Würzburg

Mehr Flüchtlinge - Wäre Unterfranken aufnahmebereit?

Die Situation für die Flüchtlinge in der Türkei und in Griechenland spitzt sich dramatisch zu. Wie bereiten sich Behörden und Flüchtlingsinitiativen in der Region vor?
Zahlreiche Migranten warten nach ihrer Ankunft am bereits geschlossenen türkisch-griechischen Grenzübergang Pazarkule. Müssen wir uns auch in Unterfranken auf mehr Menschen einstellen, die auf der Flucht zu uns kommen?
Zahlreiche Migranten warten nach ihrer Ankunft am bereits geschlossenen türkisch-griechischen Grenzübergang Pazarkule. Müssen wir uns auch in Unterfranken auf mehr Menschen einstellen, die auf der Flucht zu uns kommen? Foto: Ahmed Deeb, dpa

Selbst Bundesinnenminister Horst Seehofer  zeigt sich überraschend offen für die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus griechischen Flüchtlingslagern. Ansonsten aber plädiert der CSU-Politiker dafür, die Grenzen zur EU geschlossen zu halten. Die EU-Grenzschutzagentur  Frontex rechnet mit einem "Massenmigrationsstrom" in Richtung Griechenland. Auch in Unterfranken schauen Behörden und Flüchtlingsinitiativen auf die Ereignisse rund um die Ägäis.  

Ankerzentrum bei Schweinfurt hat noch Kapazitäten

"Wir beobachten die Lage und stimmen uns gegebenenfalls mit dem Innenministerium ab", so Johannes Hardenacke von der Regierung von Unterfranken. Allerdings würde der Regierungsbezirk noch über genügend Aufnahmekapazitäten sowohl in der Anker-Einrichtung als auch in den Gemeinschaftsunterkünften verfügen.

Aktuell sind 616 Personen in der Anker-Einrichtung in Geldersheim (Lkr. Schweinfurt) untergebracht. Gut die Hälfte der Bettenkapazität von 1200 Plätzen. Im Fall der Fälle stünden hier bis zu 1500 Plätze zur Verfügung. In den 41 Gemeinschaftsunterkünften im Bezirk liege die Auslastung laut Hardenacke jeweils zwischen 70 und 80 Prozent.

Zahl der Asylbewerber geht stark zurück

Aktuell leben 4950 Asylbewerber in Unterfranken in staatlichen Unterkünften. Die Zahlen gehen seit Monaten kontinuierlich zurück. 2019 wurden dem Regierungsbezirk 745 neue Asylbewerber zugewiesen. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren dies über 8500 Personen. "An Spekulationen über künftige Entwicklungen und Maßnahmen möchten wir uns lieber nicht beteiligen," so Hardenacke. 

Werden schon bald wieder mehr Flüchtlinge auch nach Bayern kommen?
Werden schon bald wieder mehr Flüchtlinge auch nach Bayern kommen? Foto: Bodo Marks, dpa

Der Würzburger Flüchtlingsrat verfolgt die aktuellen Meldungen aus der Türkei und Griechenland sehr genau und mit "großer Besorgnis", wie Sprecherin Eva Peteler auf Anfrage mitteilt. Im Augenblick halte der Flüchtlingsrat sowohl eine massive humanitäre Hilfe vor Ort als auch die Aufnahme von Menschen für alternativlos. Jedenfalls seien die derzeitigen und geplanten "Grenszschutzmaßnahmen" menschenrechtswidrig, so Peteler.  

Obwohl der Flüchtlingsrat die Einrichtung der Anker-Zentren  abgelehnt habe, seien dadurch die Aufnahmekapazitäten deutlich hochgefahren worden. Für den Flüchtlingsrat ist der Anstieg von Menschen auf der Flucht "absolut vorhersehbar". Man gehe aber davon aus, dass heute eine andere Ausgangslage als 2015 vorhanden sei. "Die Teile der Gesellschaft, die sich hier solidarisch zeigen, fangen nicht bei Null an - was auch immer kommen mag." so Peteler.  Sie ist überzeugt, dass sich in Würzburg immer noch viele Menschen finden würden, die sich einbrächten. Auch die Kommune signalisiere immer wieder, unter anderem mit ihrem Beitritt zu bundesweiten kommunalen Initiative als ,Sicherer Hafen', dass sie bereit und gerüstet sei, mehr Geflüchtete aufzunehmen.

Gibt es noch eine Willkommenskultur?

Die Stadt Würzburg bestätigt ihre grundsätzliche Aufnahmebereitschaft, die sie bereits Anfang 2019 gegenüber dem Bundesinnenministerium erklärt habe, sagt Rathaussprecher Christian Weiß.
"Die Stadt Würzburg kann ihre 2015 aufgebauten Infrastrukturen wie auch Unterstützerkreise kurzfristig, soweit notwendig, reaktivieren. Das Schicksal der Menschen verfolgen wir aufmerksam," so Weiß.

Flüchtlinge beim Deutschunterricht 2015. Wurde Infrastruktur zu schnell wieder abgebaut. 
Flüchtlinge beim Deutschunterricht 2015. Wurde Infrastruktur zu schnell wieder abgebaut.  Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

Katharina Grote vom Bayerischen Flüchtlingsrat fordert, jetzt die "Hotspots" in Griechenland und der Türkei zu evakuieren. Vor allem Kinder und Jugendliche müssten jetzt schnell aus diesen Lagern geholt werden. Sie hätten oft sogar einen Rechtsanspruch darauf. Zum Beispiel im Rahmen der Familienzusammenführung. 

Lindholz: "2015 darf sich nicht wiederholen"

Für die Aschaffenburger CSU-Bundestagsabgeordnete Andrea Lindholz hingegen ist klar: "2015 darf sich nicht wiederholen", schreibt sie in einer Pressemitteilung. Der Fokus unserer Flüchtlingspolitik müsse in den Krisenregionen liegen. Die Forderung nach einer Reaktivierung deutscher Notfallunterkünfte wecke unerfüllbare Hoffnungen in der ganzen Welt und steigere den Migrationsdruck. Die Außengrenze der EU müsse dauerhaft gesichert werden, im Ernstfall müsse Deutschland aber auch selbst Zurückweisungen an der Grenze vornehmen, so die Vorsitzende des Innenausschuss im Deutschen Bundestag. 

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