Würzburg/Aschaffenburg

Mädchen schwer verletzt: Mutter zeigt Würzburger Spezialkinderklinik an

Ein Mädchen wurde in der Klinik am Greinberg erheblich verletzt. Die Staatsanwaltschaft Würzburg stellte die Ermittlungen im März 2019 ein - und nimmt sie ein halbes Jahr später wieder auf. Foto: Dita Vollmond

Die Bilder gehen ihr nicht aus dem Kopf. Anna V. (Name ist der Redaktion bekannt) wacht davon auf, liegt nachts viele Stunden wach. Seit Monaten. Sie denkt an ihre Tochter Rita (Name geändert) und an jenen Anruf Anfang Januar 2018, der das Leben ihrer Familie verändert hat: Es sei ein Unfall passiert, heißt es am Telefon, Rita müsse in der Würzburger Unikinderklinik notoperiert werden.

Anna V. sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung im Raum Aschaffenburg und erzählt. Mal gefasst und ruhig, dann hastig. Sie hält inne, zeigt Fotos von Rita, hat Tränen in den Augen. Auf den Bildern ist das damals zehn Jahre alte Mädchen zu sehen - mit einem tiefvioletten Hämatom unter dem linken Auge. Auch das andere Auge ist bläulich gefärbt. Ein Foto zeigt die vernähte Wunde. „Sie hatte einen vierfachen Gesichtsbruch unter der Augenhöhle, auch der Kiefer war betroffen“, schildert Anna V. die massiven Verletzungen ihrer Tochter.

Junge Patientin wird notoperiert

Das Mädchen war Patientin in der Klinik am Greinberg in Würzburg. Träger ist der Bezirk Unterfranken, Klinikdirektor der Universitätsprofessor Marcel Romanos. Rita kam im Oktober 2017 unter anderem wegen auto- und fremdaggressiver Verhaltensweisen in die Spezialeinrichtung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Zuvor lebte das Mädchen im Zentrum für Körperbehinderte in Würzburg. Die Mutter sagt, Rita könne nicht sprechen. Sie habe laut Diagnose eine Intelligenzminderung und eine ernsthafte soziale Beeinträchtigung.

Der Aufenthalt in der Klinik am Greinberg dauerte nur wenige Wochen. Denn Anfang Januar 2018 kam Rita mit Knochenbrüchen im Gesicht als Notfall in die Unikinderklinik. Dort habe ihr Tochter Blut gebrochen, gewimmert, sei apathisch gewesen. Anna V. schildert, sie selbst sei im Krankenhaus - während ihre Tochter operiert wurde -  bewusstlos zusammen gebrochen. Sie leidet bis heute. Weil sie sich seither immer wieder vorstellt, was ihrer Tochter in der Klinik am Greinberg passiert sein mag, wie sie gelitten haben muss.

Die Eltern glauben nicht an einen Unfall

Anna V. und ihr Mann Peter glauben nicht, dass ihre Tochter sich aufgrund ihres autoaggressiven Verhaltens die Verletzung selbst zugefügt hat oder dass es womöglich ein Unfall war. Denn in den anderen Einrichtungen sei es nie zu solchen Vorfällen gekommen. „Dafür gibt es Zeugen.“

In der Klinik am Greinberg sei es von Anfang an nicht gut gewesen, sagt Anna V.. Sie habe bei ihren Besuchen im November und Dezember 2017 „viele blaue Flecken“ am Körper ihrer Tochter bemerkt. Schon kurz vor Weihnachten 2017 sei sie telefonisch von der Klinik informiert worden, dass Rita eine Verletzung am Auge habe. Immer sei versucht worden, sie zu beschwichtigen, so Anna V.. Es sei nichts Schlimmes passiert, sie solle sich keine Sorgen machen - und sie bräuchte nicht nach Würzburg kommen.

Anna V. macht sich aber Sorgen. Sie kündigt der Klinik Anfang Januar ihren Besuch an, um nach ihrer Tochter zu schauen. Kurz darauf erreicht sie der Anruf – nicht aus der Klinik am Greinberg, sondern von der Unikinderklinik. Die Hiobsbotschaft: Ihr Kind ist schwer verletzt.

Anna V. zeigt die Klinik am Greinberg wegen Misshandlung an

Anna V. sieht einen Zusammenhang: die blauen Flecken , die Hinweise auf eine Augenverletzung im November und Dezember 2017, der Versuch, sie von einem Besuch abzuhalten, ihre generelle Unzufriedenheit mit dem Pflegepersonal der Klinik –  und der Vorfall Anfang Januar 2018 .

Anna V. zeigte nach der Not-OP ihrer Tochter die Klinik am Greinberg wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen an. Die Staatsanwaltschaft Würzburg ermittelte gegen Unbekannt, stellte das Verfahren jedoch Ende März 2019 ein. Für den geäußerten Verdacht, „ihre Tochter könne gegebenenfalls von einem/r Pfleger/in misshandelt worden sein“, hätten sich keine Anhaltspunkte ergeben, steht im Schreiben der Staatsanwaltschaft an den Rechtsanwalt der Familie. Zur Ursache der schweren Verletzung vom Januar 2018 heißt es in dem Bescheid, es sei „davon auszugehen, dass die festgestellten Verletzungen bzw. Hämatome Folge autoaggressiven Verhaltens der Geschädigten waren".

Eltern wollen sich nicht mit der Entscheidung der Staatsanwaltschaft abfinden

Anna V. und ihr Mann Peter sind enttäuscht, geschockt. Sie fragen sich: Warum wurde der Fall eingestellt? Ritas Eltern wollen sich nicht damit abfinden. Zumal in der Patientenakte festgehalten worden sei, dass eine Mitpatientin ihre Tochter verletzt habe. Warum wurde dieser Hinweis bei den Ermittlungen der Polizei nicht berücksichtigt? Ebenso eine Feststellung des Gerichtsmediziners in seinem Gutachten, von dem die Familie V. Kenntnis hat. Darin steht laut Anna V., dass als Ursache für die Gesichtsverletzung von Rita auch Tritte in das Gesicht durch eine Mitpatientin in Betracht kämen.

Anna V. geht es nicht darum, die Mitpatientin, die laut Patientenakte als Verursacherin der Verletzung genannt wird, zu verurteilen. „Ich bin nicht böse auf dieses Mädchen, es braucht ja selbst Hilfe – wie meine Tochter“, so Anna V.. Aber sie fragt sich, welche Rolle das Personal spielte. „Haben die Pfleger die Mädchen zu lange in ihrem Zimmer alleine gelassen?“ Und sie fügt hinzu: „Ich habe bei meinem Besuchen erlebt, dass die beiden sich nicht gut verstanden haben.“

Christian Lieb, Fachanwalt für Medizinrecht, fordert die Wiederaufnahme der Ermittlungen

Die Eltern wenden sich kurz vor der Einstellung der Ermittlungen an einen neuen juristischen Beistand. Christian Lieb aus Aschaffenburg, Fachanwalt für Medizinrecht, soll ein neues Verfahren anstreben. Anna V. forscht parallel im Internet nach ähnlichen Vorkommnissen in anderen Kliniken. Dabei stößt sie auf die drei Berichte dieser Redaktion von Juli und August über ein „aggressives Mädchen“, das die Klinik am Greinberg „lahmgelegt“ habe - weshalb der Bezirk deshalb ein finanzielles Minus verzeichne.

Anna V. liest, dass das in den Berichten genannte aggressive Mädchen ihre Pfleger lebensgefährlich verletzt habe. Für sie steht seither die Möglichkeit im Raum: Dieses Mädchen ist die in der Patientenakte erwähnte Mitpatientin, die ihre Tochter Anfang 2018 verletzt hat.

Eingangsbereich der Würzburger Klinik am Greinberg. Foto: Pat Christ

Rechtsanwalt Lieb fordert Mitte August bei der Staatsanwaltschaft Würzburg die Wiederaufnahme der Ermittlungen beziehungsweise Nachermittlungen. „Es steht zu befürchten, dass der ein oder andere Zeuge sich nicht zur Gänze eingelassen hat“, schreibt Lieb an die Staatsanwaltschaft. Das hochaggressive Verhalten und die hierdurch bedingten Körperverletzungen von Personal seien bekannt gewesen, „was sich jedoch nicht in den Zeugenaussagen wiederspiegelt“. Er sagt, dass es sich ihm nicht erschließt, warum die Akte überhaupt geschlossen wurde.

Für Klinikdirektor Marcel Romanos war es ein Unfall

Klinikdirektor Professor Marcel Romanos schließt auf Nachfrage aus, dass das Mädchen, mit dem Rita das Klinikzimmer teilte, und das „aggressive Mädchen“, das in den Berichten dieser Redaktion Thema war, identisch sind. Rita sei nie mit dem „aggressiven Mädchen“ zusammengetroffen. Aufgrund der hohen Gefährdung für andere sei das Mädchen isoliert gewesen, sagt Romanos.

Der Kinder- und Jugendpsychiater bedauert, dass Rita in der Klinik am Greinberg die erheblichen Verletzungen erlitt. Es seien, sagt er, die schwersten in der Geschichte der Klinik. „Es tut uns sehr leid“, so Romanos. „Es war ein Unfall. Aber wir konnten nicht feststellen, was genau und wie es passiert ist, weil es von niemanden beobachtet worden ist. Ich könnte nur spekulieren.“

Auch das Mädchen, das damals mit Rita im Zimmer untergebracht war, habe ihr diese schwere Verletzung nicht zugefügt, so Romanos. Sie sei dazu seiner Einschätzung nach gar nicht in der Lage gewesen. Die Mitpatientin habe öfter Dinge zugegeben, die sie gar nicht getan habe – „weil sie auf diese Weise Aufmerksamkeit erhalten wollte“.

Klinik am Greinberg ist laut Direktor Romanos in dieser Form bundesweit einzigartig

Die Klinik sei bundesweit in dieser Form einzigartig, so Romanos. Hier würden  junge körperlich und geistig und dazu psychisch erkrankte Patienten therapiert und betreut, die woanders keine Aufnahme mehr finden – wie zum Beispiel das aggressive Mädchen. „Als wir 2012 die Klinik ins Leben gerufen haben, gab es keine Blaupause“, sagt Romanos, der zugleich Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und Landesarzt für Kinder und Jugendliche mit geistiger und seelischer Behinderung für den Regierungsbezirk Unterfranken ist. „Wir haben die Therapiekonzepte mit Hilfe der Pädagogik selbst entwickelt – mit guten Ergebnissen“, so der Klinikdirektor.

Bräuchte es mehr Pflegepersonal? Romanos verweist auf den ohnehin höheren Personalschlüssel aufgrund der speziellen Ausrichtung der Klinik. „Und unsere Pflegerinnen und Pfleger wissen, dass sie bei manchen Patienten selbst gefährdet sein können – wie bei dem aggressiven Mädchen. Aber sie taten alles, damit es der Patientin besser ging. Und wir hatten durchaus Erfolg durch den hohen Personaleinsatz“, so Romanos. Das aggressive Mädchen sei mittlerweile in einer anderen Einrichtung untergebracht, die „eigens für die Patientin gebaut wurde“.

Der Bezirk, Träger der Einrichtung, spricht dem Klinikdirektor sein Vertrauen aus.

Der Bezirk als Träger der Klinik spricht auf Nachfrage dem Klinikdirektor und seinem Team das volle Vertrauen aus. Die Haftpflichtversicherung des Bezirks lehnt Schadensersatzforderungen der Familie V. bislang ab – unter anderen mit Verweis auf die Einstellung der Ermittlungen der Würzburger Staatsanwaltschaft, wie Rechtsanwalt Lieb sagt.

Es bleiben Fragen: War wegen der hochaggressiven Patientin die Aufsicht bei den anderen Patienten trotz des höheren Personalschlüssels nicht mehr voll gewährleistet? Wie kann es sein, dass sich Rita selbst massive Verletzungen zugefügt haben soll? Und warum steht in der Patientenakte, dass es eine Mitpatientin war, wenn diese laut Professor Romanos dazu gar nicht fähig war?

Der Klinikdirektor antwortet darauf, dass grundsätzlich alles dokumentiert werde, ohne dass dies geprüft sein muss. Zudem habe er mit Oberarzt Tim Güntzel, dem Leiter der Klinik am Greinberg, und dem gesamten Pflegepersonal zu klären versucht, wie es zu der Verletzung von Rita kommen konnte. Es gebe jedoch keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden. „Ich bin bereit, das in einem direkten Gespräch mit den Eltern von Rita zu erklären.“

Die Staatsanwaltschaft Würzburg nimmt die Ermittlungen wieder auf

Rita kehrte nach ihrer Notoperation im Januar 2018 auf Wunsch der Eltern nicht mehr in die Klinik am Greinberg zurück. Das mittlerweile zwölf Jahre alte Mädchen befindet sich heute in einer anderen Spezialeinrichtung in Oberfranken. „Es geht ihr gut dort“, sagt ihre Mutter. Aber es habe Monate gedauert, bis sie zu dem Pflegepersonal Vertrauen fassen konnte. „Anfangs durfte sie niemand berühren.“

Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat die Ermittlungen inzwischen wieder aufgenommen, teilt Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen mit. Rechtsanwalt Lieb hat sein erstes Etappenziel erreicht. Anna V. und ihr Mann hoffen.

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