Leichen bergen unter den Trümmern

Würzburg Eine Stadt wird fast völlig zerstört; noch Wochen später müssen Hunderte von Leichen geborgen werden. Die Überlebenden, die sich ins Umland gerettet haben, drängen zurück in das Trümmerfeld, Epidemien drohen: New Orleans 2005. Und Würzburg 1945.
Wie sich die Bilder gleichen: Die Katastrophen, die der Hurrikan Katrina in New Orleans und die Bombennacht des 16. März 1945 in Würzburg anrichteten, löschten für einige Wochen jene Zivilisation aus, auf die sich Amerikaner und Deutsche so viel eingebildet hatten. Und die Überlebenden mussten Maßnahmen ergreifen, die ihnen kurz zuvor noch absurd erschienen wären.

Zum Beispiel machten sich Leichensammel-Kommandos an die grausige Arbeit.

Anfang April 1945 war die US-Army nach tagelangen erbitterten Kämpfen in Würzburg einmarschiert. Einige Wochen später erließ die Militärregierung den Befehl, systematisch nach jenen Toten zu suchen, die noch nicht bestattet waren. Die Besatzer wollten unter allen Umständen die Entstehung von Seuchen verhindern. Erste Konsequenz: Am 24. Mai 1945 forderte der vom amerikanischen Stadtkommandanten eingesetzte Bürgermeister Gustav Pinkenburg die Bürger auf, alle Straßenstellen und Gebäude zu melden, unter deren Schutt sich wahrscheinlich noch Tote befanden.

"Die Keller sind im Juni immer noch so heiß, dass wir sie nach 20 Minuten wieder verlassen müssen"

Textilkaufmann Kurt Schlier, damals 21 Jahre alt

Ende Mai wurde ein so genanntes Totenbergungs- und Arbeitskommando gebildet. Es bestand aus ehemals besonders aktiven Nationalsozialisten, die man kurzerhand zum Einsatz zwangsverpflichtet hatte. Sie mussten sich dem früheren Nazi-Verfolgten und politischen Gefangenen Konrad Försch unterordnen, der die Leitung hatte.

"Zunächst wurden in Heidingsfeld ungefähr 60 Großviehkadaver ausgegraben und an Ort und Stelle verbrannt", schreibt Hans Oppelt in seiner Würzburger Chronik des Wiederaufbaus. Anschließend beseitigte das Kommando "die großen und gefährlichen Pestherde" und barg insgesamt rund 500 Leichen aus den Trümmern. Oppelt: "Auch alle Soldaten, die in Würzburger Anlagen und in der Umgebung der Stadt beerdigt waren, wurden ausgegraben und im Friedhof bestattet."

"Die Bergung der Toten und deren Bestattung war für alle Beteiligten eine furchtbare Aufgabe", heißt es in einer Publikation des Würzburger Stadtarchivs: "Mit Kerzenstumpen wurden die vom Brand noch heißen Keller abgeleuchtet und nach Toten durchsucht. Die Einsturzgefahr der vielen Ruinen, die gefahrvollen Grabarbeiten in verschütteten und noch teilweise glimmenden Kellern, die noch häufig gefundenen Blindgängergeschosse machten diese Arbeiten schwierig und gefährlich."

Die Bergungstrupps legten die Leichen frei und brachten sie auf die Straße. Polizeibeamte identifizierten sie, soweit dies überhaupt noch möglich war. Erst danach folgte die Freigabe zur Beerdigung.

Auch drei Monate nach der Zerstörung Würzburgs waren viele Keller noch so heiß, dass man sie kaum betreten konnte. Das bestätigt in seinen Memoiren Kurt Schlier, Seniorchef des gleichnamigen Würzburger Textilhauses. Mit Verwandten durchsuchte er die Gewölbe unter dem vernichteten Geschäftshaus in der Domstraße. "Die Keller, die am 16. März ausgebrannt sind, sind etwa am 20. Juni immer noch so heiß, dass wir sie nach 20 Minuten wieder verlassen müssen", schrieb er später und ergänzte: "Unglaublich!"

Waren die verstümmelten und verkohlten Leichen beigesetzt, endete das Grauen noch nicht. Am 20. Juni 1945 schrieb Bürgermeister Pinkenburg in einem in der Stadt verteilten Wurfzettel, der einzigen damals möglichen Form der öffentlichen Bekanntmachung: "Die vorgefundenen Gegenstände der geborgenen Leichen können von den Angehörigen in der Fundstelle Rennweg Nr. 1 abgeholt werden."

Wie in New Orleans nach dem Hurrikan wurde auch in Würzburg nach dem 16. März die Frage erörtert, ob es nicht sinnvoller sei, eine ganz neue Stadt zu errichten. Entscheidend für den Entschluss zum Wiederaufbau Würzburgs war letztlich die Tatsache, dass die "unterirdische Stadt", also die weit verzweigten Versorgungsleitungen für Wasser, Gas und Strom, die Anschlüsse an den Fernsprechdienst und die Schienenstränge der Straßenbahn zwar stark beschädigt, im wesentlichen aber noch brauchbar waren. Auch New Orleans wird wohl wieder an alter Stelle erstehen.

Am 31. Juli 1945 lebten bereits 45 700 Menschen wieder in Würzburg, obwohl der Zuzug eigentlich verboten war und Bürger, die keine Arbeitsstelle nachweisen konnten, keine Lebensmittelmarken erhielten. Sie waren dem Verhungern nahe, schreibt der Historiker Werner Dettelbacher. Denn: "Nur einige konnten sich von Verwandten auf dem Land, die streng überwacht wurden, oder auf dem Schwarzmarkt zusätzliche Nahrung verschaffen. Beide Möglichkeiten waren nur zu nutzen, wenn Gegengaben, Kompensationen, geboten werden konnten. Für einen gebrauchten Pelzmantel erhielt man acht Pfund Butter, für einen Teppich ein halbes und für eine Nähmaschine ein ganzes Schwein."

Der Schwarzhandel nahm schließlich so überhand, dass die Besatzungsmacht scharfe Gesetze erließ, um dagegen einzuschreiten. So wurde durch ein Gesetz am 26. September 1945 verboten, "dass sich mehr als vier Personen an einem Orte versammeln, an dem Waren zum Tausch oder Verkauf angeboten werden."

In der zerstörten Stadt fehlte es an fast allem, es gab weder Gas noch Strom, keine Straßenbahn und kaum Geschäfte. Wasser war ein rares Gut, Baumaterial kaum aufzutreiben. Für Zement-Diebstahl wurden im August Gefängnisstrafen von mehreren Monaten verhängt. Da allerdings auch das Gefängnis in der Ottostraße am 16. März weitgehend zerstört worden war, brauchten kaum jemand seine Strafe anzutreten.

Die oft unterernährten Kinder mussten jene Süßigkeiten entbehren, die die Kriegswirtschaft gelegentlich noch bereitgestellt hatte, wie etwa Kunsthonig. Da verbreitete sich im Sommer 1945 die Nachricht, im weitgehend erhaltenen Alten Bahnhof - heute steht hier das Mainfranken Theater - seien am 16. März Zuckersäcke samt Inhalt geschmolzen. Und wirklich: "Der gesamte Fußboden war mit einer rotbraunen, spiegelblanken Masse bedeckt", erinnert sich der damals fünfjährige Friedrich Frech. Die Menschen lösten mit Pickeln einzelne Stücke und lutschten daran.

Doch dann, so Frech, äußerte jemand die Vermutung, "dass vielleicht auch Leichen in den Zucker eingeschmolzen seien". Auf der Stelle war es mit dem Appetit vorbei.

Nur langsam ging es aufwärts. Im Juni fuhr die ersten Straßenbahn auf der Strecke von Heidingsfeld zur zerstörten Löwenbrücke. Am 12. Juli wurde der Briefdienst wieder eingeführt, ab August gab es Strom. Am 19. August, einem Sonntag, fand auf dem Sportplatz an der Frankfurter Straße mit Genehmigung der Militärregierung vor über 4000 Zuschauern das ersten Nachkriegs-Fußballspiel statt.

Am 20. September 1945 trat zum ersten Mal der so genannte Stadtbeirat zusammen, eine Vorform des erstmals 1946 wieder gewählten Stadtrats. Die Tätigkeit dieses Beirats beschränkte sich zwar auf die Beratung des weiterhin allein verantwortlichen OB, doch war der erste Schritt zur kommunalen Selbstverwaltung gemacht.

Im November öffnete das erste Kino auf und die erste MAIN-POST erschien. Langsam kehrte der Glaube zurück, dass Würzburg wirklich eine Zukunft haben würde.

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