WÜRZBURG

Kulturtafel: Selbst für „Carmen“ gab es Tickets

Das Theaterstück hatte es in sich. „Es geht um Kindesmissbrauch“, erläuterte Anika Braunshausen am Telefon. Am anderen Ende der Leitung schluckte jemand. „Das möchte ich lieber nicht sehen“, sagte eine männliche Stimme. Braunshausen legte auf und wählte eine andere Nummer. Die 28-Jährige ist seit Oktober 2014 ehrenamtlich bei der Würzburger Kulturtafel tätig. Ein 29-köpfiges Team eröffnet derzeit mehr als 750 armen Menschen den Zugang zu Kultur und Sport.

Bald werden es 2000 Karten sein, die seit Gründung des Vereins vor etwas mehr als einem Jahr vermittelt wurden. Immer, wenn Karten hereinkommen, wird telefoniert, manchmal zwei Stunden lang. Schließlich sollen die Angebote zu den Gästen passen.

Hinter vielen Vermittlungen stehen berührende Geschichten, sagt Gründungs- und Vorstandsmitglied Elisabeth Prein. Kürzlich vermittelte sie Tickets für den Kulturspeicher. Der dort tätige Freundeskreis lädt sonntags stets zwei Gäste der Kulturtafel zu einer Führung ein. Diesmal ging es um das Thema „Weiß“.

„Er hat schließlich den ganzen Sonntag im Museum verbracht, so begeistert war er.“
Elisabeth Prein über einen Gast der Würzburger Kulturtafel

Prein rief einen an Kunst interessierten Herrn an, der aus Georgien stammt. „Es werden Bilder zu sehen sein, die wirklich ganz weiß sind“, erklärte sie ihm. Der ältere Herr war begeistert: „Ich war doch selbst Maler!“ Kein Kunstmaler zwar. Er hatte Fassaden verschönt. Aber dabei natürlich oft die Farbe Weiß verwendet. Prompt ließ er sich auf die Führung ein. Prein: „Er hat schließlich den ganzen Sonntag im Museum verbracht, so begeistert war er.“

Unter den mehr als 750 Gästen der Kulturtafel sind rund 250 Kinder, deren Eltern so arm sind, dass sie nie mit ihnen ins Puppentheater oder in die Kindervorstellung eines Kinos gehen könnten. Erhalten sie Karten, kennt die Freude oft kaum Grenzen, erläutert Vorstandsmitglied Irmgard Gülsdorff. Sie durfte kürzlich Karten für einen Märchenabend im Matthias-Ehrenfried-Haus vermitteln. „Meine Tochter hat ausgerechnet morgen Geburtstag!“, rief die Mutter aus, der sie die Tickets anbot: „Ein so schönes Geschenk hätte ich ihr nie machen können!“

Die Veranstaltungen, zu denen die Kulturtafel-Gäste eingeladen werden, bieten einen Querschnitt durch das Kulturleben Würzburgs. „Wir sind keine Resterampe“, betont Anika Braunshausen. Vermittelt wird also keineswegs nur das, worauf Theater oder Museen sitzenbleiben würden: „Wir haben auch Karten etwa für die Oper ,Carmen‘ angeboten.“ Die Gäste der Kulturtafel seien oft völlig perplex, dass sie selbst dies miterleben dürfen.

Fast 60 Kultur- und Sportpartner hat die Kulturtafel inzwischen. Hinzu kommen um die 40 Sozialpartner, die dem Kulturtafel-Team bestätigen, dass es sich bei einem potenziellen Gast wirklich um eine bedürftige Person handelt. „Hierzu zählen die Bahnhofsmission, die Wärmestube, die Caritas, die Tafelläden, aber auch die Stadtbau“, listet die Ehrenamtliche Elvira Fischer auf. Ihr Part bei der Kulturtafel besteht darin, den Kontakt zu den Sozialpartnern zu pflegen. Dazu gehört die regelmäßige Belieferung mit neuen Anmeldezetteln.

Annette Popp, leidenschaftliche Kinogängerin und „Genossin“ des Central-Kinos, engagiert sich neben ihrem Job an der Universität ebenfalls bei der Kulturtafel. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und kümmert sich hauptsächlich um die Homepage des Vereins. Ehrenamtliches Engagement ist für sie selbstverständlich: „Ich finde, diesbezüglich könnte in Deutschland noch viel mehr geschehen.“

Auch Nadine Müller arbeitet in der für Public Relation zuständigen Gruppe mit. Die 25-Jährige sorgt neben ihrer Ausbildung dafür, dass immer etwas Spannendes auf Facebook zu lesen ist: „Zum Beispiel über die Frage, was denn eigentlich Kultur ist.“ Aber auch kleine Events rund um die Kulturtafel werden von ihr eingestellt.

„Etwa Spendenübergaben“, sagt Regine Räder, Religionspädagogin im Ruhestand, die als Gründerin und Vorsitzende des Vereins in zahllosen ehrenamtlichen Stunden für den Aufbau der Kulturtafel gesorgt hat.

Neulich etwa sammelte der evangelische Klinikseelsorger Pfarrer Martin Renger anlässlich eines runden Geburtstags statt Geschenken Spenden für die Kulturtafel. Dafür erhielt er ein dickes Dankeschön via Facebook.

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