WÜRZBURG

Landrat plädiert für anderen Umgang mit Flüchtlingen

Mahnwache für Stopp von Abschiebungen nach Afghanistan
Mit einer viertelstündigen Mahnwache haben am Samstag der Arbeitskreis Asyl, ehrenamtliche Helfer und afghanische Flüchtlinge gegen Abschiebungen nach Afghanistan protestiert. Ihre Anliegen trugen die gut 50 Teilnehmer auf Schildern mit sich und zeigten sie den Passanten. Die Bo... Foto: S. Sebelka

Ausgerechnet einer, von dem es keiner erwartet hätte, wird zum brutalen Attentäter. Im Regionalzug schlägt er wild mit der Axt um sich, verletzt Menschen schwer. Viel wird hinterher über den 17-jährigen Afghanen gesprochen. „Er war auf einem guten Weg“, heißt es oft kopfschüttelnd, von denen, die ihn näher kannten. In der Akte des Kreis-Jugendamtes wird er als „offen, freundlich, motiviert“ beschrieben. Ihm trauen die Sozialpädagogen zu, dass er sich gut integrieren kann. Im Jugendhilfeausschuss des Kreistages sprachen Landrat Eberhard Nuß und Hermann Gabel, zuständig für die pädagogischen Dienste, ein Jahr nach dem Axt-Attentat noch einmal über den Fall und die Veränderungen, die er mit sich brachte.

Nuß: „Der Besuch bei der Pflegefamilie ging unter die Haut“

„Das schreckliche Verbrechen, das der damals in Obhut des Landkreises stehende Junge vor einem Jahr begangen hat, kam für alle Beteiligten schockierend unerwartet. Denn er galt bei allen, die ihn kannten, als besonders hilfsbereit und freundlich, als gut integriert und lernwillig“, so Nuß.

Und fügte hinzu: „Auch seine Pflegeeltern, bei denen er erst wenige Wochen lebte, hätten ihm eine solch aggressive Tat niemals zugetraut.“

Nach dem Attentat hatte er Kontakt zur Familie. Eine Begegnung, die ihm „sehr unter die Haut ging“. Nuß stand im Zimmer des Pflegesohnes, wo er das Bekennervideo aufgenommen hatte. „Unfassbar, was alles hätte passieren können, wenn der offenbar radikalisierte Junge auch seinen Pflegeeltern und deren Kindern Gewalt angetan hätte“, sagte er nachdenklich. Sein Mitgefühl gelte der Familie aus Hongkong und der Würzburgerin, die in Heidingsfeld angegriffen wurde.

Das Kreisjugendamt hat auf das Axt-Attentat reagiert

Umso mehr sei er stolz auf die Haltung vieler Pflegeeltern, die damals nicht aus Angst oder Misstrauen ihre Aufgabe ans Jugendamt zurückgaben. Das Kreisjugendamt sei sofort nach dem Axt-Attentat aktiv geworden, um zunächst psychologischen und fachlichen Beistand zu gewähren, so Nuß. Da galt es an die Schule des Jungen nach Gaukönigshofen ein Krisen-, Interventions- und Bewältigungsteam zu schicken und andere Pflegefamilien psychologisch durch Notfallseelsorger zu betreuen. Vor allem bei Mitarbeitern in Einrichtungen, die minderjährige Flüchtlinge betreuen, in Pflegefamilien oder bei Jugendamtsmitarbeitern sei in den ersten Wochen nach dem Attentat die Unsicherheit deutlich spürbar gewesen, führte Hermann Gabel aus.

Das Jugendamt hat reagiert und erst einmal keine Jugendlichen mehr in Pflegefamilien vermittelt. Die bestehenden wurden intensiv begleitet und sensibilisiert, damit sie eventuelle salafistische Tendenzen bei ihren Pflegekindern erkennen können. Das Jugendamt hat auch die Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden und dem operativen Staatsschutz verstärkt und Mitarbeiter und Leitungskräfte auf Fortbildungen geschickt, um sie für radikale Tendenzen bei Jugendlichen zu sensibilisieren.

Pflegefamilien sind nicht leicht zu finden

Sechs jugendliche Flüchtlinge hat das Kreisjugendamt Würzburg in Pflegefamilien heute untergebracht. Vor dem 30. Juni 2016 waren es noch 15. Dass es weniger sind, führt die Behörde darauf zurück, dass einige Jugendliche mit 18 Jahren aus dem Hilfeplan gefallen sind. „Es konnte aber kein Zusammenhang zum Axt-Attentat hergestellt werden“, so Gabel. Dabei betonte er, dass grundsätzlich nicht für alle Schluss sei mit der Hilfe, wenn sie das 18. Lebensjahr vollenden. Dies würde jeweils einzelfallbezogen entschieden.

Generell habe das Kreis-Jugendamt Schwierigkeiten, Pflegeeltern zu finden. Das Jugendamt selbst hat nach dem Axt-Attentat seine Kriterien für die Aufnahme von geflüchteten Jugendlichen in Pflegefamilien nicht geändert. An den Standards werde festgehalten. „Es kamen lediglich wichtige Bausteine hinsichtlich der vermutlichen Wahrnehmung von Radikalisierungstendenzen und der dahingehenden Sensibilisierung von allen Beteiligten hinzu“, so Gabel.

Kommunen müssen die Abschiebepoltik ausbaden

Im Jugendhilfeausschuss machten Nuß und Gabel beim Thema junge Flüchtlinge und Radikalisierung deutlich, dass sie vor allem die derzeitige Praxis mit jugendlichen Asylbewerbern aus Afghanistan für problematisch halten. Die Asylanträge würden größtenteils abgelehnt, die jungen Menschen blieben trotzdem hier, allerdings ohne Chancen auf Arbeit. „Die damit verbundene Perspektivlosigkeit und mögliche Empfänglichkeit für eine Radikalisierung müssen die Kommunen ausbaden“, so Nuß. „Die jungen Leute sind nun mal da und die Kommunen sind für sie verantwortlich. Das werden wir so nicht hinnehmen.“ In jeder Beziehung hilfreich könnten zeitlich begrenzte, berufsbezogene Kurse sein, so Nuß. Der Landkreises und andere Kommunen wollen hier politisch tätig werden.

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