WÜRZBURG

Leute, die Würzburg humaner machen

Georg-Sittig-Medaillen-Träger: der Caritasladen. (Von links) Christiane Weinkötz, Fachliche Leitung Sozialarbeit, Stefan Weber, Geschäftsführer, Stadtrat Hans-Werner Löw, die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Eleonore Baron, Helga Ländner (sie ist auch Schirmherrin des Ladens), Sigrid Stecher, Ulrike Barth, Schwester Theotraut Hack, Irmgard Söldner, der ehrenamtliche Mitarbeiter Jürgen Haak und hauptamtliche Koordinatorin des Caritasladens, Rita Markvart. Foto: Caritas

Die Würzburger SPD hat zum zehnten Mal die Georg-Sittig-Medaille vergeben. Empfänger sind „Personen und Initiativen, die sich besonders um das Wohl der Stadt und der Stadtgemeinschaft verdient gemacht haben“. Ausgezeichnet wurden im Wappensaal des Rathauses der evangelische Pfarrer Werner Schindelin, das Bündnis für Zivilcourage, das ehrenamtliche Team des Caritas-Ladens und die Mönchbergschule.

Alexander Kolbow, der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, hielt die Laudatio auf das Bündnis für Zivilcourage. 2006 gegründet als Reaktion auf den rassistischen Übergriff auf eine junge Türkin, hat sich das Bündnis entwickelt zu einem Zusammenschluss von 66 Vereinen, Initiativen und Verbänden. Kolbow sprach von einem breiten gesellschaftlichem Spektrum, von der Blindeninstitutsstiftung über die Israelitische Kultusgemeinde zum Stadtjugendring und der Einen-Welt-Gruppe des Ökumenischen Zentrums in Lengfeld. Parteien können nicht Mitglied werden. Kolbow zufolge will das Bündnis zeigen, „dass auch in Würzburg Erfahrungen mit Ausgrenzungen und Schattendenken vorhanden sind“. Die Öffnung des Trausaals für gleichgeschlechtlich Liebende zählte er ebenso zu den Erfolgen des Bündnisses wie die Etablierung des Ombudsrats der Stadt Würzburg. Dank des Bündnisses könne kein Politiker könne sagen, so Kolbow, „er habe nicht gewusst, dass es in Würzburg immer noch Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung gibt“.

Muchtar Al Ghusain, OB-Kandidat von SPD und Grünen, pries den Schindelin, dessen Schüler er als Gerbrunner Erstklässler war. Er beschrieb Schindelin als einen Menschen, der behinderte und benachteiligte Menschen als gleichberechtigt erkannte, lange bevor das ins öffentliche Bewusstsein gedrungen war. 1969 gründete der Pfarrer den Verein für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung, aus dem das Konradsheim erwachsen ist. Schindelin habe behinderte Menschen aus der Isolation geholt. Er erscheine „leidenschaftlich und authentisch“. Er sei ein Mensch, „der mitdenkt und mitfühlt, der Bürger ist und sich einmischt“ und sich zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen einsetzt. Schindelin sei ein für die Gesellschaft „wichtiger, inspirierender Mensch“. Er mache Würzburg „humaner und lebenswerter“.

Hans Werner Loew rühmte den Caritasladen in der Koellikerstraße, der jährlich über 40 000 Kleidungsstücke an Bedürftige ausgebe. Die „Armutsmilderung durch Ausgabe von Kleidung“ nannte er eine verdienstvolle Aufgabe. Der Laden zeige „nicht im Geringsten den Charakter Arme-Leute-Treffpunkts“. Die Kunden – manche seien „nicht ganz einfach“ – würden freundlich und geduldig in einem guten, bistroartigen Ambiente beraten. Der Laden sammle 15 000 Euro Spenden im Jahr und trage seine „gute soziale Arbeit in die Öffentlichkeit hinaus“. Kinder und Jugendliche erlebten hier als Ehrenamtliche oder als Praktikanten „soziale Realitäten“. Der Caritasladen stehe stellevertretend für alle Menschen und Organisationen, die anderen helfen und Gutes tun.

Homaira Mansury hielt die Laudation auf die Mönchbergschule als „zuständige Bildungseinrichtung für alle, die neu Würzburg kommen und Deutsch lernen“. Mansury: „Interkulturelles Lernen, viele unterschiedliche Nationalitäten, Kulturen, Sprache und Köpfe unter einem Dach, das ist der Alltag in dieser bunten Schule“. Hier würden Kinder aus dem Frauenland mit Kindern leben und lernen, die Krieg, Flucht und Vertreibung erlebten. Die Schule versprühe keine Sozialromantik. Die Fluktuation durch die hohe Zahl abgelehnter Asylanträge und der Platzmangel seien Probleme, die die Arbeit, gepaart mit den Traumata der jungen Menschen und ihrer Unterschiedlichkeit, zu einer besonderen Herausforderung machten. Die Mönchbergschule sei nicht wegzudenken aus Würzburg.

Bürgermeister Georg Sittig

Georg Sittig, 1896 geboren in Rottendorf, gelernter Maschinenschlosser bei Koenig & Bauer, ist 1920 in die SPD eingetreten. 1929 wählten ihn die Würzburger in den Stadtrat. 1933 beendeten die Nationalsozialisten sein Mandat. 1945 wurde er berufsmäßiger Referent für Bevölkerung und Personal, 1946 bekam er als 2. Bürgermeister gewählt das Ressort Wirtschaft dazu, er war zuständig für Wiederaufbau und Wohnungswesen. Im Nachkriegs-Würzburg, in dem binnen kurzer Zeit sechs Oberbürgermeister kamen und gingen, war er die verlässliche Konstante. Von 1950 bis 1958 war er Landtagsabgeordneter, 1964 starb er. Hannsheinz Bauer, Sozialdemokrat und einer der Väter des Grundgesetzes, beschrieb Sittig als „Motor wie Eckpfeiler im städtischen Wiederaufbau“. Sittigs Name sei „Sinnbild für den Start in eine friedliche Aufwärtsentwicklung und für die Entfaltung der Wiederaufbau-Energien in der Stadt“. FOTO: Röder

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