WÜRZBURG

Missbrauch: Würzburger Strafrechtler stellt Anzeige

Der Würzburger Strafrechtsprofessor Eric Hilgendorf hat zusammen mit fünf weiteren Juristen Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Dies sei eine Reaktion auf die „defizitäre Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche“. Foto: Theresa Müller

„Ohne eine unabhängige Aufarbeitung gibt es keine wirksame Veränderung und Gerechtigkeit.“ Dieser Satz steht in der vor einem Monat veröffentlichten Erklärung der deutschen Bischöfe zu der von ihnen in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie. Nun will eine Gruppe von sechs Strafrechtsprofessoren – darunter der Würzburger Lehrstuhlinhaber Eric Hilgendorf - die unabhängige Aufarbeitung voranbringen. Die Juristen haben Anzeige gegen Unbekannt gestellt, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Sie wurde den Angaben zufolge bei Staatsanwaltschaften im Bezirk jeder der 27 deutschen Diözesen eingereicht, auch in Würzburg.

Reaktion auf die defizitäre Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs

Die Anzeige, die in Verbindung mit dem Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) erstattet wurde, sei eine Reaktion auf die defizitäre Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche, teilte Professor Hilgendorf mit. Die Staatsanwaltschaften sollen veranlasst werden, Ermittlungen aufzunehmen. Es gibt laut Anzeigentext aufgrund der Missbrauchstudie für Straftaten „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ und die „unbedingte Pflicht“, jedem Anfangsverdacht nachzugehen sowie „kein Recht der Kirche, ihre Institution von strafrechtlichen Eingriffen freizuhalten“. Zudem seien viele Fälle noch nicht verjährt.

Für die Missbrauchsstudie hatten die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten Forscher keinen direkten Zugriff auf die kirchlichen Akten. Ihnen wurden vorab ausgewählte Dokumente aus den Jahren 1946 bis 2014 anonymisiert übergeben. Deshalb sind Betroffene und Beschuldigte sowie die Tatorte und Tatzeiten nicht identifizierbar. Ausgewertet wurden über 38150 Personal- und Handakten. Bei 1670 Klerikern fanden die Forscher Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs; betroffen sind 3677 Minderjährige. Diese Zahl stellt laut den Forschern eine untere Schätzgröße dar, die Ergebnisse zeigen nur die Spitze des Eisberg.

Nur wenige Staatsanwaltschaften prüfen derzeit Ermittlungen

Die sechs Strafrechtler fordern aufgrund der Studienergebnisse in ihrer Anzeige eine Durchsuchung jeder Diözese und die Beschlagnahmung der Akten. Eine Umfrage des „Spiegel“ ergab, dass derzeit fünf Staatsanwaltschaften Ermittlungen prüfen. Dabei gehe es um den Verdacht von teils schwerem sexuellen Missbrauch, bisweilen bis ins Jahr 2016. Auf Anfrage, warum sie nicht ermitteln, verweisen demnach die Behörden etwa in Ingolstadt, Münster oder Mainz auf die Anonymität der Studie.

In Bayern haben die Generalstaatsanwaltschaften bereits kurz nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie an die Diözesen appelliert, relevante Dokumente auszuhändigen. Der Sprecher der Bamberger Generalstaatsanwaltschaft sagte damals, die Ordinariate in Bamberg und Würzburg hätten bereits erklärt, „dass sie die strafrechtliche Überprüfung vollumfänglich unterstützen werden“.

Barley: „Die Kirche kann sich einer juristischen Aufklärung nicht verweigern.“

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sagte dem „Spiegel“: Wo ein Verdacht bestehe, müssten „alle nötigen“ Ermittlungen erfolgen. „Die Kirche kann sich einer juristischen Aufklärung nicht verweigern.“ Laut Matthias Katsch, Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“, sei es überfällig, dass die Staatsanwaltschaften tätig werden.

Papst Franziskus sieht derzeit eine Art Verfolgung der katholischen Kirche. „Im Moment klagt man uns sehr heftig an“, sagte der Pontifex zum Abschluss“ der Bischofssynode am Samstagabend im Vatikan, ohne sich direkt auf das Thema Missbrauch zu beziehen. Diese Anklage „wird auch zur Verfolgung“. Die Kirche werde kontinuierlich angeprangert, um sie zu beschmutzen. „Doch die Kirche darf nicht beschmutzt werden, wir Kinder sind schmutzig, aber die Mutter nicht.“ Mit Informationen von kna und dpa

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