Waldbrunn

Letzter Milchbauer in Waldbrunn gibt seine Kühe auf

Die Familie Bonfig wollte ihren Hof nicht über Jahrzehnte verschulden. Deswegen hat sie eine folgenreiche Entscheidung getroffen. Ein Weg in eine unsichere Zukunft.
Keine leichte Entscheidung: Christine Lutz-Bonfig und ihr Mann Adolf Bonfig haben lange überlegt, ob sie die Milchkühe aufgeben. Foto: Wilma Wolf

Es war ein schwarzer Freitag, der Tag an dem die letzten Milchkühe den Stall der Familie Lutz-Bonfig in Waldbrunn verließen. Und ein sehr trauriger dazu.

Denn seit Generationen gibt es Milchküheauf den Höfen der Familie in Waldbrunn und Waldbüttelbrunn, erzählt Christine Lutz-Bonfig. Jetzt wird es ruhig, meint sie: "Seit März melken wir nicht mehr." Als einer der letzten fünf Milchviehhalter im westlichen Landkreis Würzburg beenden sie die Milchkuhhaltung. Jetzt gibt es nur noch jeweils einen Betrieb in Hettstadt, Remlingen, Altertheim und Limbachshof.

Markenzeichen: Kuh Hella hatte gebogene Hörner. Foto: Wilma Wolf

"Wir müssen nicht, wir wollen nicht, wir tun es trotzdem", sagt sie und Trauer ist ihr anzumerken. Lange hätten sie für diesen Entschluss gebraucht. Nun ist er endgültig: Am 28. Februar hat das Milchauto zum letzten Mal die gekühlte Milch aus dem Edelstahltank abgepumpt. Und am Morgen darauf haben die letzten 21 von ehemals 33 Kühen den Hof auf einem Transporter verlassen. Endstation Schlachthof Bayreuth. Best beef für einen Burger-Laden.

Dabei hatten die Fleckvieh-Damen alle Namen: Gouda, Ghandi, Hella, Sprudel, um nur einige zu nennen. Und alle waren sie den Familienmitgliedern ans Herz gewachsen. Das spürt man. Und es ging ihnen gut. In ihrem Laufstall mit viel frischer Luft. Ganz bewusst habe man vor 25 Jahren die sehr arbeitsintensive Haltung auf Stroh gewählt. Freiwillig und aus Überzeugung. "Unsere Tiere sollten sich wohlfühlen und der Mist unseren Feldern gut tun", erklärt Lutz-Bonfig.

Stall und Melktechnik sind in die Jahre gekommen

Doch viel ist passiert in all den Jahren. "Seither haben wir Milchseen durchschwommen, Butterberge erklommen, die Milchquoteneinführung und -aufhebung überlebt. Wir haben Maul- und Klauenseuche, BSE-Krise und Blauzungenkrankheit durchgestanden. Wir haben auch für 20 Cent pro Liter Milch gemolken. Unsere Tiere konnten sich auf uns verlassen und wir uns auf sie, an 365 Tagen im Jahr, morgens und abends", berichtet die Bäuerin.

Wollten den Betrieb nicht über Jahrzehnte verschulden

Doch jetzt seien Stall und Melktechnik in die Jahre gekommen. Und, so ergänzt sie ein wenig schmunzelnd: "Auch wir haben leichte Gebrauchsspuren." Um den Stall zu modernisieren und neu auszurichten, hätte die Familie viel Geld in die Hand nehmen müssen. Der Betrieb wäre über Jahrzehnte verschuldet. Und das bei ständig schwankenden Milchpreisen und immer höheren Anforderungen und Auflagen. "Das wollen wir nicht. Wir möchten, in einigen Jahren, den Hof überlebensfähig und schuldenfrei an die nächste Generation übergeben", sagt ihr Mann Adolf Bonfig.

Betrieb steht vor einem Generationswechsel

Und die steht vielleicht schon in den Startlöchern. Zumindest hat Tochter Annika mit ihrer Ausbildung zur Landwirtin schon mal den Grundstein für die Hofübernahme gelegt. Ob sie das auch wirklich tun wird, weiß sie noch nicht. Derzeit arbeitet sie auf einem Milchviehbetrieb in Westerngrund bei Aschaffenburg. Bald wird sie ihre Meisterprüfung machen. Und dann? "Schau mer halt mal", sagt die junge Frau.

Nachwuchs: Annika Bonfig mit Kälbchen "Prima". Foto: Wilma Wolf

"Es wäre schön, wenn Annika hier weitermachen würde, aber bei der derzeitigen Stimmung gegen die Landwirte möchte ich ihr das gar nicht zumuten", sagt die Mutter. Dazu komme eine große Herausforderung. Nämlich die Aufgabe, eine ständig wachsende Anzahl von Menschen mit ausreichenden und gesunden "Mitteln zum Leben" zu versorgen und dabei die Umwelt lebenswert zu erhalten. Eine Mammutaufgabe, die nicht allein von den Bauern gestemmt werden könne, meinen die Bonfigs.

"Wir denken, die Trennung in konventionelle und biologische Landwirtschaft wird künftig nicht funktionieren"
Christine Lutz-Bonfig, Bäuerin

"Wir denken, die Trennung in konventionelle und biologische Landwirtschaft wird künftig nicht funktionieren", sagt die Bäuerin. Deshalb brauche man im konventionellen Anbau mehr mechanische Unkrautregulierung. Bezahlbare Technik, auch für kleine Betriebe, um Düngung und Pflanzenschutz präziser und effizienter ausführen zu können.

"Tier sind für uns eine Herzenssache"

Nicht nur deshalb kommt es für die Familie nicht in Frage, ganz mit der Tierhaltung auf zu hören. Dieser Schritt wäre zu groß. "Tiere sind für uns eine Herzenssache", sagt sie. Und so stehen auf dem "Hof an der Mehle" in Waldbrunn noch 32 weibliche Jungtiere im Stall. Sie werden ein vorzügliches Färsenfleisch ergeben, erklärt Christine Lutz-Bonfig.

"Wir werden mit Zuchttieren weitermachen"

Und es kommen weitere dazu. Der Anfang für den Schritt zurück ist gemacht. Mit dem drei Monate alten Gelbvieh-Kalb"Prima". "Wir werden mit Zuchttieren der vom Aussterben bedrohten Gelbviehrasse, die schon unsere Urgroßeltern hielten, weitermachen", erklärt die Bäuerin. Jetzt zäunen sie eine Weide ein und halten Mutterkühe. Nach dem Motto "schützen durch nützen" wollen sie hochwertiges Fleisch erzeugen.

Ob sie dabei Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten, oder "ob das Kreuz beim Volksbegehren Artenvielfalt nur das eigene Gewissen beruhigt hat, wird sich zeigen", meint sie. Es werde in Zukunft - neben der täglichen Arbeit auf den Feldern, im Stall und im Büro - noch eine zusätzliche Aufgabe der Bauern sein, den Menschen wieder die Bedeutung guter Lebensmittel nahe zu bringen.

Schwerer Abschied: Landwirt Adolf Bonfig mit einigen seiner Fleckvieh-Kühe. Foto: Wilma Wolf

Lutz Bonfig: Bauern brauchen Wertschätzung statt "Geiz-ist-geil-Verhalten"

Denn viele hätten den Bezug zur Landwirtschaft verloren. "Wir müssen unsere Mitmenschen wieder im wahrsten Sinne des Wortes "erden". Doch sie müssen es wollen", sagt Lutz-Bonfig. Nur wenn die Bauern wieder Wertschätzung für ihre Arbeit und für ihre Erzeugnisse vom Verbraucher erhielten, werde man von "supergeilen" Preisen und vom "Geiz-ist-geil-Verhalten" loskommen.

Eines aber steht für Familie Lutz-Bonfig jetzt schon fest: "Ein Bauer ist wie ein Löwenzahn. Er lebt auch unter den schwierigsten Bedingungen. Wenn ihm nicht jeden Tag von irgendeinem neuen "Mähroboter" die Blätter gestutzt werden, wird er Blüten bilden und damit auch die Bienen - und vielleicht noch ein bisschen mehr- retten."

Traurig: Die letzten Milchkühe haben den Hof von Familie Lutz-Bonfig verlassen. Foto: Wilma Wolf
Auf Stroh gebettet waren die Kühe im Stall der Familie Lutz-Bonfig. Foto: Wilma Wolf
Herzensangelegenheit: Christine Lutz-Bonfig mit ihren Tieren. Foto: Wilma Wolf

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