WÜRZBURG

„Lehramt würde ich nicht mehr machen”

Lehrerstellen: Eine junge mainfränkische Gymnasiallehrerin hat eine Examensnote von 1,8 und bekommt damit keine feste Stelle. Nicht am Gymnasium jedenfalls. Befristete Verträge an anderen Schularten werden ihr angeboten. Ist das eine Perspektive?
imago 64249543       -  Warten, bis die Beamtenstelle am Gymnasium kommt? Auf Grundschullehrerin umlernen? Etwas ganz anderes machen – Physiotherapie vielleicht? Für eine Junglehrerin aus Mainfranken besteht die Zukunft aus Fragezeichen – so wie auf diesem Symbolbild.
Warten, bis die Beamtenstelle am Gymnasium kommt? Auf Grundschullehrerin umlernen? Etwas ganz anderes machen – Physiotherapie vielleicht? Für eine Junglehrerin aus Mainfranken besteht die Zukunft aus Fragezeichen – so wie auf diesem Symbolbild. Foto: Imago

Dass sie, wenn sie groß wäre, Lehrerin werden würde, wusste Cornelia Schondra (Name geändert) schon als Kind. Cornelia gab während ihrer Schulzeit Nachhilfe und merkte früh, dass ihr das Unterrichten lag. Als sie 2007 in Würzburg begann, Deutsch und Französisch fürs Lehramt an Gymnasien zu studieren, fühlte sie sich durch die damalige Lehrerbedarfsprognose des bayerischen Kultusministeriums gestützt. Die Aussichten auf eine feste Beamtenstelle für Studierende moderner Fremdsprachen seien damals durchaus gut gewesen, berichtet sie.

Seit drei Jahren aber hadert Cornelia Schondra mit dem gewählten Studium. „Hätte ich als Abiturientin gewusst, was ich jetzt weiß, würde ich nicht mehr auf Lehramt studieren!“, sagt sie. Dabei findet Schondra den Lehrerberuf immer noch großartig. Bloß: Seit sie das Referendariat beendet hat, hat Schondra ihren Traumjob mangels passender Stellen nur eingeschränkt ausüben können. „Ich hätte es besser getroffen, wenn ich irgendetwas anderes studiert hätte“, glaubt sie. „Physiotherapie vielleicht. Oder BWL. Da hätte ich jetzt bestimmt eine feste Anstellung!“

Schondra hat schon das dritte Jahr keine feste Stelle. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das bald ändert, ist klein. Wenn Schondra ihre früheren Klassenkameradinnen trifft oder andere Mütter – Schondra hat einen kleinen Sohn – , dann erzählen die von den beruflichen Herausforderungen, die man so hat als Anwältin, Optikerin, Ärztin oder Marketing-Fachfrau. Schondra steht dabei, hört zu, fürchtet diese eine Frage: „Und? Was machst du so beruflich?“ „Ich bin arbeitslose Gymnasiallehrerin“, sagt Schondra dann. Spürt dabei, wie das Selbstwertgefühl flöten geht. Schämt sich, obwohl sie weiß, dass sie sich nicht zu schämen bräuchte, denn sie hat nichts falsch gemacht. Wirklich nicht: Schondra hat nach Studium und Referendariat eine Durchschnittsnote von 1,8 erreicht.

Kurz vor den letzten bayerischen Landtagswahlen im Herbst 2013 hat der Bayerische Staat deutlich mehr Gymnasiallehrer eingestellt als in den Jahren davor. Unter denen, die in den Genuss einer festen Beamtenstelle kamen, seien auch Junglehrer mit Dreierschnitten gewesen, weiß Schondra. Sie selbst hat im Februar 2014 ihr Referendariat beendet. Im Februar 2014 war die Einstellungsquote bei Gymnasiallehrern mit Sprachen gering.

Schondra bekam 2014 trotz ihres 1,8-Schnittes keine Stelle, sondern nur einen Wartelistenplatz. Im Jahr drauf war's genauso und im folgenden Jahr auch. Sie finde es schon unfair, dass, politisch motiviert, im Wahljahr recht schlechte Junglehrer eine Beamtenstelle bekommen hätten und im Jahr drauf sogar an den Besten gespart worden sei, sagt Schondra.

Schondra ist keine Frau, die sich der Realität verweigert. Sie hat in den letzten Jahren Aushilfsstellen angenommen. Sie ging zum Beispiel direkt nach dem Referendariat an eine Würzburger Berufsschule, für ein halbes Jahr – und mit einem befristeten Vertrag, der zum Beginn der Sommerferien endete. In diesem Sommer lernte Cornelia Schondra, dass sie während der Sommermonate keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte. Sie hatte erst ein halbes Jahr unterrichtet und das zweijährige Referendariat an einer bayerischen Schule, wo angehende Lehrer bis zu 17 Stunden pro Woche unterrichten müssen, gilt der Arbeitsagentur nicht als Arbeit. Hartz IV bekam sie auch nicht; ihr Mann verdiente zuviel. Klar hat Schondra in diesem Sommer ohne Geld nicht gehungert; es war ja Geld auf dem Konto. „Aber es ist demütigend für eine erwachsene Frau mit einer langen Ausbildung und einem guten Abschluss, vom Geld des Ehemanns leben zu müssen.“

Mittlerweile hat Schondra mehrfach an der Berufsschule Deutsch unterrichtet, immer mit befristeten Verträgen. Beim letzten Vertrag waren die Sommerferien bezahlt. Schondra erzählt, dass der Leiter der Berufsschule sehr sympathisch gewesen sei und sie Schüler und Kollegen der Schule geschätzt habe. In der Zeit der Flüchtlingskrise, in denen auch hier in Unterfranken Berufsschulen, aber auch Grund- und Mittelschulen dringend nach Lehrern suchen, hätte Schondra an diesen Schularten mittelfristig gute Chancen.

Nach wie vor könnte sich die junge Gymnasiallehrerin über das kultusministerielle Angebot „Jetzt Lehrer werden“ fürs Grund- oder Mittelschullehramt nachqualifizieren und sich so dann schon fast eine Garantie für eine feste Beamtenstelle erarbeiten. Allerdings würde dieser Weg noch mal zwei Jahre Ausbildung bedeuten. Sie sei doch jetzt schon 30, sagt Schondra. Man müsse doch irgendwann ankommen!

Zwei Jahre noch kann sich Schondra auf die Warteliste fürs Gymnasium setzen lassen; ihre Chancen steigen mit jedem „abgewarteten“ Jahr leicht an. Nach fünf Jahren fallen die Bewerber aus der Warteliste raus.

Soll Schondra aufs neue neunjährige Gymnasium hoffen, das 2017 kommen wird und vielleicht neue Leute braucht? „Eher nicht“, erklärt der Sprecher des Bayerischen Philologenverbands, Wolfram Janke. Er verweist darauf, dass mit dem neuen G9 kurzfristig kein neuer Lehrerbedarf einhergehe – im Gegenteil. „Da fällt ja dann der Nachmittagsunterricht weg; da braucht man eher weniger Lehrer“, so Janke. Der ihm unbekannten Mainfränkin rät Janke das, was er allen jungen arbeitssuchenden Gymnasiallehrern rät: „Über die Grenzen gucken, in andere Bundesländer. Nach Österreich! In die Schweiz!“ Und wenn man der Familie wegen ortsgebunden ist? Dann, sagt Janke, würde er jungen Bewerbern raten, sehr flexibel zu sein, andere Schularten zu erwägen, Aushilfsverträge erst mal zu akzeptieren. Wer unbedingt ans Gymnasium wolle, dem würde er raten, Zusatzqualifikationen zu erwerben.

Auch das Kultusministerium macht in seiner Lehrerbedarfsprognose von 2016 Bewerbern wie Schondra wenig Hoffnung drauf, dass sich die derzeit sehr niedrige Einstellungsquote bei Gymnasiallehrern in absehbarer Zukunft ändert. Gerade die Fächerverbindung Deutsch mit moderner Fremdsprache sei wenig aussichtsreich, heißt es. Immer noch studierten mit Blick auf den Bedarf viel zu viele junge Leute Lehramt an Gymnasien, heißt es im Text des Kultusministeriums.

Schondra findet, dass es viel klüger wäre, gäbe es in Bayern einen Aufnahmetest für Lehramtsstudenten am Gymnasium. Oder einen Numerus Clausus, so wie er bei Sonderpädagogen und Grund- und Mittelschullehrern üblich ist. Dann nämlich hätten diejenigen jungen Leute, die direkt nach dem Abitur das schmale Aufnahmeportal passierten, reelle Chancen darauf, ihre studierten Fächer auch wirklich lehren zu können.

Durchaus möglich, dass Cornelia Schondra damit recht hat. Bei der Stellensuche hilft ihr das nicht und all den anderen stellensuchenden bayerischen jungen Gymnasiallehrern auch nicht. Laut dem Philologenverband stehen aktuell mehr als 3000 junge Gymnasiallehrer in Bayern auf der Warteliste.

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