WÜRZBURG

Landkreis erhöht die Sätze für die Kindertagespflege

Jennifer Hartmann Foto: Baumeister

Der Jugendhilfeausschuss des Landkreises Würzburg hat eine neue Satzung für Tagespflege beschlossen. Diese regelt unter anderem die Vergütung für sogenannte qualifizierte Tagesmütter (oder -väter). Diese betreuen Kinder in Kleingruppen bei sich zu Hause und werden dafür von den Eltern und vom Jugendamt bezahlt. Meist kümmern sich die Betroffenen um unter Dreijährige, in Einzelfällen aber auch um ältere Kinder, etwa außerhalb der Öffnungszeiten von Kindergarten und Hort.

Im vergangenen Jahr haben sich die in der Kindertagespflege Tätigen in Mainfranken zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Unter anderem haben sie zur Verbesserung, vor allem ihrer finanziellen Situation, eine Petition gestartet sowie einen Brief an den Landkreis Würzburg geschrieben. Wir befragten die Sprecherin der Tagesmütter, Jennifer Hartmann (Gerbrunn), zur beschlossenen Satzungsänderung. Sie hatte unter anderem wegen zu geringer Vergütungssätze erfolglos gegen den Landkreis geklagt.

Frage: Der Stundensatz für die Betreuung steigt in der neuen Satzung für die Regelbetreuung von 3,98 Euro auf 4,16. Sind Sie damit zufrieden?

Jennifer Hartmann: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir Tagespflegepersonen von der Berufsvereinigung freuen uns, dass wir mit unseren Argumenten überzeugen konnten. Allerdings empfehlen Experten schon seit Jahren mindestens 5,50 Euro pro Stunde und Kind. Dieser Betrag mag zunächst recht hoch wirken, wenn man jedoch die mit der Selbstständigkeit verbundenen Nebenkosten und Risikoabsicherung berücksichtigt, ist dieser Betrag erforderlich, um nicht nur zu überleben, sondern auch leben zu können. Wir freuen uns, dass unsere Forderung, die Betreuung von Kindern über drei Jahren mit demselben Stundensatz zu bezahlen, umgesetzt wurde.

Sie wissen aber schon, dass der Landkreis Würzburg mit seinen Pauschalen über der Empfehlung des Bayerischen Landkreistages liegt?

Hartmann: Es haben sich bereits einige Betroffene an den bayerischen Landkreistag gewandt, um über die willkürlichen Empfehlungen zu diskutieren. Warum ein so gut situiertes Bundesland gerade an der Betreuung der Kleinsten sparen will, ist uns unbegreiflich.

Wir bieten eine sehr gute Betreuungsqualität, die der Betreuung in einer Krippe in nichts nachsteht. Das ist aber leider noch nicht überall angekommen.

Frage: Sie monieren immer wieder, dass Tagesmütter selbstständig seien, aber ihre Gebührensätze nicht selbst bestimmen können. Immerhin zahlt der Landkreis seinen Tagesmüttern auch weiterhin 30 sogenannte Ausfalltage für Krankheit, Urlaub, etc.. Eine Vergünstigung, die sonst kein Selbstständiger hat. Warum sind Sie trotzdem unzufrieden?

Hartmann: Jeder Selbstständige hat die Möglichkeit, seine Gebührensätze so zu wählen, dass er die Ausfallzeiten selber kompensieren kann. Die durch das Jugendamt festgelegten Sätze sind jedoch so gering, dass wir uns damit keinen einzigen Urlaubs- oder Krankheitstag leisten könnten. Daher sind wir über die 30 Ausfalltage sehr froh.

Alle bisherigen Satzungen und Stundensätze kranken Ihrer Meinung nach daran, dass sie es den Tagesmüttern unmöglich machen, Rücklagen zu bilden. Wo müsste der Landkreis nachbessern und können Sie Ihre Forderungen an einem konkreten Beispiel festmachen?

Hartmann: Nach den gewährten 30 Ausfalltagen bedeutet jeder Krankheitstag einen Einkommensausfall, während Nebenkosten wie Versicherung und Miete weiter laufen. Eine vorsorgliche Rücklagenbildung ist bei einem „Netto“ von 1130 Euro (betreut man vier Kinder ganztags) leider nicht möglich. Verstärkend kommt hinzu, dass wir aufgrund spezieller Regelungen keinen Zugang zum gesetzlichen Krankengeld haben. Eine Kollegin etwa ist krank und muss sich entscheiden, ob sie eine Reha macht, wofür sie die Kindertagespflege aufgeben müsste, oder unter Schmerzen weiter arbeitet, um nicht vor dem finanziellen Aus zu stehen. Sie arbeitet weiter – und das bei einem 50-Stunden-Job. Ab 2018 gelten alle Kindertagespflegepersonen als hauptberuflich selbstständig für die Krankenkassen. Dies bedeutet, dass der zu zahlende Beitrag enorm steigt. Dies können wir auch mit 4,16 Euro pro Stunde nicht bezahlen.

Öffentliche Diskussionen zu Ihrem Brief an die Kreisräte gab es keine. Auch die Gerichte können Ihre Sichtweise zur Vergütung nicht nachvollziehen. Wen wissen Sie bei Ihrem Kampf hinter sich?

Hartmann: Die Satzungsänderung zeigt ja, dass wir Kindertagespflegepersonen mit unseren Argumenten überzeugen konnten: Wir haben zu wenig für unsere Arbeit bekommen. Das Würzburger Gericht musste als erstes in Bayern über dieses Thema urteilen. Der Gesetzgeber räumt dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe einen Ermessensspielraum ein. Nur weil das Gericht nicht der Meinung war, dass die Regelungen gesetzwidrig sind, sagt das noch nichts darüber aus, ob sie angemessen sind. Ermutigend ist, dass anderswo schon mehrfach zugunsten von Kollegen geurteilt wurde. Über 1000 Menschen haben zudem unsere Petition unterschrieben. Gleichzeitig sind immer mehr Betroffene mit der Situation unzufrieden und schließen sich uns an.

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