Männliche Trauerarbeit: Rasen mähen statt reden

Männer in ihrer Trauer unterstützen: Frank Geier (links) und Georg Bischof vom Malteser Hilfsdienst in der Diözese Würzburg. Foto: Pat Christ

Seit er denken kann, hat sich Frank Geier für ein Thema interessiert, das die meisten Menschen gern verdrängen: Sterben und Tod. Das kam nicht von ungefähr. Zwei Tanten starben jung, beide waren quasi nur „virtuell“ in seiner Kindheit präsent. 2012 entschied Geier, sich bei den Maltesern in der Diözese Würzburg zum Hospizhelfer ausbilden zu lassen. Heute ist er einer von rund 30 männlichen Malteser-Hospizhelfern in der gesamten Diözese.

Knapp 300 Menschen engagieren sich dort bei den Maltesern in der Hospiz- und Trauerbegleitung, informiert Georg Bischof, Koordinator und Referent des Hospizdienstes: „Zehn Prozent davon sind also nur Männer.“ An den elf Monate dauernden Hospizkursen nimmt oft nur ein einziger Mann teil – gegenüber 13 Frauen. Der aus Niederwerrn bei Schweinfurt stammende Versicherungskaufmann Frank Geier hatte vor drei Jahren Glück: „Wir waren vier Männer.“

Die Entstehung der modernen Hospizarbeit ist durch und durch weiblich geprägt. Verbunden ist sie mit dem Namen Cicely Saunders. Die englische Ärztin und Sozialarbeiterin verband im Umgang mit unheilbar kranken Menschen Medizinisches mit guter pflegerischer sowie spiritueller Unterstützung. Sterbehilfe lehnte sie als Christin ab. 1967 gründete Saunders in Sydenham bei London das St. Christopher's Hospice. Ihre Gedanken wurden in den 1970er Jahren in den USA von Forscherin Elisabeth Kübler-Ross weiterentwickelt. Saunders und Kübler-Ross gelten heute als die Begründerinnen der weltweiten Hospizbewegung.

Männer trauern andres

Bis heute sind nicht nur Männer in der ehrenamtlichen Hospizarbeit etwas äußerst Rares. Auch diejenigen, die sich begleiten lassen, sind ganz überwiegend Frauen. Das wollen Bischof und Geier in den kommenden Jahren ändern. Derzeit stricken sie an neuen Angeboten für Männer, die den Verlust ihrer Partnerin, der Ehefrau, eines Kindes, eines engen Freundes oder eines geliebten Elternteils verkraften müssen. Hierüber trauern Männer völlig anders als Frauen, betont Geier: „Trauerkreise oder Trauercafés bringen den meisten von ihnen nichts.“

Geier muss es wissen, setzte er sich in den vergangenen Jahren doch intensiv mit dem Thema „Trauer“ auseinander. Als Hospizhelfer hatte er die Erfahrung gemacht, dass es vor allem die Angehörigen sind, die während und nach dem Sterbeprozess stark leiden: „Sehr oft stärker als die Sterbenden.“ Das gab dem 42-Jährigen zu denken. Der bekennende Christ, der fest an ein Weiterleben nach dem Tod glaubt, wollte mehr hierüber wissen. Darum begann er im Dresdner Zentrum für Trauerbegleitung eine eineinhalbjährige Ausbildung zum Trauertherapeuten. Seit einem Jahr ist er als solcher tätig.

Auf die Frage: „Trauern Männer anders?“ hat Geier heute eine eindeutige Antwort: „Auf jeden Fall!“ Frauen können nach seinen Erfahrungen durch die Trauer um einen geliebten Menschen so stark mitgenommen werden, dass sie Symptome wie Antriebslosigkeit und große Traurigkeit entwickeln. Ihr Bedürfnis, mit jemandem darüber zu reden, was sie gerade fühlen und was ihnen durch den Kopf geht, sei meist immens. Männer hingegen reagieren nicht selten gereizt bis aggressiv, zornig und wütend auf den Verlust. „Reden hilft ihnen zunächst gar nichts“, sagt Geier. Was sich gesellschaftlich begründen lässt. Nach wie vor ist das Männerbild von Stärke geprägt. Männer weinen, wenn überhaupt, nur heimlich.

Sie haben es außerdem meist auch nicht gelernt, über sich und ihre Gefühle zu reden. Was bedeutet: Sie wissen nicht, in welche Worte sie kleiden sollen, was da in ihnen wühlt. Der Wunsch der Partnerin, sich über das gestorbene Kind zu unterhalten, kann deshalb einen enormen Druck in ihnen erzeugen. Geier: „Ich kenne Paare, die nach dem Tod eines Kindes auseinandergingen, weil sie ihre Trauerreaktionen gegenseitig nicht verstehen und akzeptieren konnten.“

Aktionsorientierte Angebote

Anlässlich des Deutschen Hospiztags an diesem Mittwoch will Geier darauf aufmerksam machen, dass Hospiz und Trauer geschlechtsspezifisch ausgeprägt sind. „Frauen reden, Männer mähen Rasen“, sagt er provozierend. Angebote für Männer müssten dies berücksichtigen. Sie müssten unbedingt aktionsorientiert sein, ein Steinmetzworkshop beispielsweise statt Gesprächsrunden.

Ideen, wie man Männern in ihrer Trauer helfen könnte, hat er in seiner Abschlussarbeit zum Trauertherapeuten unter der Überschrift „Trauerwerkstatt für Männer“ gesammelt. Das 28-seitige Papier ist bei den Maltesern nun Diskussionsgrundlage für neue Angebote.

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