WÜRZBURG/ST. LOUIS

Madiama Diop sehnt sich zurück

Hoffnung: Football spielender Senegalese sucht verzweifelt nach Perspektiven – Würzburger Freunde spenden für ihn
Auf das Wiedersehen mit seiner Mutter hatte sich Madiama Diop sehr gefreut. Foto: Diop

Seine Mutter zu sehen, darauf hatte sich Madiama Diop unheimlich gefreut. „Auch sie ist sehr glücklich, mich wieder in die Arme schließen zu können“, sagt der junge Mann aus dem Senegal, der vier Jahre in Würzburg lebte und monatelang dafür gekämpft hatte, bleiben zu dürfen. Seit Anfang März lebt der 32-Jährige gegen seinen Willen wieder im Senegal. Sich dort eine Existenz aufzubauen, ist genauso mühsam, wie er befürchtet hat. Noch immer hat Diop keine feste Arbeit.

„Das ist bei uns sehr schwierig“, teilt der ehemalige Spieler des American Football Clubs „Würzburg Panthers“ aus dem Senegal mit. Für kurze Zeit sei er beim Unternehmen Grands Domaines du Sénégal, das unter anderem Cherrytomaten erzeugt, untergekommen. „Aber die zahlen nur 1,50 Euro am Tag“, so Diop. Das ist selbst für Senegal extrem wenig und alles andere als existenzsichernd. Zudem war die Arbeit schwer. Darum gab Diop sie wieder auf: „Jetzt suche ich weiter.“

Momentan lebt er hauptsächlich von dem Geld, das ihm seine Würzburger Freunde schicken. 250 Euro überweisen sie ihm jeden Monat. Das Geld stammt aus Spenden, die eingesammelt wurden, als klar war, dass Diop vorerst keine Bleibechance hat.

„Ich habe Angst“

Psychisch gehe es ihm nicht gut, bekennt der junge Afrikaner. Er mache sich andauernd Gedanken, wie es mit ihm weitergehen soll, wenn im Senegal alles schief läuft: „Ich habe Angst.“ Zudem begleitet ihn die starke Sehnsucht nach Würzburg – der Stadt, in der er so gern leben würde.

„Ich denke dauernd an Würzburg“, sagt Diop. Vor allem an seine „weiße Mutter“ Dietlind Weinberger, die ihn als Flüchtling ehrenamtlich betreut hatte, sowie an Johannes Brandt, Center bei den „Würzburg Panthers“ und Diops engster Würzburger Freund. Auch nach zwei Monaten in der alten Heimat ist sein Wunsch, zurückzukehren, nicht abgeflaut. Diop gibt auch die Hoffnung nicht auf, eines Tages wieder in Würzburg leben zu können.

„Vielleicht wäre dies über ein Langzeitvisum möglich“, erklärt Dietlind Weinberger. Inwieweit ein Visumsantrag Erfolg hat, will Diops Würzburger Bekannter Stephan Behringer mit ihm vor Ort abklären. Behringer traf Diop regelmäßig bei dem von ihm geleiteten Sprachstammtisch „Würzburg Language Exchange“. Seit dem 3. Mai hält er sich im Senegal auf.

Behringer will Patenkind besuchen

Schon lange wollte Behringer in den Senegal fliegen denn dort lebt sein Patenkind, das er über die Organisation „Plan Deutschland“ vor mehr als fünf Jahren bekam: „Es wohnt nur eine Stunde von St. Louis, wo Madiama lebt.“ Die erste Nacht im Senegal wird Behringer bei Madiama Diop und seiner Mutter verbringen. Danach wollen sich die beiden zum Patenkind begeben: „Das spricht die Landesprache Wolof, die Madiama für mich übersetzen will.“

Dass es für junge Menschen im Senegal schwer ist, sich eine berufliche Perspektive zu schaffen, kann Bayerns Europaministerin Beate Merk bestätigen. Sie war Ende März in der afrikanischen Republik, um gemeinsam mit senegalesischen Partnern Projekte zur beruflichen Bildung auf den Weg zu bringen. „Damit setzen wir ein Signal für Senegalesen, die ohne Bleibeperspektive bei uns sind, dass auch im Heimatland neue Perspektiven entstehen“, so Merk.

Der Kampf geht weiter

Warum Menschen aus dem Senegal und anderen Krisenstaaten derzeit prinzipiell nicht bleiben dürfen, selbst wenn sie in Deutschland gut integriert sind, kann Diops ehrenamtliche Betreuerin Dietlind Weinberger nicht nachvollziehen. Sie kämpft weiter dafür, dass ihr Schützling zurückkehren kann. Zudem protestiert sie in Briefen an Verantwortliche gegen die Art und Weise, wie die Petition für ein Bleiberecht von Diop im Bayerischen Landtag behandelt wurde. Auf Basis falscher Informationen, betont Weinberger, wurde die Petition abgelehnt, so dass Diops Fall nicht vor die Härtefallkommission kommen konnte.

„Ein Grund zur Nicht-Gewährung des Bleiberechts war die Behauptung, Madiama Diop erhalte Sozialleistungen“, erklärt sie. Eine Überprüfung seiner Kontoauszüge habe aber nur eine einzige Zahlung von 59,62 Euro durch das Sozialamt ergeben: „Und einmal wurden ihm 20 Euro in die Hand gedrückt.“ Weinberger: „Dies ,Bezug von Sozialleistungen‘ zu nennen, ist wohl etwas übertrieben.“

Besonders empörend ist für Weinberger, dass Diop von einem Abgeordneten als „Straftäter“ bezeichnet wurde. Dies hatte sich darauf bezogen, dass sich der Afrikaner einmal gegen einen verbalen und körperlichen rassistischen Angriff auf seine Person zur Wehr gesetzt hatte. Dafür hatte er 60 Tagessätze als Strafe erhalten. „Der Angreifer hat davon minimalste Blessuren davongetragen“, betont Weinberger. Über die Demütigung und Entwürdigung Madiama Diops habe niemand Recht gesprochen.

Abschiebung war "absurd"

Dass Diop zur Ausreise aus Deutschland gezwungen wurde, bleibt für Weinberger „absurd“. „Er war voll integriert, mit einer hervorragenden Arbeitsstelle und sein Arbeitgeber hatte ihn dringend gebraucht“, erinnert sie. Nach insgesamt zehn Jahren im Ausland sei er von der Politik aus seiner Wahlheimat herausgerissen und in ein ihm inzwischen fremdes Land geschickt worden. Weinberger: „Man fragt sich wirklich, wie viel Zeit, Kraft und Herzblut hier und in vielen anderen Fällen einfach verschwendet werden.“

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