Künstlerdorf Thüngersheim

Ein Ort, 2661 Einwohner, fünf Künstler. Thüngersheim hat derzeit eine bemerkenswerte Kreativen-Dichte.
Vier Thüngersheimer Künstler betrachten ein Gemälde eines großen Vorgängers: Ulrich Jung, Rita Katharina Kolb, Dorette Jansen und Sylvia Peter im 'Urlaub-Haus'.
Vier Thüngersheimer Künstler betrachten ein Gemälde eines großen Vorgängers: Ulrich Jung, Rita Katharina Kolb, Dorette Jansen und Sylvia Peter im "Urlaub-Haus". Foto: Stefan Römmelt

Zwölf Kilometer nördlich von Würzburg haben Fantasie und Formgefühl eine lange Tradition, denn mit den Urlaubs war dort bereits im 18. Jahrhundert eine regional bedeutsame Malerfamilie ansässig. 200 Jahre später haben ganz unterschiedliche Charaktere den Weg in das idyllische, engbebaute und fachwerkreiche „Häckerdorf“ mit der größten Rebfläche in Franken gefunden: der Schmuckdesigner Ulrich Jung, die Malerin Rita Katharina Kolb, die Malerin und Galeristin Sylvia Peter, der Bildhauer Marco Schraud und seit Juli auch die Malerin und Puppenschnitzerin Dorette Jansen.

Vom Leben und Arbeiten im „Künstlerdorf“ erzählen Kolb, Jung, Peter und Jansen bei einem Besuch im „Urlaub-Haus“. Den Salon im ersten Stock hat um 1750 der berühmteste Urlaub, Georg Anton (1713-1759) mit einem Deckenfresko geschmückt – ein günstig gelegener „Showroom“ am Ortseingang in der Unteren Hauptstraße.

Eine Gemeinsamkeit der Kreativen von 2012: Alle wohnen in alten Thüngersheimer Häusern und nur ein paar Minuten vom „Urlaub-Haus“ entfernt. „Wir Künstler brauchen Platz für unsere Ateliers, und im Dettelbacher Hof habe ich genau das gefunden, was ich suche“, erklärt Ulrich Jung. Der an der Hanauer Zeichenakademie ausgebildete Schmuckgestalter ist 1998 nach Thüngersheim gekommen. Er genießt in der Oberen Hauptstraße das historische Ambiente und das Leben auf dem Land. „Man kennt sich, man hilft sich.“ Und so stellen die Künstler seit 2004 bei „Kunst vor Ort“ alle zwei Jahre gemeinsam aus. Die Thüngersheimer sollen wissen, was „ihre“ Kreativen schaffen.

„Man kennt sich, man hilft sich.“

Schmuckgestalter Ulrich Jung über das Leben auf dem Land

„Ich stamme aus Thüngersheim, und da musste ich erst einmal weg“, erzählt Rita K. Kolb. Das verbindet sie mit Georg Anton Urlaub, dessen 300. Geburtstag Thüngersheim 2013 feiert. Nach Stationen in Augsburg und Wien floh der Würzburger Hofmaler 1744 aus dem Dienst Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborns nach Italien. Dort wollte er der Enge Würzburgs entkommen, um seine Kunst zu vervollkommnen. „Der hat eben Ansprüche gestellt“, wirft Jung nachdenklich ein. Während Urlaub erste Anregungen von seinem Vater Georg Sebastian Urlaub erhielt, hat Kolb über einen Würzburger Künstler zur Malerei gefunden: „Schon als Kind haben mich die Ortsansichten von Franz Freidhof, der von 1945 bis 1950 in Thüngersheim gelebt und gemalt hat, beeindruckt.“ Nach einer mehrjährigen Ausbildung zur Malerin in Stuttgart ist die vielseitige Künstlerin 1998 wieder nach Thüngersheim zurückgekehrt und arbeitet seitdem im ehemaligen Gasthaus „Zur Krone“. Sie freut sich auf den Kulturherbst des Landkreises Würzburg, der an diesem Freitag beginnt. Da stellen auch ihre Schüler bei ihrer Jubiläumsausstellung in der Unteren Hauptstraße aus.

In der Oberen Hauptstraße, gegenüber dem Standort des unlängst abgerissenen Geburtshauses Georg Anton Urlaubs, hat vor drei Jahren die Allgäuerin Sylvia Peter mit ihrem Mann Michael Junginger im ehemaligen Gasthaus „Alter Stern“ das „Forum Botanische Kunst“ eröffnet. „Wir haben uns spontan in das Haus verliebt“, sagt Peter, die an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein (Halle) Malerei und Grafik studiert hat. Die international bestückten Ausstellungen im „Forum Botanische Kunst“ führten unlängst auch Künstlerinnen aus Südkorea nach Thüngersheim.

Das Interesse an der Natur um Thüngersheim teilt Peter mit Jung und Kolb. Deswegen engagieren sich die drei für „LandArt Thüngersheim“. Der „Förderverein Kunst und Landschaft“ will den Naturraum um das Künstlerdorf kreativ erschließen. Von 21. bis 23. September findet zwischen Weinbergen, Wald und Wiesen der Workshop „NaturRaum – KunstOrt“ statt. „Die Teilnehmer sollen mit Hilfe der Kunst die vielfältige und zum Teil einzigartige Natur vor Ort ganz bewusst wahrnehmen“, erklärt Peter.

Die Natur um Thüngersheim fokussiert auch ein von der Gemeinde gefördertes Projekt, das Peter mit einigen Winzerfamilien initiiert hat. Die „Projektgruppe Wildblumen im Weinberg Thüngersheim“ organisiert im Herbst 2012 eine gemeinsame Zwiebelpflanzung an vielbegangenen Spazierwegen, und 2013 erinnert die Aktion „Wildblumen machen Urlaub“ an das Geburtstagskind Georg Anton. „Wir verkaufen eine Blumenmischung mit den Farben, die in Urlaubs Bildern vorkommen. Den Erlös verwenden wir für unser Wildblumenprojekt“, erklärt Peter. Und mit einem Blick zu den dynamisch aufspielenden Musikern an der Decke sagt sie: „Good vibrations here.“

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