WÜRZBURG

Luther und die Revolution in Würzburg

18 000 Bauern, drei Mal so viel wie die Stadt Einwohner hatte, lagerten im Frühjahr 1525 vor den Toren Würzburg. Beim zweifachen Sturm auf die Festung entschied sich der Aufstand.
Blutige Szene im Bauernkrieg: Rechts in der Bildmitte dargestellt ist hier die Hinrichtung von Aufständischen im Juni 1525. Foto: STAATSBIBLIOTHEK BAMBERG

Auf seinem Weg zur Heidelberger Disputation, dem Streitgespräch, machte der Augustinermönch Martin Luther am 18. und 19. April 1518 in Würzburg Halt. Im Augustinerkloster, wo heute die Polizeiinspektion umgebaut wird, übernachtet er. Und er erhielt eine Audienz bei Fürstbischof Lorenz von Bibra. Dieser bezeichnete den Reformator aus Wittenberg als „rechtschaffen“.

Zeitgenossen Bibras waren der Auffassung, dass der Fürstbischof selbst der lutherischen Lehre zuneige. Der Würzburger Stadtschreiber Martin Cronthal korrespondierte mit Luther und ließ sich von diesem beraten. Und im Würzburger Stadtrat wie auch im Domkapitel sympathisierten einflussreiche Personen mit dessen neuer Lehre.

2017 wird man bundesweit den 500. Jahrestag des Thesenanschlages Martin Luthers an der Schlosskirche in Wittenberg begehen. Den Beginn der Reformation als markantes Datum für die deutsche und europäische Geschichte – und auch für Würzburg.

Welchen Einfluss hatte die Reformation auf die Massenerhebung der Bauern in Franken? Diese erste Revolution von Bürgern und Bauern in der deutschen Geschichte war 489 Jahre später das zentrale Thema eines viel beachteten Forschungsprojektes des Kollegs „Mittelalter und Frühe Neuzeit“, das das Historische Seminar der Julius-Maximilians-Universität, das Mainfränkische Museum und das Stadtarchiv Würzburg vor einem Jahr veranstaltet haben. Bei der internationalen Tagung an einem entscheidenden Brennpunkt und Hauptschauplatz der historischen Ereignisse, dem Marienberg, beschäftigten sich die Wissenschaftler mit dieser Frage und arbeiteten neue Aspekte zum Bauernkrieg in Franken heraus.

Das Schlagwort vom „Heiligen Evangelium“ als Maßstab war zuerst in Würzburg erschienen. Die Aufständischen bezogen jedoch – missverständlich – Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ auf das persönliche Freisein von obrigkeitlichen Belastungen.

Durch die radikale Absage Martin Luthers an den Aufstand und seine Hinwendung zu den Fürsten – berühmt und stellvertretende dafür sein Zitat: „Es ist des Zorns und des Schwertes und nicht der Gnaden Zeit “– hatte die reformatorische Bewegung bald massiv an Popularität verloren.

Bischof Konrad von Thüngen indes leitete den Aufstand unmittelbar aus der Reformation ab. Nach seinem Sieg ließ er in Stadt und Land rigoros die Anführer hinrichten, unterstützte jedoch die politischen Bemühungen zur Überwindung der Glaubensspaltung.

Programmatische Grundlage des Aufstandes waren die sogenannten Zwölf Artikel gewesen, die in der Reichsstadt Memmingen formuliert worden waren und in Franken rasch übernommen wurden.

Am 30. April 1525 zwangen die Bauernvertreter unter Florian Geyer den Würzburger Stadtrat, die von den radikalisierten Würzburger Stadtvierteln vorgetragenen Forderungen anzunehmen: Aufhebung der Steuerfreiheit der Geistlichen, freie Pfarrerwahl, Reduzierung der Abgaben von Korn und Wein, freie Jagd und freier Fischfang.

In Würzburg selbst fehlten allerdings geistliche Wortführer, Prediger im protestantischen Sinn wurden ausgewiesen. Laut Stadtschreiber Martin Cronthal sollte der Bischof selbst das Evangelium predigen. Auch im niederen Klerus gab es Bekenntnisse zum Luthertum. Die Formel vom „Heiligen Evangelium“ wurde in ideologischer Funktion eingesetzt. Sie diente als Begründung, um die gravierendsten Mängel abzustellen und letztlich eine vom Wort Gottes getragene Neuordnung der Verhältnisse zu legitimieren.

In Würzburg sollte sich die Niederlage der Aufständischen im fränkischen Raum schließlich entscheiden: Die Festung Marienberg konnte im Mai 1525 trotz mehrerer Angriffe nicht erobert werden, obwohl in und um Würzburg mit seinen 6000 Einwohnern etwa 18 000 Bauern lagerten. Die erste breite Massenerhebung in der deutschen Geschichte war für die Aufständischen verloren.

Dank neuer Forschungen sind nunmehr viele Details bekannt, so die beklemmende Situation unter den Belagerten, die Verhandlungen zwischen Aufständischen und Besatzung, der Durchbruch der Mauern nach massivem Beschuss und der zweimaligen Sturm bis auf die inneren Mauerring.

Das Debakel der Bürger und Bauern in den mörderischen Schlachten von Königshofen und Giebelstadt Anfang Juni 1525 hatte im Endeffekt zu einer Stärkung der Landesfürsten geführt. Große Teile der städtischen Mittel- und Unterschichten schieden aus dem politischen Leben aus. Mehr als bislang angenommen spielte die Propaganda mithilfe politischer Flugschriften und Spottlieder eine wichtige Rolle.

Jeweils ein Themenfeld der Würzburger Tagung auf dem Marienberg stand für Grundfragen und Voraussetzungen, historische Ereignisse, schließlich Kunst und Propaganda im Umfeld dieser „Erhebung des gemeinen Mannes“. Detaillierte Untersuchungen befassten sich beispielsweise mit den religiösen Rahmenbedingungen, den Vorläuferbewegungen, dem Bildersturm in den Kirchen, sowie der Rolle der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Die Forscher werteten Gerichtsakten und Klerikertestamente aus, studierten das Verhalten der benachbarten Reichsstädte wie Schweinfurt, Rothenburg ob der Tauber und Nürnberg und analysierten die Strategien verschiedener Bildschnitzer wie Tilman. Von Bedeutung war auch die Rolle des Adels. Denn ein Kernanliegen der Aufständischen war es gewesen, dessen Vorrechte zu beseitigen und seine Burgen niederzubrennen.

Stadtintern nachgezeichnet wurde der lang hinausgezögerte Frontwechsel von Würzburgs Bürgermeistern und Räten mit Bruch des Untertaneneides und den daraus resultierenden Folgen, die langfristig für die Einwohnerschaft verheerend waren. Die städtische Elite hatte sich zur Mitwirkung gezwungen gesehen, sie hatte offensichtlich nie an einen Erfolg des Aufstandes geglaubt. Völlig unbekannt war bislang, dass nach dessen Ende von Unterlegenen vor dem Reichskammergericht und dem Hofrat erfolgreich geklagt werden konnte.

Als neues Medium tauchte nach der Niederlage 1525 die Druckgrafik auf, wobei sich die Kunstproduktion in den privaten Bereich verlagerte. Literarisch anspruchsvolle Spottlieder und kunstvoll gereimte Gedichte wurden im Druck verbreitet, um die Sicht der Sieger zu verkünden und die erfolglosen Aufrührer zu schmähen. Nunmehr verstummte der „gemeine Mann“ fast völlig, ein Vorgang, den Albrecht Dürer mit seinem am 8. Juni 1525, dem Tag der Hinrichtung der Würzburger Aufrührer, gemalten Traumgesicht festhielt, in welchem vom Himmel stürzende Wassersäulen das Land ertränken.

All diese neuen Ergebnisse können im von Dorothea Klein, Franz Fuchs und anderen herausgegebenen Buch „Bauernkrieg in Franken“ (Publikationen aus dem Kolleg „Mittelalter und Frühe Neuzeit“, Band 2) nachgelesen werden. Zahlreiches Bildmaterial und Karten tragen dort zur Veranschaulichung der Texte bei, die zum Jahreswechsel im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann in einem Sammelband erscheinen.


Der Autor, Jahrgang 1948, war von 1997 bis bis Ende vergangenen Jahres Leitender Archivdirektor am Stadtarchiv Würzburg. Ulrich Wagner hat die Erforschung der Stadtgeschichte nachhaltig gefördert. Zum Stadtjubiläum 2004 gab der Historiker eine dreibändige Stadtgeschichte heraus. Er hat zahlreiche Monografien und Aufsätze zu Einzelfragen der fränkischen und pfälzischen Landesgeschichte veröffentlicht. Die Erforschung des Bauernkriegs ist eines seiner Projekte im Ruhestand.

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