WÜRZBURG

„Lügenpresse“: Journalisten suchen den Dialog

Michael Reinhard

Lügenpresse, Lügenpresse.“ Auch in Mainfranken sahen und sehen sich Journalisten bei Veranstaltungen von Pegida/Wügida oder der AfD solchen Rufen ausgesetzt. Andere artikulieren ihren Unmut über die vermeintlichen „Systemmedien“ in Leserbriefen oder immer öfter in den sozialen Netzwerken. Presse, Radio und Fernsehen sorgen sich um ihre Glaubwürdigkeit. Warum das so ist, woher der Unmut kommt und ob er berechtigt ist, ist Thema der Auftaktveranstaltung der „Würzburger Mediengespräche“. Am Montag, 4. Juli, diskutieren im Audimax der Universität (Beginn 18 Uhr) Journalisten und Experten über die Rolle der Medien. Titel: „Lügenpresse.“

Die Initiative geht auf Professor Kim Otto zurück. Seit einem Jahr lehrt der Fernsehjournalist („Monitor“) Wirtschaftsjournalismus an der Uni Würzburg. Angehende Ökonomen sollen in diesem Studiengang befähigt werden, wirtschaftliche Zusammenhänge kompetent zu recherchieren, verständlich zu vermitteln – und gesellschaftspolitisch einzuordnen. „Da passt die ,Lügenpresse'-Thematik gut in den Lehrplan“, sagt Otto. Gleichzeitig sehe er es als Aufgabe der Universität, den gesellschaftlichen Diskurs – eben auch über die Bedeutung freier Presse – voranzutreiben.

Zuschauern, Lesern und Nutzern stellen

Bei den Medienunternehmen in der Region rennt er damit offene Türen ein. Bayerischer Rundfunk (BR), Main-Post und Vogel Business Media sind Mitveranstalter der Mediengespräche und freuen sich auf die öffentliche Diskussion. „Es ist wichtig, dass wir uns unseren Hörern, Zuschauern, Lesern und Nutzern stellen“, sagt Eberhard Schellenberger. Der Leiter des BR–Regionalstudios Mainfranken diskutiert auf dem Podium mit Main-Post-Chefredakteur Michael Reinhard, dem AfD-Politiker und früheren ARD-Korrespondenten Armin-Paul Hampel, „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle und dem Medienwissenschaftler Carsten Reinemann. Moderator ist Vogel-Kommunikationschef Gunther Schunk.

Michael Reinhard hat in den vergangenen zwei Jahren – parallel zur Diskussion um die Flüchtlingspolitik – einen starken Anstieg an Zuschriften und Anrufen festgestellt, in denen Leser nicht nur Kritik an Inhalten von Online- und Print-Artikeln üben, sondern oft gar nicht mehr bereit sind, sich andere Argumente anzuhören.

Das endet dann häufig in persönlichen Beschimpfungen gegen Redakteure oder eben pauschalen Verunglimpfungen der Zeitung als „Lügenpresse“. Reporter, die in Würzburg von den Wügida-Kundgebungen berichteten, können ein Lied davon singen.„Kein angenehmes Gefühl, zu erleben, dass die Menge lautstark ,Lügenpresse, Lügenpresse' skandiert, während man eigentlich nur seine Arbeit macht“, sagen Kollegen, die dabei waren.

„Kultur des Miteinanders fördern“

„Ja, uns passieren jeden Tag Fehler“, räumt der Main-Post-Chef ein, „und jeder davon ist einer zuviel, aber wir schreiben nicht vorsätzlich die Unwahrheit. Wir lügen nicht.“ Er hoffe, sagt Michael Reinhard, dass die Mediengespräche zur Versachlichung der Diskussion beitragen. „Wir wollen eine Kultur des Miteinanders fördern, nicht der gegenseitigen Unterstellungen.

“ Eine freie Presse sei schließlich „konstituierend für die demokratische Gesellschaft“. Einzelne Dauerkritiker habe er eigens zu der Veranstaltung am Montag eingeladen, so Reinhard.

Eberhard Schellenberger setzt ebenfalls auf den Dialog. „Ich glaube, wir Journalisten müssen noch viel mehr erklären, was wir tun – und wie wir an die Nachrichten kommen.“ Die Vorstellung, Politiker steuerten die Berichterstattung, sei weiter verbreitet als er gedacht habe, so Schellenberger. „Dabei kann ich versichern, dass mir in 38 Berufsjahren noch nie jemand gesagt hat, Du musst dieses oder jenes berichten.“ Möglicherweise aber orientierten sich Journalisten gelegentlich zu sehr an dem, was andere Medien schreiben, so dass der Eindruck von einem ,Mainstream' in der Berichterstattung entstehen könne, räumt Reinhard ein. „Da müssen wir uns dann an die eigene Nase fassen.“

„Lebendige Medienkultur“

Auch wenn die Produkte des Fachverlags sich nicht mit Tagespolitik beschäftigen, liege Vogel Business Media viel an einer „lebendigen Medienkultur in der Region“, sagt Gunther Schunk. Gerade in Zeiten des digitalen Wandels komme der Pressefreiheit ganz besondere Bedeutung zu. Eine Mahnung seien die Anschläge auf die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ oder die Angriffe auf unabhängige Journalisten in Putin-Russland und der Erdogan-Türkei. „Viele, die heute Zeitungen und Sender als ,Lügenpresse' beschimpfen, würden sich umgucken, wenn es diese nicht mehr gäbe.“

Anmelden zum Mediengespräch

Zum Auftakt der „Würzburger Mediengespräche“ geht es am Montag, 4. Juli, um 18 Uhr im Audimax der Universität Würzburg (Sanderring 2) um das Thema „Lügenpresse“. Die Teilnahme ist kostenlos; Interessierte können sich online anmelden. Im Anschluss an die Diskussion findet im Lichthof der Uni ein Weinempfang statt. Das Mediengespräch wird zudem live auf den Internetseiten des BR, der Main-Post und der Uni übertragen.

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