Mein Montag: Auf der Flucht

Mein Montag: Selbstlaufende Fußgänger

Was uns diese Woche erwartet? Steht zu befürchten, dass es nicht sonderlich spaßig wird. Am Dienstag tagt der Bauausschuss, am Freitag ist Weltverbrauchertag (den müssen wir mit Pferdeschnitzeln samt falschen Biospiegeleiern und Bier aus Flaschen mit übermaltem Haltbarkeitsdatum feiern), am Samstag ist der Würzburger Volkstrauertag 16. März, und das am Donnerstag beginnende Filmfestival trägt den nicht unbedingt erheiternden Titel „Flucht. Asyl. Immigration.“. Womit wir beim Davonlaufen wären.

Diese Sorge plagt wieder die Filmleute, die jedes Jahr sonniges Wetter fürchten, weil da erfahrungsgemäß keiner ins Kino geht, wobei sich dieses Risiko heuer in Grenzen hält: Am Samstag ist „Tag der Rückengesundheit“. Was eignet sich zu diesem Anlass besser als ein bequemer Kinosessel?

Zudem hat die Cineastengilde mit „Flucht“ ein Würzburger Top-Thema im Programm, wobei es hier jetzt weniger um die Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber und zugenähte Münder geht, sondern um Stadtrat und Stadtverwaltung. Zwei Institutionen, die manch einer reflexartig mit dem Begriff „zum Davonlaufen“ in Verbindung bringt, was im aktuellen Fall so falsch nicht ist – es geht um einen Fluchtweg.

Einen solchen erfordert die neue Tiefgaragenzufahrt unterm Marktplatz, was etliche Stadträte in Wallung bringt. Nicht dass man dadurch einen Zustrom an Flüchtlingen fürchtet, denn der Weg dient nur als Notausgang. Falls es in der Marktgarage mal brennt. Weil sich die Gemüter an den Parkgebühren erhitzt haben. Oder sowas.

Vielmehr erhitzen die Pläne, diesen Fluchtweg mit einem Aufzug samt Telefonhäuschenähnlichen Aufbau mitten am oberen Markt enden zu lassen, CSU- und WL-Räte. Sie prophezeien eine städtebauliche Katastrophe. Zumal bei der Gelegenheit gleich mal die beliebten Sitzrondelle um den Häckerbrunnen abgeräumt und – so verrät eine Illustration – durch Ikea-ähnliches Mobiliar ersetzt werden sollen.

Schon deshalb ist die Aufregung nicht zu verstehen. Der Marktplatz ist schließlich das Wohnzimmer einer Stadt. Folglich können sich dann viele Würzburger dort zuhause fühlen – wie in ihren mit Schwedenbrettern vernagelten Wohnungen. Und Telefonzellen gab's früher an jeder Ecke. Halt ohne Aufzug.

Mehr Sorgen muss man sich um Amancio Ortega machen. Der spanische Modeunternehmer ist, wie wir jetzt erfahren haben, mit 57 Milliarden auf dem Konto drittreichster Mann der Welt geworden. Der Reichste wird er wahrscheinlich nicht mehr werden. Weil das Tiefgaragenaufzugsgezerre angeblich den Bau des benachbarten Geschäftshauses verzögert, in dem Herr Ortega künftig seine Zara-Klamotten präsentieren will. Ein verspäteter Verkaufsstart in Würzburg kostet da schnell mal eine Milliarde.

Derweil investiert die Bahn und hat endlich Zeichen gesetzt – indem sie selbige entfernte –, damit's in der Stadt nicht zu bunt getrieben wird. Ein Hochdruckreiniger tilgte die Graffiti-Sprayereien in der Unterführung am Südbahnhof. Schön, dass wir jetzt wenigstens einen sauberen Fluchtweg haben. Aus der Stadt, versteht sich.

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