WÜRZBURG

Live dabei: So tritt ein unseriöser Dienstleister auf

Hand knocking on the door
Teppichreinigungs-Betrug ist eine gängige Masche: Auch im Unterfranken werden vorwiegend Senioren so abgezockt. Foto: KatarzynaBialasiewicz (iStockphoto)

Gehen Sie zum Geldautomaten und holen 750 Euro. Ich warte hier solange.“ Der Mann sagt das ruhig und freundlich. Trotzdem fühlt sich die Situation bedrohlich an. Wie kriegen wir ihn aus der Wohnung raus?

Vor drei Wochen war Herr Peter (Name von der Redaktion geändert) zum ersten Mal in der Würzburger Wohnung. Eva Müller (ebenfalls geändert) hat einen verfleckten Teppich, und die Spezialwäscherei „Peter“ aus dem Landkreis Würzburg bietet in einer Broschüre dafür „Edelwäsche per Hand“ an.

Der Mann kann Kühlschränke am Nordpol verkaufen

„Er hat mich so bequatscht, dass ich nicht klar denken konnte“, erklärt die 68-Jährige, warum sie bei diesem ersten Besuch nicht gemerkt hat, dass am Angebot von Herrn Peter etwas faul ist.

Dessen Verkaufstalent beschreibt sie so: „Der könnte auch am Nordpol Kühlschränke verkaufen.“ Deshalb hat sie in die 750 Euro teure Reinigung des Teppichs eingewilligt – für den sie einst 400 Euro bezahlt hatte. Doch bis ihr das klar wurde, war Herr „Peter“ mit ihrem Teppich schon weg.

Ein Vergleichsangebot ist deutlich günstiger

Für 102,30 Euro bietet die Firma Öhrlein aus Margetshöchheim (Lkr. Würzburg) die Behandlung des drei Quadratmeter großen Woll-Teppichs an. So viel kostet das Premium Pflegepaket A mit Handwäsche, Fleckenentfernung, Imprägnierung, Hol- und Bring Service. Inhaber Harald Öhrlein versichert, dass dieser Preis in der Region üblich sei. „Wer 750 Euro verlangt, ist ein Betrüger.“

Laut Fachmann Öhrlein ist Eva Müller nicht die einzige, die auf die Firma „Peter“ hereingefallen ist. Er kennt Fälle im Landkreis Würzburg, in Marktheidenfeld und Lohr. „Das nimmt in letzter Zeit zu.“

Sieben Anzeigen in Unterfranken

Teppichreinigungs-Betrug ist keine neue Masche. Deutschlandweit werden vor allem Senioren mit überteuerten Preisen über den Tisch gezogen. „In Unterfranken sind uns sieben Anzeigen gegen Teppichreinigungsfirmen wegen Betrugs innerhalb des vergangenen Jahres bekannt“, sagt Fabian Hench, Pressesprecher des Polizeipräsidiums. Diese würden von der Staatsanwaltschaft bearbeitet. Da nicht jeder Betrogene zur Polizei geht, gibt es möglicherweise weit mehr Opfer.

92-Jährige in Bad Kissingen betrogen

Auch die Gerichte in der Region beschäftigen sich immer wieder mit dem Thema. In Bad Kissingen wurde im Januar ein Mann aus Hessen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er einer 92-Jährigen 8000 Euro für das Reinigen und Reparieren von mehreren Teppichen abgeknöpft hatte.

Bereits 2015 standen in Schweinfurt zwei Männer wegen Wucher und Betrug in fünf Fällen vor Gericht. Auch sie bekamen eine Bewährungsstrafe. Die Geschädigten müssen meist auf zivilrechtlichem Weg versuchen, ihr Geld zurückzubekommen.

Eva Müller ist klar, dass sie einen Fehler gemacht hat, als die Tür hinter Herrn „Peter“ und ihrem Teppich zuschlägt. Mündlich hat sie in den Vertrag eingewilligt. Und auch wenn es ihr gelingt, von diesem Vertrag zurückzutreten, Herr „Peter“ hat ja ihren Teppich. Was soll sie jetzt tun?

Eva Müller bittet die Redaktion um Hilfe

Erst einmal wendet sie sich an die Polizei. „Man hat mir gesagt, dass man mir leider bei der Auseinandersetzung mit Herrn Peter nicht beistehen kann“, erklärt sie der Redaktion. Ihr sei geraten worden, bei der Teppich-Rückgabe nicht den vollen Preis zu zahlen.

Falls sie bedrängt werde, solle sie die Einsatzzentrale verständigen. Jetzt wendet sich Eva Müller an die Redaktion. Nach Rücksprache mit dem Würzburger Rechtsanwalt Hans-Jochen Schrepfer entscheidet die Redaktion, der alleinstehenden Seniorin bei der verabredeten Teppich-Rückgabe zu helfen.

„Sie soll versuchen ihr Eigentum zurückzubekommen, ohne die 750 Euro zu zahlen“, rät Schrepfer. Denn dann müsste der vermeintliche Betrüger klagen, um an sein Geld zu kommen – was dieser vermutlich nicht tun werde. Außerdem empfiehlt der Strafrechtler, vom Vertrag zurückzutreten und den versuchten Betrug anzuzeigen.

Die Redakteurin ist dabei, als Herr Peter den Teppich bringt

Also ist unsere Redakteurin dabei, als Herr Peter schließlich den Teppich bei Frau Müller vorbeibringt. Der Mitte 30-Jährige trägt Jeans, Hemd, Halstuch und ist sehr freundlich. Den circa drei Quadratmeter großen Teppich legt er vor die Couch. Der Fleck ist weg. Man plaudert über Tee- und Rotweinflecken, Hundehaare und Schneeränder.

Auch als seine Kundin ihm mitteilt, kein Bargeld im Haus zu haben und ihm das Geld zu überweisen, reagiert Herr Peter höflich aber bestimmt. Er verstehe das ja, aber leider, leider muss er das Geld heute noch bar bei seinem Chef abgeben, sonst „bekomme ich großen Ärger“. Jetzt wird seine Stimme eindringlich, er klingt enttäuscht: „So haben wir beide es ja auch ausgemacht.“

Eva Müller schluckt. „Ich kann mich zwar nicht genau erinnern, aber vielleicht haben sie recht“, sagt sie kleinlaut. „Wahrscheinlich habe ich das zugesagt. 250 Euro kann ich ihnen geben. Aber mehr habe ich nicht.“ Geschickt schafft es der Mann, den Spieß umzudrehen: Sein potenzielles Opfer fühlt sich schuldig, weil sie ihm nicht gibt, was er will. Die ständige Wiederholung seiner Forderung nach Bargeld macht mürbe.

Man will den Mann bloß noch irgendwie loswerden. „Gehen Sie doch einfach zum Geldautomaten“, auch das wiederholt er ständig. Jetzt will er nur noch 650 Euro. So geht das noch weitere 15 Minuten, bis Herr Peter endlich doch mit 250 Euro in der Tasche abzieht.

Falscher Name und keinen Festnetzanschluss

In den nächsten Wochen wird der Teppichspezialwäscher die Würzburgerin mehrmals täglich anrufen – sie überweist den Restbetrag nicht und geht nicht ans Telefon. Die Frau hat Angst, dass er ihr auflauert, plötzlich vor der Tür steht, Kumpanen holt. „Vielleicht ist das ja eine ganze Betrügerbande“, sorgt sich die Würzburgerin. Hinweise auf überörtlichen, organisierten Teppichreinigungs-Betrug hat die Polizeidirektion Unterfranken allerdings nicht.

Gemeldet ist die Firma „Peter“ unter dem Namen des Inhabers nicht. Auch die angegebene Firmennummer ist nicht vergeben. Als die Redaktion ihn auf dem Mobiltelefon erreicht, erklärt Herr Peter: „Ich bin ein ehrlicher Mann und mein Preis ist gerechtfertigt.“ Dass Vergleichsangebote siebenmal unter seinem lägen, könne nicht sein. Gleichzeitig droht er: „Wenn Sie über mich schreiben, sind Sie Ihren Job los.“

Inzwischen hat Eva Müller sich ein Herz gefasst und Herrn Peter wegen Wuchers angezeigt. „Ich möchte verhindern, dass der weiter versucht, Leute übers Ohr zu hauen.“

So erkennt man Betrüger

Die Polizei rät generell dazu, Handwerker nur in die Wohnung zu lassen, wenn sie bestellt wurden. Wer unsicher ist, soll Nachbarn holen. Mehr Tipps: www.polizei-beratung.de

Die Handwerkskammer für Unterfranken empfiehlt, vor Auftragserteilung ein schriftliches Angebot zu fordern und ein Vergleichsangebot einzuholen. Wenn es schneller gehen muss: Unbedingt Preisstaffelung und Zusatzkosten erfragen. Das Verlangen von Barzahlung weist auf fehlende Seriosität hin.

Da nicht alle Dienstleister eine Ausbildung im Fachgebiet brauchen, um selbstständig zu arbeiten, rät die Handwerkskammer möglichst regionale und Meisterbetriebe zu beauftragen. Bei Streitigkeiten zwischen Kunden und Handwerkern bietet die Kammer ein kostenfreies Vermittlungsverfahren an. Rechtliche Schritte kann die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs in Frankfurt einleiten, die die Handwerkskammer einschalten kann. GAM

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