Region Ochsenfurt

Lebensraum statt falscher Ordnungssinn

Jäger werben um einen Ausgleich zwischen der Landwirtschaft und dem Schutz von Wildtieren und Insekten. Staatliche Förderprogramme helfen dabei.
Wilde Möhre, Wegwarte und Rotklee sind typische Bestandteile eines Blühstreifens, wie hier in der Flur bei Sächsenheim. Das Saatgut hat Revierpächter Gerhard Klingler den Landwirten zur Verfügung gestellt.
Wilde Möhre, Wegwarte und Rotklee sind typische Bestandteile eines Blühstreifens, wie hier in der Flur bei Sächsenheim. Das Saatgut hat Revierpächter Gerhard Klingler den Landwirten zur Verfügung gestellt. Foto: Gerhard Klingler

"Sagrotan-Landwirtschaft" nennt Matej Mezovsky den falsch verstandenen Ordnungssinn in der Flur: Randstreifen, die regelmäßig gemulcht und gemäht werden, damit ja kein Blümchen ins Kraut schießen kann. Sauberkeit bis in die hinterste Ackerfurche, von der auch die letzten Rebhühner und Feldhasen noch aus ihrem Lebensraum vertrieben werden. Von Schmetterlingen, Bienen und anderen Insekten ganz zu schweigen. Dabei wäre es gar nicht schwer, selbst in einer intensiv genutzten Landwirtschaft mehr für den Artenschutz zu tun.

Mezovsky ist Wildlebensraumberater für Oberfranken am Landwirtschaftsamt in Bad Staffelstein und steht in der Gelchsheimer Deutschherrenhalle vor rund 70 Jägern und Landwirten aus dem südlichen Landkreis. Die Jäger-Kreisgruppe Ochsenfurt hat eingeladen, um für verbesserte Wildlebensräume zu werben und praxisnahe Beispiele zu liefern. Nicht gegen die Landwirtschaft, wie Kreisvoristzender Gerhard Klingler betont, sondern gemeinsam mit den Bauern.

"Es muss nicht sein, dass im Herbst jeder Graben abrasiert wird und kein Altgras mehr da ist, in dem sich ein Rebhuhn verstecken kann."
Matej Mezovsky, Wildlebensraumberater

Als er den Termin im vergangenen Herbst vereinbarte, habe er von dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" noch nichts gewusst und nicht ahnen können, welche Tragweite das Thema Artenschutz bis dahin haben würde, sagt Klingler. Inzwischen habe jeder fünfte Wähler im Landkreis Würzburg für einen verbesserten Artenschutz unterschrieben. Und das seien mitnichten nur realitätsferne Romantiker gewesen, sondern in der Mehrzahl Menschen vom Land. "Das müssen wir zur Kenntnis nehmen", fordert Klingler,auch im Hinblick auf die Akzeptanz von Jägern und Bauern in der Gesellschaft.

Zur Kenntnis nehmen die Jäger schon lange, dass es immer weniger Hasen gibt. Dass Rehe in den Wäldern für Verbissschäden sorgen oder den Straßenverkehr gefährden, weil ihnen in der offenen Flur kaum mehr Futter und Deckung geboten wird. Dass Rebhühner und Feldlerchen immer seltener werden, weil ihnen Altgrasstreifen und niederbewachsene Feldsäume fehlen, die auch den Winter überdauern und in denen sie Schutz und Nahrung finden und ihre Kinderstube einrichten können.

Die beiden Wildlebensraumberater Matej Mezovsky (links) und Bastian Dürr (rechts) zusammen mit dem Vorsitzenden der Jäger-Kreisgruppe Ochsenfurt, Gerhard Klingler.
Die beiden Wildlebensraumberater Matej Mezovsky (links) und Bastian Dürr (rechts) zusammen mit dem Vorsitzenden der Jäger-Kreisgruppe Ochsenfurt, Gerhard Klingler. Foto: Gerhard Meißner

Als Beispiel liefert Matej Mezovsky Zahlen: Allein die Feldhasen, die im Landkreis Würzburg pro Jahr von Jägern zur Strecke gebracht werden sank von 7000 Mitte der 1980er Jahre auf  aktuell rund 1000. Damit sinke auch die Attraktivität der Jagdreviere und damit die Bereitschaft der Jäger, sich für den Schutz seltener Arten zu engagieren, warnt Gerhard Klingler.

Neben dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Einflüssen wie dem Fahrzeugverkehr sei der Artenschwund vor allem auf den Verlust geeigneter Lebensräume zurückzuführen, sagt Mezovsky. "Die Verbesserung des Lebensraums ist die größte Stellschraube, an der wir drehen können." Deshalb sei es höchste Zeit für eine ökologische Aufwertung der Jagdreviere, am besten im Einklang mit der Landwirtschaft.

Ansprechende Anreize bietet das Kulturlandschaftsprogramm (KULPAP), das die umweltorientierte  Bewirtschaftung von Flächen honoriert, aber dessen Umsetzung sich noch stärker an den Bedürfnissen des Artenschutzes orientieren sollte. Als Beispiel nennt Mezovsky den Zwischenfruchtanbau mit Wildsaaten, extensives Grünland an Waldrändern, das frühestens Anfang Juli gemäht wird, sowie ein- und mehrjährige Blühflächen, die auch im  Winter nicht gemäht werden. "Es muss nicht sein, dass im Herbst jeder Graben abrasiert wird und kein Altgras mehr da ist, in dem sich ein Rebhuhn verstecken kann", sagt er.

"Wenn unsere Gesellschaft solche Blühflächen haben will, muss ein Landwirt dafür angemessen belohnt werden."
Gerhard Klingler, Jäger-Kreisvorsitzender

Eine weitere Chance bietet das von vielen Landwirten kritisierte Greening, das vorschreibt, das jedes Jahr fünf Prozent der Ackerfläche aus der intensiven Bewirtschaftung genommen werden müssen. Beispielsweise werde dabei eine mit Honigpflanzen eingesäte Fläche mit dem Faktor 1,5 angerechnet. 

In der Verantwortung sieht der Berater auch Kommunen. Die verfügen in der Regel ungenutzte Flächen, etwa in Baugebieten, die zumindest zeitweise in Blühwiesen verwandelt werden könnten. Dem Jäger-Vorsitzenden Gerhard Klingler ist die übertriebene Pflege von Straßen- und Wegrändern ein Graus. Durch die verbreiteten Schlegelmäher, würden nicht nur Insekten geschreddert, sondern auch deren Eier und Larven. Mehr Unordnung zuzulassen und zeitversetzte Mäharbeiten wären ein wirksamer Beitrag zum Insektenschutz.

Phacelia oder Bienenweiden verbessert als Zwischenfrucht den Boden und ist ein ergiebiger Nektarspender. Davon werden auch Schmetterlinge wie dieser Schachbrettfalter auf einem Feld bei Sächsenheim angezogen.
Phacelia oder Bienenweiden verbessert als Zwischenfrucht den Boden und ist ein ergiebiger Nektarspender. Davon werden auch Schmetterlinge wie dieser Schachbrettfalter auf einem Feld bei Sächsenheim angezogen. Foto: Gerhard Klingler

Wie sich verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensraums vernetzen lassen, machte Matej Mezovsky an einem Beispiel aus der Region Bad Staffelstein deutlich. Dort wurden ungünstig geschnittene Teilflächen  von Ackerschlägen in Blühflächen verwandelt und mit Acker- und Uferrandstreifen verbunden, die als Wanderungskorridore für Tiere dienen und die ökologischen Trittsteine zu einem großflächigen Netz verbinden. Die Bewirtschaftung der übrigen Ackerflächen wird dadurch erleichtert, betont Mezovsky. 

Praktikable Lösungen für eine Verbesserung von Wildlebenräumen zu finden, ist das Ziel von Bastian Dürr, der seit wenigen Wochen als Wildlebensraumberater für Unterfranken am Landwirtschaftsamt in Karlstadt tätig ist. Seine Aufgabe sieht er darin, Landwirte über wildtierfreundliche Maßnahmen und die entsprechenden Förderinstrumente zu informieren. Dass der Artenschutz nicht allein der Landwirtschaft aufgebürdet werden darf, macht der Vorsitzende der Jäger-Kreisgruppe deutlich: "Wenn unsere Gesellschaft solche Blühflächen haben will, muss ein Landwirt dafür angemessen belohnt werden."

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