WÜRZBURG

Lieber das Leben riskieren, als das Leben verlieren

Die Syrerin Ameena Abdulrahman, der Reporter Philipp Hedemann und Andreas Jungbauer, Chef der Würzburger Lokalredaktion der Main-Post, stellten in der Stadtbücherei das Buch „Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert“ vor. Foto: Thomas Obermeier

Das Mädchen Zainab, vier Jahre alt, ist auf der nächtlichen Fahrt über die Ägäis ertrunken, in den Armen ihres Vaters Ali N. Als die griechische Küstenwache die havarierten Flüchtlinge auffischt, rutscht ihm sein sechs Jahre alter Sohn Hussain aus den Händen und verschwindet im Meer. Mit zwei Söhnen und zwei Töchtern war Ali N. aus Bagdad geflohen. Hasan und Hawraa überleben. Die Küstenwache bringt sie, ihren verzweifelten Vater und die tote Zainab auf die Insel Kos in ein Flüchtlingslager.

Das war zu viel: Der Reporter weint

In diesen Tagen im November 2015 recherchiert der Journalist Philipp Hedemann auf Kos das Schicksal von Geflüchteten. Er sagt von sich, er könne sich gut schützen. Als er den verzweifelten Ali N. trifft, funktioniert der Selbstschutz nicht mehr. Hedemann weint mit ihm.

Er schreibt die Geschichte auf. Sie ist eine von 21 Flucht-Reportagen im Sammelband „Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert“. Die Autoren sind allesamt Auslandskorrespondenten vom Netzwerk "Weltreporter".

Hedemann, Jahrgang 1979, schreibt für Blätter wie „Die Zeit“, „Welt“, „Neue Züricher Zeitung“ und auch für die Main-Post. In der Stadtbücherei stellte er das Buch und seine Arbeit vor.

Viele kleine Gräber auf dem muslimischen Friedhof von Kos

Er sah, wie Ali N. mit einem britischen Yachtbesitzer die Ägais nach Hussain absuchte, und er sah die Plakate, auf denen der Vater um Nachricht über sein Kind bat. Hedemann erlebte, wie Ali N. versuchte zu funktionieren für Hasan und Hawraa, und wie es ihm kaum gelang. Der Reporter war auch dabei, als Ali N. Zainab beerdigte. Er berichtet, der muslimische Friedhof auf Kos sei schnell gewachsen. Viele Gräber dort seien sehr kurz – Kindergräber.

Als die Reportage erschienen war, meldeten sich Leser. Hedemann berichtet von teils sehr kalten Reaktionen. Die häufigste dieser Reaktionen war: „Super, dann haben wir zwei weniger, die wir durchfüttern müssen.“ Der Journalist gibt Ali N.s Nachnamen nicht preis, um ihn vor rassistischen Nachstellungen zu schützen.

Was uns aufregt, ist anderswo schon lange normal

Im Jahr 2015 beschäftigten sich die Deutschen mit keinem Thema so intensiv wie mit den weltweiten Fluchtbewegungen. In der Stadtbücherei berichtete Hedemann, dass das manchen seiner im Ausland lebenden Weltreporter-Kollegen überraschte. Denn für einige Länder, darunter die ärmsten der Welt, gehören Flüchtlinge längst zum Alltag, weil sie schon seit Jahren Hunderttausenden Schutz gewähren..

Laut UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, sind über 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Nur ein Bruchteil kommt in Europa an. Die meisten flüchten sich in andere Landesteile oder in Nachbarländer. Uganda zum Beispiel hat im vergangenen Jahr 800.000 Geflüchtete aus dem Südsudan aufgenommen.

Die schlimmste Entscheidung im Leben der Ameena Abdulrahman

Mit Hedemann war die Syrerin Ameena Abdulrahman in die Stadtbücherei gekommen. Er hatte auch sie auf Kos kennengelernt. Sie hatte die Überfahrt unbeschadet überstanden, mit ihren Kindern Rinad und Reemas. Der glücklichste Moment ihres Lebens, erzählte sie, war die Landung auf Kos.

Ameena Abdulrahman ist Mutter von vier Kindern. Die schlimmste Entscheidung ihres Lebens traf sie mit ihrem Mann im Mai 2015, als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ auf ihren Wohnort al-Hasaka vorrückte. Im Vorwort des Weltreporter-Buchs erzählt sie: „Damit zumindest ein Teil unserer Familie überlebte, mussten wir uns trennen. Wir beschlossen, dass mein Mann mit unserem Sohn Mohamad und unserer ältesten Tochter Ritaj vorgehen sollte. Wir waren uns einig, dass Rinad und Reemas noch zu klein für die gefährliche Flucht waren. Ich wollte mit ihnen so lange in al-Hasaka ausharren, bis wir im Rahmen der Familienzusammenführung sicher nach Europa folgen könnten."

Wo ist die Gefahr zu sterben größer: daheim oder auf der Flucht?

Am 23. August 2015 machte sich ihr Mann mit den beiden zwei ältesten Kindern auf den Weg. Am 5. September schickte er ihre eine Nachricht: Er und die Kinder waren sicher auf Lesbos angekommen.

Später, in Deutschland, erfuhr er, die offizielle Familienzusammenführung könne ein Jahr und länger dauern – zu lange für Ameena Abdulrahman und die beiden Kleinen.

Sie hatte das Foto vom toten Knaben Aylan, wie er am Strand von Bodrum lag, gesehen, kannte die Berichte über winzige, überfüllte Boote und die Gewalt von Grenzsoldaten. Die Gefahr, auf der Flucht zu sterben, war groß. Die Gefahr, in al-Hasaka umgebracht zu werden, war größer. Sie nahm die Kinder und flüchtete.

Was Deutschland gibt und was Deutschland bekommt

In Neubrandenburg kommt die Familie wieder zusammen. Hedemann ist dabei. In der Stadtbücherei schilderte er, wie die sechs sich am Bahnsteig weinend in die Arme fielen, Passanten stehenblieben und mit ihnen weinten.

Inzwischen leben die Abdulrahmans in Duisburg. Die Kinder sprechen schon fließend Deutsch und treiben Sport im Verein. Mohamad besucht das Gymnasium, bald wird er von einer Spracherwerbs- in eine reguläre Klasse wechseln. Ameena Abdulrahman sagt, die Familie wolle Deutschland zurückgeben, was Deutschland ihr gegeben hat.

Es ist eine Revolution, und sie ist nicht aufzuhalten

Die Weltreporter gehen davon aus, dass die Flüchtlinge das Land verändern werden, so wie das Land sie verändern wird. Das Reporter-Netzwerk sieht eine Flüchtlingsrevolution im Gange, eine grundlegende, schleichende Veränderung unserer Gesellschaft, ähnlich der Industriellen oder der Digitalen Revolution. Hedemann meint, der Prozess sei nicht aufzuhalten. Er sieht eine Chance darin.

Was er damit meint, sah das Publikum in der Stadtbücherei an Ameena Abdulrahman. Vom Moderator, dem Chef der Main-Post-Lokalredaktion Andreas Jungbauer, gefragt, was ihr an Deutschland gefalle, antwortete die Englisch-Lehrerin: „Ganz besonders Pünktlichkeit, Korrektheit, Offenheit, Freiheit und Toleranz“. Aber sie habe einen sehr netten Nachbarn, einen alten Mann. Niemand besuche ihn und das mache sie sehr traurig. Dass in Deutschland die alten Leute in ein Altenheim gehen, das gefällt ihr nicht.

Buchtipp

„Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert“, herausgegeben von Marc Engelhardt. 21 Weltreporter-Reportagen auf 351 Seiten, erschienen im Verlag Pantheon. Preis: 16,99 Euro.

Rückblick

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