WÜRZBURG

Marathonsport: Auf Suche nach der Faszination

Marathonläufer wie Andre Ziegert, der den Lauf gewonnen hat, strotzen vor Motivation. Doch woher nimmt er sie? Foto: Christoph Weiss

Sonntagmorgen, kurz vor neun Uhr vor dem Maritim-Hotel in der Würzburger Innenstadt. In der Luft liegt eine Mischung aus Spannung, Vorfreude, Aufregung und sportlichem Ehrgeiz. Die einen wärmen sich auf, die anderen bekommen von ihren Angehörigen noch die letzten motivierenden Worte mit auf den Weg. Als um Punkt neun Uhr der Startschuss fällt, gibt es kein Halten mehr. Die Zuschauer jubeln, die Läufer begeben sich auf ihre sportliche Reise über 21 Kilometer für die Halbmarathoniken und über 42 Kilometer für die, die keine Angst vor dem Marathon haben. 42 Kilometer, das ist in etwa die Strecke von Würzburg nach Schweinfurt. Mit dem Auto kein Problem, aber zu Fuß? Warum tun sich Menschen das an? Diese Redaktion hat sich beim 17. iWelt-Marathon mal umgehört, was den Marathon zur Faszination macht.

Dass ein Marathon etwas mit Selbstbestätigung zu tun hat, meint Günter Herrmann, Organisationsleiter des iWelt-Marathons und Vorsitzender des Stadtmarathon Würzburg e.V. „Heute gibt es Luxus ohne Ende, viele müssen sich im Leben kaum mehr anstrengen“, sagt er. Habe man einen Marathon erst einmal überstanden, dann sei das ein Erlebnis fürs Leben, worauf man stolz sein könne.

Schließlich muss es Herrmann wissen. Er lief selbst schon bei 20 Marathonläufen auf der ganzen Welt mit. Besonders schnell zu sein, sei dabei nicht seine Hauptmotivation. Er nennt sich selbst einen „Genussläufer“ und sieht einen Marathon als Chance an, die Stadt „gemütlich“ kennenzulernen. Er erinnert sich noch gut an einen Marathon auf Hawaii. Während die anderen Läufer an ihm vorbeizogen, gönnte Hermann sich erst einmal eine halbe Stunde am Strand. „So ticke ich eben“, scherzt er lachend.

„Das Laufen ist zur Sucht geworden“

Gemütlich ins Ziel kommen, das ist für Andre Ziegert hingegen keine Option. Er lief beim diesjährigen Marathon in 2:42:57 auf Platz eins und ließ seine Konkurrenz weit hinter sich. Wo liegt also seine Motivation? Ist es nur die schweißtreibende Jagd nach der Bestzeit und dem Treppchen? „Was meine eigentliche Motivation ist, das weiß ich eigentlich gar nicht“, sagt ein stolzer und verschwitzter Sauerländer kurz nach der Siegerehrung. Mittlerweile sei das Laufen eine Sucht geworden. Mit der Zeit habe er gemerkt, dass er nicht einfach so laufen möchte, sondern Ziele braucht.

„Beim ersten Marathon habe ich eigentlich gemerkt, dass ich das nicht unbedingt noch einmal machen möchte, aber dann habe ich mir wiederum gedacht, dass es doch bestimmt auch noch schneller gehen könnte. Ehe man sich versieht, läuft man schon beim nächsten Marathon mit“, erinnert sich Ziegert.

Einmal im Leben einen Marathon laufen

Solch ein Phänomen ist nicht selten im Sport, weiß Dr. Uta Kraus, Diplom-Psychologin an der Universität Würzburg. „Viele Freizeitsportler möchten zeigen, dass sie (zumindest) einmal in ihrem Leben einen Marathon gelaufen sind. Wenn sie das geschafft haben, dann bleibt es oft nicht bei dem einen Mal“, erklärt sie. Die Hauptmotivation sieht die Sportpsychologin im Wunsch, die eigenen Grenzen auszuprobieren. Doch wer eine Distanz von 42,195 Kilometer in hohem Tempo läuft, setzt Kreislauf, Magen-Darm-Trakt und Nieren hohen Belastungen aus. Ist das nicht gefährlich? „Wenn die Motivation zu hoch ist und man seine eigene körperliche Leistungsfähigkeit überschätzt, dann kann das problematisch werden. Bei einer gezielten und körperlich angemessenen Vorbereitung ist es jedoch nicht gleich gesundheitsschädlich, da sich der gesamte Organismus an die körperlichen Belastungen anpasst“, so Kraus.

Was eine unangemessene Vorbereitung bedeutet, weiß Uwe Kinstle. Er ist Einsatzleiter bei den Johannitern und kümmert sich um diejenigen, für die der Lauf doch etwas zu viel war. Kann er dann verstehen, woher die Motivation für solch einen Extremsport kommt, wenn er statt laufender Sportler die betreuen muss, für die der Marathon im Rettungszelt endet? „Klar, ich würde zwar nicht selbst mitlaufen, aber solch ein Lauf bringt Spaß, macht die Stadt attraktiv und die Stimmung ist gut“, findet er.

Den eigenen Schweinehund bekämpfen

Spätestens, wenn die Läufer das Ziel überqueren, ist diese gute Stimmung für Jedermann spürbar. Das Gefühl von Stolz, auf 42,195 Kilometern dem eigenen Schweinehund den Kampf angesagt zu haben, ist beinahe ansteckend – auch für Leute, denen bei der Vorstellung, einen Marathon laufen zu müssen, sämtliche Gesichtszüge entgleisen. Die Läufer wollen erreichen, was für andere Menschen unerreichbar erscheint, wollen ihre Körper an Grenzen führen und eine Strecke bewältigen, die man an einem gemütlichen Sonntag nicht einmal mit dem Auto fahren wöllte. Es gibt also viele Gründe, einen Marathon zu laufen. Aber wer nach Gegenargumenten sucht, wird natürlich auch schnell fündig.

Wer lieber seine Abende mit Fast-Food vor dem Fernseher verbringt und morgens die 50 Meter mit dem Auto zum Bäcker fährt, der kann im Regelfall nicht verstehen, warum Menschen sich einen Marathon antun. Doch der iWelt-Marathon beweist jedes Jahr, dass das Laufen für viele eine große Leidenschaft und Freude ist. So auch im kommenden Jahr, wenn am 13. Mai 2018 der Startschuss für den nächsten iWelt-Marathon fällt.

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