. Müller-Brandeck-Bocquet verwies auf die Trennung von  Staat und Kirche: Die Universität sei ein säkularer Raum, religiöse Bekenntnisse hätten dort nichts zu suchen.

Studierende solidarisieren sich mit der Deutsch-Türkin

Anders argumentierte die 19-jährige Studentin: Deutschland sei doch eine Demokratie mit gesetzlich verankerter Religionsfreiheit. Etliche Teilnehmer der Vorlesung stellten sich auf ihre Seite und verließen demonstrativ den Hörsaal. „Die Leute waren schockiert, das so etwas passieren kann“, berichtet ein Kommilitone.

Die Politik-Professorin, erst jüngst mit dem Jean-Monnet-Lehrstuhl der Europäischen Kommission ausgezeichnet, unterbrach die Vorlesung für etwa zehn Minuten – erst dann begann sie, ohne weiter auf die junge Deutsch-Türkin einzugehen.

Ein Streit - zwei Bewertungen:

Gegenüber der Redaktion begründete die Studentin ihre Haltung. Das Kopftuch gehöre für sie zur Religionsausübung, „es ist meine eigene freie Entscheidung. Niemand zwingt mich dazu, auch nicht meine Eltern.“ Sie trage das Kopftuch freiwillig seit fünf bis sechs Jahren und habe noch keine Diskriminierung deshalb erlebt – bis Mittwochnachmittag. „So wurde ich noch nie belästigt“, sagt die Muslimin, deren Kopftuch nur die Haare bedeckt und nicht das Gesicht verschleiert. Sie hofft nun, dass sie selbst und andere Kopftuchträgerinnen künftig vor ähnlichen Konfrontationen verschont bleiben.

Hochschulleitung bekennt sich zur Religionsfreiheit

Müller-Brandeck-Bocquet stand am Donnerstag schon wieder im Seminar- und Vorlesungsbetrieb. Eine angekündigte Erklärung der Universität wurde am späten Nachmittag verschickt. Darin bekennt sich die Hochschulleitung zum "selbstverständlichen Prinzip" der Religionsfreiheit. Das Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten gehöre zum Leitbild der Julius-Maximilians-Universität (JMU). Hier gebe es keine Vorschriften oder Richtlinien, die das Tragen eines Kopftuches untersagen würden - "weder den Studierenden, noch dem Lehrpersonal oder anderen Beschäftigten."

Abgesehen davon dürfte die Uni gar kein Verbot erlassen, wie das zuständige Kultusministerium in München bestätigt. Keine gesetzliche Regelung könne das Kopftuch-Tragen an bayerischen Hochschulen untersagen, heißt es auf Anfrage von der Pressestelle. Auch über das Hausrecht der Hochschule sei ein Kopftuchverbot vor dem Hintergrund der Religionsfreiheit nicht möglich.

Professorin bedauert "Aufregung und Missverständnisse"

In der schriftlichen Erklärung bedauert die Politik-Professorin die Vorkommnisse in ihrer Vorlesung. Wörtlich heißt es: „Seit vielen Jahren pflege ich, in meinen Vorlesungen die Zuhörer um die Abnahme von Kopfbedeckungen zu bitten, als Zeichen des Respekts vor einer universitären Einrichtung und vor mir als vortragender Professorin.“ In der Regel seien damit männliche Studierende angesprochen, die sogenannte Base-Caps tragen. Diese seien ihrer Bitte immer nachgekommen.

Als jetzt die türkischstämmige Studentin als Einzige ihr Kopftuch nicht ablegen wollte, habe Müller-Brandeck-Bocquet auf die beabsichtigte Gleichbehandlung von Männern und Frauen hingewiesen und ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht. Im Gegensatz zu den Schilderungen der Studentin und von Kommilitonen bestreitet die Professorin, die 19-Jährige zum Ablegen des Kopftuches aufgefordert zu haben. Diplomatisch verklausuliert klingt das in der Uni-Erklärung so: "Sie bedauert die Aufregung und die Missverständnisse, die sich aus der Artikulation ihrer persönlichen Missbilligung ergeben haben."

Der Vorfall vom Mittwoch hat in Kreisen der Studierenden teils heftige Debatten und Proteste ausgelöst. So wirft die Juso-Hochschulgruppe der Politik-Professorin ein intolerantes Verhalten vor. „Das ging eindeutig zu weit und verstößt gegen die Religionsfreiheit“, wird Nahide Dalda, die Sprecherin der Juso-Hochschulgruppe, in einer Mitteilung zitiert.

Juso-Hochschulgruppe fordert Entschuldigung

Dalda trägt selbst ein Kopftuch und ist mit der betroffenen Studentin befreundet. Sie spricht von einem „schlimmen Vorfall. Mir kamen die Tränen, als ich davon gehört habe.“ Die Juso-Hochschulgruppe fordert Müller-Brandeck-Bocquet zu einer Entschuldigung auf. Sie habe eine Vorbildfunktion. Kopftücher müssten „in Zukunft weiterhin wie gewohnt in den Vorlesungen erlaubt werden.“

Scharfe Kritik kommt auch von der Grünen Jugend Würzburg. Sie bewerten in einer Stellungnahme das Verhalten der Professorin als „öffentliche Demütigung“. Das Kopftuch sei Teil einer individuellen Religionsausübung. Das Tragen zu verbieten, verstoße gegen die Religionsfreiheit, das Grundgesetz und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Vorstandsmitglied Magdalena Bachinger: „Die Aufforderung, das Kopftuch während der Vorlesung abzunehmen, ist an einer öffentlichen Einrichtung, die tolerant, weltoffen und diskriminierungsfrei sein sollte, nicht tragbar.“

Kritik auch von der Studierendenvertretung

Am Donnerstagabend äußerste sich dann auch die Studierendenvertretung der Universität. Mitglied Lucie Knorr, selbst Zuhörerin in der Vorlesung, zum Vorgehen der Professorin: "Während sie einerseits den Respekt der Studierenden einforderte, verhielt sie sich selbst durch die Gleichsetzung von Kopftüchern mit allen anderen Kopfbedeckungen äußerst respektlos." Auch Vorsitzender Lukas Miaskiwskyi äußerte sich kritisch. Eine derartige Verhaltensweise gehöre nicht in die Hochschullehre und sei für eine Vertreterin einer wissenschaftlichen Einrichtung "vollständig unangemessen".

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