WÜRZBURG

Marathon: Somalischer Flüchtling will Erster werden

Somalischer Flüchtling beim Marathon       -  Wer aufs Treppchen möchte, muss hart trainieren: Cabdigani Ismail hat sein Talent zum Laufen erst in Würzburg entdeckt. 2012 flüchtete er ohne Angehörige aus Somalia und lebt seit drei Jahren in Deutschland.
Wer aufs Treppchen möchte, muss hart trainieren: Cabdigani Ismail hat sein Talent zum Laufen erst in Würzburg entdeckt. 2012 flüchtete er ohne Angehörige aus Somalia und lebt seit drei Jahren in Deutschland. Foto: Daniel Peter

In einem kleinen Dorf in Somalia im Jahr 2012. Cabdigani Ismail hat Angst. Angst um sein Leben. Angst davor, dass jeden Moment ein gegnerischer Clan ihn und seine Frau umbringen könnte. Er fasst einen Entschluss, der sein Leben verändert: Er flüchtet. Alleine, weg von seiner großen Liebe, seiner Heimat, seinen Erinnerungen. Was ihn erwartet ist eine Odyssee. Wenn Ismail, wie ihn jeder hier nennt, seine Flucht bis ins kleinste Detail nacherzählt, glaubt man kaum, was der junge Mann aus Somalia alles erleben musste. Als Zuhörer ist man gefesselt, kann sich kaum zwischen Staunen und ungläubigem Kopfschütteln entscheiden. Der 23-Jährige erzählt von langen Märschen in der Wüste, von der Gefangenschaft in Libyen, wo statt Recht und Ordnung die Gewalt vorherrscht. Und von der Irrfahrt auf dem Mittelmeer, bei der sich über 120 Menschen – darunter auch ein kleines Baby – auf ein Boot zwängten, das eigentlich für zwölf Leute ausgelegt war. Nicht jeder hat die lange Flucht überlebt, Ismail aber hat es. „Ich habe einen zweiten Atem bekommen“, sagt er.

Sein Deutsch sitzt

Die Ankunft in Deutschland war vor drei Jahren, heute lebt der Somalier in Würzburg und ist ein Beispiel dafür, wie Integration funktionieren kann. Er machte seinen Hauptschulabschluss, geht in den Deutschkurs und ist Auszubildender in einer Höchberger Logistikfirma. Während andere Asylbewerber in der Wohnanlage Party gemacht haben, ging er zum Lernen in die ruhige Moschee. Seine gesamte Fluchtgeschichte erzählt er auf Deutsch. Das ist zwar nicht perfekt, aber die Grammatik sitzt und Ismail findet für alles was er erzählen will die passenden Worte. „Doch, ich mag Deutschland, ich fühle mich wohl“, versichert er.

Ismails Frau auf der Flucht

Was ihm zu seinem persönlichen Glück noch fehlt, ist seine Liebe, denn seine Frau ist noch in Afrika. „Ich bin allein“, murmelt er traurig, lässt den Kopf fallen und wirkt weitaus emotionaler als bei der Nacherzählung seiner Fluchtgeschichte. Seit fünf Jahren haben die beiden kaum Kontakt miteinander. In somalischen Dörfern ist an Internet kaum zu denken und mittlerweile ist seine Frau auch gar nicht mehr dort. Von Erzählungen hat er mitbekommen, dass auch sie geflohen sei – über Kenia an einen für ihn nun unbekannten Ort. Ungewissheit, die ihn traurig stimmt.

Und eine Sache macht ihm ebenfalls zu schaffen: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Für ihn und seine Freunde ist das unverständlich, denn Ismail tut alles, um in Deutschland integriert zu sein. Nun klagt er, um hier bleiben zu dürfen.

Beim Residenzlauf zu schnell

Trotz der ungewissen Zukunft hat der junge Mann Potenzial, es hier zu schaffen. Und Potenzial dazu, ein Topsportler zu werden. Als er nach Deutschland gekommen ist, spielte er in einer Mannschaft Fußball. „Mir wurde gesagt, dass der Teamsport besser für die Integration ist, weil man mit anderen zusammen spielt“, so Ismail. Doch mit der Zeit hat sich sein Talent in einer anderen Sportart gezeigt, denn der Somalier ist ein Läufer, ein sehr guter Läufer. Das konnte er vergangenes Jahr bereits unter Beweis stellen. Beim Residenzlauf 2016 lief er mit und war zu schnell – jedenfalls für die Kategorie, für die er angemeldet war. Er hätte dort schon bei den Assen mitlaufen müssen.

Ismail trainiert regelmäßig mit Annette Wolz.
Ismail trainiert regelmäßig mit Annette Wolz. Foto: Daniel Peter (www.danielpeter.net)

„Doch woher sollten wir wissen, dass er wirklich so außerordentlich schnell läuft“, fragt Annette Wolz scherzend. Sie wurde auf den Somalier aufmerksam und nimmt ihn seitdem unter ihre sportlichen Fittiche. Wenn sie von „ihrem Flüchtling“ erzählt, strahlt und lacht sie. Trotz vollem Terminkalender bis spät in den Abend, versucht sie alles, um Ismail so gut es geht zu unterstützen. Dafür nutzt Wolz ihr über die Jahre hinweg aufgebautes Netzwerk an sportlichen Kontakten. Ismail kann dadurch beispielsweise im Fitnessstudio trainieren. Denn ohne Unterstützung hätte es der 23-Jährige schwer, sich im Leistungssport zu verbessern. „Es fehlt einfach noch an Sponsoren, damit er neben seiner Ausbildung auch sein sportliches Talent weiter voranbringen kann“, sagt sie. Wolz geht es dabei nicht darum, einen „Vermarkter“ zu finden, wie ihn andere Topsportler aus Afrika haben. Sondern Sponsoren, die Ismails sportliche Karriere ein wenig vorantreiben könnten. Beim diesjährigen Residenzlauf hatte der Läufer aus Somalia nicht einmal eine Uhr, mit der er seine Zeit messen konnte. Von einem anderen Läufer bekam er eine geliehen.

Trainingspartner gesucht

Was dem jungen Mann aber ebenfalls fehlt, ist etwas ganz anderes. „Ich würde mir gerne jemanden wünschen, mit dem ich trainieren könnte“, so Ismail. Das ist jedoch nicht so leicht, denn afrikanische Läufer laufen anders als europäische. Im Moment holt sich der 23-Jährige beispielsweise noch Ratschläge aus dem Internet, um sich vor allem auf die Langstrecke vorzubereiten – Trainer dafür gebe es nämlich in Würzburg nicht, sagt Wolz.

„Mensch, Ismail, nun schau mal. Wir haben mit nichts angefangen und sind jetzt schon so weit gekommen“ Annette Wolz, Trainerin

An diesem Sonntag wird sich zeigen, ob sich das Training gelohnt hat. Ismail wird beim iWelt-Marathon mitlaufen. Es wird der erste Halbmarathon sein, den er in seiner jungen sportlichen Karriere läuft. Ob er aufgeregt ist? „Ja, weil auf zehn Kilometern habe ich Erfahrung, aber nicht bei so einem langen Lauf. Ich habe ja keinen Trainer, der mir permanent beim Lauf Tipps gibt.

Somalischer Flüchtling beim Marathon       -  Annette Wolz unterstützt den jungen Somalier bei seinen Trainingseinheiten.
Annette Wolz unterstützt den jungen Somalier bei seinen Trainingseinheiten. Foto: Daniel Peter (www.danielpeter.net)

Seine Trainerin Annette Wolz jedenfalls ist zuversichtlich, lächelt ihn an und sagt: „Mensch, Ismail, nun schau mal. Wir haben mit nichts angefangen und sind jetzt schon so weit gekommen“. Vor fünf Jahren ist Ismael noch weggelaufen. Vor Angst, Terror und der Ungewissheit, was mit seinem Leben in Somalia passieren wird. Beim Halbmarathon läuft er aber höchstens den anderen davon, denn sein Ziel ist klar: „Ich will Erster werden“, sagt er fest entschlossen. Doch mit dem Training nach dem Interview wurde es nichts. Ismail hatte Muskelkater.


 

Wichtige Informationen zum 17. iWelt-Marathon im Überblick

Der Startschuss für den Marathon (42 km) und Halbmarathon (21 km) ist an diesem Sonntag vor dem Congress Centrum Würzburg (CCW). Um 9 Uhr geht es los. Dann heißt es für die voraussichtlich etwa 4000 Läufer, entlang des Mains und mitten durch die Stadt alles zu geben. Der Lauf findet seit 2001 statt. Er wird vom ehrenamtlichen Team des Stadtmarathon Würzburg e.V. unter Leitung von Günter Herrmann organisiert und hat sich als einer der teilnehmerstärksten Marathonläufe in Deutschland etabliert.

Beeinträchtigungen gibt es im Straßenverkehr. Viele Straßen und Durchfahrten müssen in der Stadt gesperrt werden, weswegen es zwischen 7.30 und 15 Uhr am Sonntag zu Störungen im Straßenverkehr kommt. Wie Sie trotzdem am Sonntag Ihr Ziel erreichen, erfahren Sie unter einer eigens eingerichteten Telefon-Hotline:

Tel. 0180 3 10 31 04 (9ct./min)

Die Nummer ist heute bis 18 Uhr und Sonntag von 7 bis 14 Uhr aktiv.

Im öffentlichen Nahverkehr gibt es ebenfalls Beeinträchtigungen und zahlreiche Fahrplanänderungen. Von 8 bis 15 Uhr pendeln die Straßenbahnlinien 4 und 5 zwischen Rottenbauer - Sanderring - Sanderau und zwischen Grombühl und Hauptbahnhof zu den fahrplanmäßigen Zeiten. Zwischen Sanderring - Hauptbahnhof und Zellerau verkehren stattdessen Omnibusse.

Die Straßenbahnhaltestellen in der gesamten Innenstadt einschließlich der Stationen „Juliuspromenade“, „Ulmer Hof“ und „Congress-Centrum“ können (auch mit Omnibussen) nicht bedient werden. Die gesamte Innenstadt ist von 8 bis 15 Uhr nur fußläufig zu erreichen. Die Ersatzhaltestelle „Luisengarten“ wird in beiden Richtungen bedient.

Im gesamten Stadtgebiet ist bei allen Parkeinrichtungen außerdem mit Behinderungen bei der An- und Abfahrt zu rechnen. Die innerstädtischen Parkhäuser können nur über die Koellikerstraße und Juliuspromenade erreicht und verlassen werden.

 

Rückblick

  1. Nach Absage: Zukunft des Würzburger Marathons in Gefahr
  2. Würzburg-Marathon: Die frühe Anmeldung lohnt sich
  3. iWelt-Marathon: Alle Bilder vom Lauf in Würzburg
  4. Beatrice Hirsch kommt spontan und wird dann gleich Zweite
  5. iWelt-Marathon: So strahlten die Läufer in Würzburg
  6. iWelt Marathon: Wie Sie trotzdem in die Innenstadt kommen
  7. Firmenlauf: Der Bischof lief kurzentschlossen mit
  8. Der iWelt-Marathon 2019: Strecken, Anmeldung, Sperrungen
  9. Wie eine Familie den Halbmarathon läuft
  10. Umleitungen wegen des iWelt Marathons am 26. Mai in Würzburg
  11. iWelt AG bleibt bis 2021 Titelsponsor des Würzburg-Marathons
  12. „Ab Kilometer 38 nur noch Lachen“
  13. Teilnehmerrekorde beim sechsten iWelt-Firmenlauf
  14. Beim iWelt-Marathon auf schnellen Sohlen durch Würzburg
  15. iWelt-Marathon: Service-Telefon gibt Auskunft
  16. Carmen Förster rennt aufs Siegertreppchen
  17. Marathonsport: Auf Suche nach der Faszination
  18. Einen Halbmarathon in Gummisandalen laufen
  19. Ein Läufer muss von den Einsatzkräften wiederbelebt werden
  20. Für Würzburg gibt's die Note eins
  21. Ulrike Mayer-Tancic motivierte jeden ins Ziel
  22. Ein Sauerländer und ein Flüchtling an der Spitze
  23. 253 Mädchen und Jungen leiten Marathon-Wochenende ein
  24. Marathon: Somalischer Flüchtling will Erster werden
  25. iWelt Firmenlauf: Schwitzen für das Team
  26. Marathon: Fahrplanänderungen
  27. Trotz Marathon in die Innenstadt
  28. Marathonlaufen ist ihre Sucht
  29. iWelt Firmenlauf: Ochsenfurter dominieren
  30. 1411 Starter beim iWelt-Firmenlauf
  31. Spaß für alle beim iWelt Marathon
  32. Marke von 5000 Läufern im Visier
  33. Weltklasse in Würzburg
  34. Carmen Försters schnelles, aber einsames Rennen
  35. Beim iWelt-Marathon den Abiball finanziert
  36. Gebürtiger Würzburger schneller als Vize-Weltmeisterin
  37. Laufsplitter: Ein 77-Jähriger läuft in Gummischlappen Halbmarathon
  38. Wenn die Zuhörer den Bands auf und davonlaufen
  39. Erstmals gewinnt ein Würzburger den iWelt-Marathon
  40. Nachwuchs eröffnet mit Hurra den iWelt-Marathon
  41. In die Innenstadt trotz Marathon
  42. Marathon: Busse und Straßenbahn fahren anders
  43. Marathon, so lange die Füße tragen...
  44. 1300 Teilnehmer starten beim Firmenlauf
  45. Musketiere aus Eritrea
  46. Eine Äthiopierin läuft Streckenrekord
  47. Der Lauf in Zahlen
  48. Lockerer Marathon für die Rettungsdienste
  49. Die Kleinsten rannten zum Auftakt des iWelt-Marathons
  50. Mit 74 Jahren glücklich ins Marathonziel

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Lucas Kesselhut
  • Flüchtlinge
  • Günter Herrmann
  • Marathonlauf
  • Residenzlauf
  • iWelt-Marathon Würzburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!