WÜRZBURG

Landarzt-Förderprogramm: Erfolg oder nur Kosmetik?

Diagnose Hausarztmangel: Vor allem auf dem Lande drohen Lücken
Hausärzte gelten in einigen ländlichen Regionen bereits als seltene Spezies. Händeringend wird Nachwuchs gesucht – auch in Unterfranken. Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Mit einem eigenen Förderprogramm versucht der Freistaat seit 2012 dem Landarztmangel entgegen zu wirken. Insgesamt 452 Mediziner konnten so bislang bei der Praxisgründung unterstützt werden, teilte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) mit. Knapp 11 Prozent davon sitzen in Unterfranken. Zudem wurden bayernweit 158 Medizinstudenten gefördert, die sich verpflichteten, später auf dem Land zu arbeiten. Ein Erfolg, heißt es aus dem Ministerium. Nur: Reicht das?

Der nördliche Landkreis Schweinfurt ist bereits unterversorgt

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) ist skeptisch. In den nächsten Jahren sei eine „große Versorgungslücke“ zu erwarten. Der Grund: Derzeit ist laut KVB etwa ein Drittel der niedergelassenen Hausärzte im Freistaat älter als 60 Jahre. Allein 450 Mediziner hätten im vergangenen Jahr ihre Praxistätigkeit beendet – jede fünfte Praxis konnte nicht nachbesetzt werden.

Das Förderprogramm des Ministeriums sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung. „Ich glaube aber nicht, dass das ausreicht“, sagt Dr. Christian Pfeiffer, Regionaler KVB-Vorstandsbeauftragter. In Unterfranken ist der nördliche Landkreis Schweinfurt bereits jetzt mit Hausärzten unterversorgt, in Lohr droht die gleiche Situation. An HNO-Ärzten mangelt es in den Haßbergen, im Landkreis Bad Kissingen kann es ebenfalls zur Unterversorgung mit diesen Fachärzten kommen. Der Rest der Region gilt zwar als gut versorgt. „Aber nur, weil in vielen Gegenden Ärzte auch im Rentenalter – mit über 70 Jahren – noch arbeiten“, so Pfeiffer. In den Statistiken gebe es damit genügend Mediziner, jedoch „machen viele nur weiter, weil sie eben keinen Nachfolger finden“. Ob es tatsächlich ausreichend Ärzte in Unterfranken gibt, „bilden die Zahlen nicht ab“.

40 Hausärzte wurden in Unterfranken gefördert

Das Problem ist nicht neu. „Klar ist: Wir brauchen in Deutschland mehr Ärzte, um auch künftig die hausärztliche Versorgung vor Ort insbesondere auf dem Land sicherzustellen“, so Huml. Deshalb wurden mittlerweile rund 38 Millionen Euro in das Förderprogramm investiert. In Unterfranken konnten damit 40 Hausärzte (1,9 Millionen Euro) und vier Fachärzte (90 000 Euro) sowie fünf Psychotherapeuten (78 000 Euro) unterstützt werden, wie eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums auf Anfrage mitteilte.

Daneben geht es vor allem um den Nachwuchs. Der soll etwa mit Stipendien, die im Februar auf monatlich 600 Euro erhöht wurden, für das Landarztdasein gewonnen werden. Und künftig mit einer Studienplatz-Quote. Damit „wollen wir bis zu fünf Prozent aller Medizinstudienplätze in Bayern für Studierende vorhalten, die sich bereit erklären, später als Hausarzt in Regionen zu arbeiten, die bereits ärztlich unterversorgt sind oder von Unterversorgung bedroht sind“, so Huml. Die zügige Einführung der Quote sei nach wie vor das Ziel. Einen konkreten Termin nennt das Ministerium nicht.

Das Image der Landärzte muss sich verbessern

Anne Simmenroth, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni Würzburg, sieht solche Förderstipendium kritisch. „Ich halte es nicht für sinnvoll, dass sich Studierende bereits im ersten Semester festlegen sollen, welches Fach sie später wählen und wo sie dann leben und arbeiten werden“, sagt die Professorin. Besser sei es zum Beispiel, „Studierende im praktischen Jahr zu unterstützen, aber dann nicht zwingend vorzuschreiben, was später passiert“. Um den Beruf als Landarzt generell attraktiver zu machen, seien aus ihrer Sicht nicht nur eine gute Lehre und Praktika im Studium wichtig, sondern auch der Abbau von Bürokratie sowie die Organisation in Gemeinschaftspraxen oder Versorgungszentren. Und vor allem: ein besseres Image der Hausärzte.

Ähnlich sieht es Christian Pfeiffer. Eine Quote und Stipendien allein reichten noch nicht aus. Wichtig wäre, dass junge Leute das echte Landarztdasein kennenlernen. „Oft kursieren Horrorvorstellungen“, so Pfeiffer. Ständige Erreichbarkeit, quasi kein Familienleben, Klischees aus Fernsehserien. „Man muss ihnen die Angst nehmen und zeigen, dass alles anders ist“, sagt Pfeiffer. Es gelte, weiter Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn: „Als Hausarzt auf dem Land hat man ein besseres Dasein als in jedem Krankenhaus, wage ich zu behaupten“.

Was Bundesländer gegen den Landarztmangel tun

Der Hausarztmangel auf dem Land betrifft nicht nur den Freistaat, fast alle Bundesländer haben damit zu kämpfen. In Baden-Württemberg beispielsweise sind nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung derzeit 500 Hausarztstellen unbesetzt, Tendenz steigend. Auch dort werden Ärzte bei der Niederlassung unterstützt, Stipendien vergeben und eine Landarztquote für Medizinstudenten diskutiert. Im ländlich geprägten Thüringen sollen unter anderem Honorarzuschüsse für Ärzte in unterversorgten Regionen, ein Förderstipendium für Nachwuchsmediziner in der Facharztausbildung sowie Investitionszuschüsse für Praxisgründungen oder –übernahmen in kleineren Orten einen Ärztemangel verhindern. Nordrhein-Westfalen will zum Wintersemester 2019/20 als nach eigenen Angaben erstes Bundesland eine Quote einführen und mit 168 Landarzt-Studienplätzen starten. 7,6 Prozent der Plätze sollen für Bewerber reserviert werden, die sich vertraglich verpflichten, zehn Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. (dpa/sp)

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