WÜRZBURG

Kulturschaffender drohte mit Blutbad im Rathaus

Alter Baumbestand: Die kleine Sackgasse Gosbertsteige in der Zellerau Foto: Thomas Obermeier

Man kennt ihn als kompromisslosen Kämpfer für kulturelle Belange, als harschen Kritiker, als streitbaren Bürger. Jetzt sitzt der 68-jährige pensionierte Studiendirektor Berthold Kremmler auf der Anklagebank im Strafjustizzentrum – und wird wegen Bedrohung zur Zahlung von 2000 Euro verurteilt.

Es ist nicht der „normale“ Weg, der Kremmler hierher geführt hat. Zwar hatte er im Herbst 2011 im Beisein einer Bauingenieurin der Stadt gesagt, es gäbe „ein Blutbad in der Stadtverwaltung“, wenn bei der Erschließung der Gosbertsteige sein 80 alter Nussbaum beschädigt werde. Aber die Ingenieurin hatte sich durch die Worte nicht bedroht gefühlt. Auch ihre Chefs nahmen die Äußerung so wenig ernst, dass sie keine Anzeige gegen den langjährigen Vorsitzenden des Dachverbands Freier Kulturträger und der Filminitiative erstatteten.

Dass der 68-Jährige trotzdem Ärger bekam, liegt an einem Oberstaatsanwalt, der in einer Stadtrandgemeinde wohnt und bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, also der der Würzburger Staatsanwaltschaft vorgesetzten Behörde, beschäftigt ist. Dieser Oberstaatsanwalt las Kremmlers Äußerung in der Main-Post. Über Stadtbaurat Christian Baumgart waren die bösen Worte in die Beschlussvorlage für die Stadträte im Umwelt- und Planungsausschuss gelangt – und hatten im März 2012 Eingang in die Zeitung gefunden.

Der in Bamberg arbeitende Oberstaatsanwalt informierte den stellvertretenden Leiter der Würzburger Staatsanwaltschaft, und dieser leitete ein Verfahren ein. Beim Amtsgericht wollte man die Sache allerdings zunächst nicht allzu hoch hängen. Die Richterin, so Verteidiger Jochen Hofmann-Hoeppel, habe eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage angeregt. Aber da habe die Anklagebehörde nicht mitgemacht.

So flatterte Kremmler ein Strafbefehl ins Haus, mit dem er dazu verurteilt wurde, wegen Bedrohung 30 Tagessätze zu je 50 Euro, also 1500 Euro, zu zahlen. In Deutschland wird nämlich, wer „einen anderen mit der Begehung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bedroht“, mit „Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft“.

Kremmler legte Einspruch ein, ein öffentlicher Prozess wurde terminiert, jetzt findet er statt. Im Sitzungssaal 32 des Strafjustizzentrums sagt der Studiendirektor a.D., dass er mit seinen Worten keinesfalls die Bauingenieurin habe treffen wollen. „Mein Adressat war Christian Baumgart.“ Schließlich sei der Stadtbaurat in Auseinandersetzungen „mit Andersdenkenden“ bei seiner Wortwahl auch nicht zimperlich.

„Ich halte mich für einen rationalen Menschen“, sagt Kremmler, „ich neige aber auch zu Polemik und scharfen Formulierungen“. Im Oktober 2011 habe er befürchtet, die geplante Baumaßnahme könne seinem Nussbaum das Leben kosten. Dann betont der 68-Jährige, er habe nie vorgehabt, im Rathaus Amok zu laufen. „Ich weiß gar nicht, was man für ein Blutbad braucht.“ Er habe „mit der Sprache gespielt“, sagt der ehemalige Deutschlehrer, „was ich gesagt habe, war nur eine sprachliche Realität“. Er habe „gehofft, dass starke Worte bei Herrn Baumgart haften bleiben“. Trotzdem gibt er zu, dass sein „Ausbruch zweifellos töricht war“.

Das Gericht verurteilt Kremmler wegen Bedrohung zur Zahlung von 20 Tagessätzen zu je 100 Euro, insgesamt 2000 Euro. Das sind zehn Tagessätze weniger als im Strafbefehl. Dafür hat sich die Höhe verdoppelt. Im Strafbefehlsverfahren waren die Einkünfte des Studiendirektors a.D. geschätzt worden, in der Verhandlung hat er sie, obwohl er dazu nicht verpflichtet ist, wahrheitsgetreu angegeben. Der Staatsanwalt hatte 30 Tagessätze zu je 100 Euro gefordert, der Verteidiger einen Freispruch.

Nun überlegt Kremmler, ob er Berufung gegen das Urteil einlegen soll. „Ich bin kein Prozesshansel“, sagt er. Und er hat ja auch eine Genugtuung: Die rund 220 000 Euro teure Erschließung der von vielen alten Bäumen gesäumten Gosbertsteige in der Zellerau wurde von der Stadt ad acta gelegt. Nach dem heftigen Protest gegen die Baumfällungen in der Trautenauer Straße im Frauenland habe man „wohl nicht noch mal Bäume“ opfern wollen, vermutete die Bauingenieurin der Stadt im Zeugenstand.

Schlagworte

  • Bauingenieure
  • Blutbäder
  • Christian Baumgart
  • Drohung und Bedrohung
  • Kritiker
  • Oberstaatsanwälte
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
15 15

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!