WÜRZBURG

Kulturtafel hat schon über 1000 Eintrittskarten vermittelt

Attraktive Show: Besonders populär bei den Menschen, denen die Kulturtafel Tickets schenkt, war die „Traumfabrik“. Foto: Patty Varasano

„Liebe für Liebe“ hieß das Stück, das Toni Lechner in den 1970er Jahren im Theater sah. „Damals ,musste? ich jeden Monat ins Stadttheater gehen, denn meine Freundin hatte ein Abo“, schmunzelt der 62-Jährige. So sei er auf den Theatergeschmack gekommen. Jahrelang konnte er seiner Theaterleidenschaft jedoch nicht mehr frönen. Denn es ging ihm finanziell schlecht. Erst seit knapp einem Jahr besucht Toni wieder Theatervorstellungen: „Denn ich bin Gast der Kulturtafel.“

Über 1000 Theater-, Konzert- und Kinokarten, Karten für Museen, Kinderkulturvorstellungen, Vorträgen und Sportveranstaltungen hat die im Mai 2014 gegründete Kulturtafel inzwischen vermittelt. 400 Menschen aus Würzburg, die so wenig Geld haben, dass Theater- oder Konzertkarten für sie unerschwinglich sind, profitieren von der Einrichtung: zum Beispiel Hartz IV-Bezieher, Empfänger von Grundsicherungsrente oder Menschen mit schlecht entlohnten Jobs.

„Wir hätten niemals gedacht, wie viel Arbeit durch die Kulturtafel auf uns zukommt.“
Regine Räder Mitglied im Vorstand

Als Minirentner ist Toni Lechner einer von ihnen. Über die Wärmestube, wo er sich oft aufhält, erfährt er, wenn Tickets zu vergeben sind. Nachdem stets zwei Karten vermittelt werden, nimmt er meist seinen Kumpel Berti mit. Auch der ist ein häufiger Gast der Wärmestube. Und auch er liebt das Theater. Eine Eintrittskarte könnte sich jedoch auch Berti niemals leisten.

Kürzlich waren Toni und Berti zum ersten Mal im Bockshorn. Das war ein unvergesslicher Abend gewesen, erzählt Toni: „Wir saßen in der ersten Reihe. Und so ergab es sich, dass wir dauernd in die Vorstellung einbezogen wurde.“ Es begann mit einer kessen Bemerkung von Berti auf einen Kommentar des Kabarettisten hin. Schwupps waren die beiden Männer mitten drin im Spiel, immer wieder gerieten sie, zu ihrem großen Vergnügen, in den Fokus des Künstlers auf der Bühne. Berti: „Als die Vorstellung zu Ende war, kam der Kabarettist sogar auf mich zu und hat mich umarmt, weil ich so gut mitgemacht habe.“

Unlängst besuchte Berti sogar eine Premierenvorstellungen im Mainfranken Theater. Davor haben einige der Kulturtafel-Gäste ein bisschen Bammel. „Wegen der Klamottenfrage“, erklärt Toni. Doch Berti machte sich nicht viele Gedanken: „Ich zog mir ein sauberes Hemd an, das war?s.“ Um ihn herum standen in der Pause parfümierte Damen in schillernden Abendroben und Herren in feinem Zwirn. Doch das hat Berti nichts ausgemacht.

Er grämte sich auch nicht, dass er in der Pause nicht wie all die anderen an die Getränketheke tigern und sich einen Piccolo genehmigen konnte: „Einmal nahmen wir eine Flasche Sekt mit, die tranken wir dann in der Pause vor dem Theater.“ Stilvoll in Gläsern versteht sich.

Auch Rainer liebt Kultur. Zweimal im Monat in ein Konzert oder ins Theater zu gehen, das ist ihm ein Bedürfnis. In den 1980er Jahren konnte er seinen Kulturhunger ohne weiteres stillen: „Ich ging oft zu Hardrock-Konzerten.“ Wobei der 52-Jährige für viele Musikrichtungen offen ist. Kürzlich war er in der „Traumfabrik“ im Congress Centrum. Mit ganz wenigen Ausnahmen gefiel ihm die Show hervorragend.

Rainer ist gelernter Koch und arbeitete lange Zeit bei einem Veranstalter: „Da schuftete ich über 400 Stunden im Monat. Kultur war damals nicht drin.“ Nach einem Arbeitsunfall musste er den Job an den Nagel hängen. Danach lebte er viele Monate auf der Straße. Inzwischen hat er wieder eine Wohnung, Geld bekommt er vom Jobcenter. Um sich heute eine Theaterkarte leisten zu können, müsste er extrem sparen.

Um die 20 Ehrenamtliche sowie sieben Vorstandsmitglieder des Vereins „Kulturtafel“ kümmern sich darum, dass die Kulturkarten an den Mann und die Frau kommen und noch mehr arme Menschen auf das Angebot aufmerksam werden. Eine der Freiwilligen ist Gerda Stickler. Sie hilft seit langem ehrenamtlich in der Wärmestube mit und kennt die Not der dortigen Besucher. Ihre Aufgabe bei der Kulturtafel besteht unter anderem darin, die Menschen an der Tafel-Ausgabestelle im Beethovencenter auf die Kulturtafel hinzuweisen.

„Wir hätten niemals gedacht, wie viel Arbeit durch die Kulturtafel auf uns zukommt“, gibt Vorstandsfrau Regine Räder zu. Immer, wenn eine Karte reinkommt, wird sie telefonisch an die Gäste der Kulturtafel vermittelt: „Was manchmal eine Stunde dauern kann.“ Wie viele Karten eintrudeln, schwankt stark. Manchmal sind es fünf in der Woche: „Für die ,Traumfabrik? konnten wir 300 Karten in zwei Wochen verschenken.“

Über 50 Kultur- und Sportpartner sorgen dafür, dass jede Woche etwas Kulturelles geboten ist.

Zu den zuverlässigen Unterstützern des Projekts gehört die Evangelische Kirche, in deren Räume am Friedrich-Ebert-Ring der Verein mietfrei ein Büro einrichten durfte. Der größte Wunsch des Kulturtafel-Teams wäre es, mehr Vereinsmitglieder zu gewinnen, sagt Sabine Voll. Monatlich fallen Kosten für die Datenbank, das Telefon, für Plakate und Flyer an.

Bestritten werden sie derzeit von den Beiträgen von rund 20 Mitgliedern sowie durch Einzelspenden. Weil letztere unregelmäßig eintreffen, hängt die Kulturtafel auf lange Sicht gesehen finanziell stets ein wenig in der Luft.

Drei Kulturfans: Toni, Berti und Rainer (von links) freuen sich über jede Eintrittskarte, die sie von Regine Räder (link... Foto: Pat Christ

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