Würzburg

Missbrauchsaufklärung - eine unendliche Geschichte?

Über den Fall X. berichtet die Redaktion seit langem. Es gibt den wegen Missbrauchs verurteilten Priester, seine ominöse Weihe, neue Vorwürfe, viele Fragen. Und kein Ende?
Ein komplexer Fall eines im Bistum Würzburg lebenden Ruhestandspriesters zeigt, wie lang, schwierig und zäh die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch sein kann. Foto: Illustration Christine Brey

Der Fall zeigt exemplarisch, wie verschlungen der Weg, wie zeitintensiv die Aufklärung in der katholischen Kirche sein kann – und ist. Wie meist nur das zugegeben wird, was durch intensive Recherchen belegt wird. Wie Aussage gegen Aussage immer wieder zu Patt-Situationen führt. Wie schwer es ist, weitere Verfehlungen zu verhindern.

X. - so nennt diese Redaktionab 2017den Mann in ihren Berichten. Bei X. geht es nicht nur um sexuelle Gewalt, sondern auch darum, wie seine Priesterweihe zustande kam und ob sie überhaupt gültig ist. Es geht darum, warum der suspendierte Gastpriester von der Diözese Würzburg finanziell versorgt wird. Und es geht um mangelnde Kommunikation innerhalb der Kirche.

So zieht sich der Fall über Jahre hin. Und in dieser Zeit kommen aufgrund von außerkirchlichen Recherchen weitere Vorwürfe und Verfehlungen ans Licht.

Rückblende - erstes Kapitel

2000 kommt X. ins Bistum Würzburg. 2002 wird öffentlich, dass er in seiner Pfarrgemeinde einen minderjährigen Schüler missbraucht hat. X. erhält eine Bewährungsstrafe, wird suspendiert und darf nicht mehr als Priester tätig sein. Danach hört man lange nichts.

Zweites Kapitel

Anfang 2017 ergeben Recherchen vonJohannes Heibel von der Initiative gegen Gewalt gegen Kindern und Jugendlichen(Siershahn/Westerwaldkreis), dass X. bereits 1993 in Österreich einen 16-Jährigen missbraucht haben soll. Damals ist X. Chorherr im Stift Klosterneuburg bei Wien. Das Bistum Würzburg fühlt sich hintergangen, sagte Bistumssprecher Bernhard Schweßinger damals auf Nachfrage. Das sei nicht bekannt gewesen, als es X. im Jahr 2000 eine Pfarrstelle anvertraut.

Drittes Kapitel

Ende 2018 machen Frauen aus dem Kreis Main-Spessart gegenüber Heibel Aussagen, dass X., der sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, sich gegenüber Jugendlichen distanzlos benommen haben soll. Das Bistum untersagt daraufhin X., sich Minderjährigen zu nähern.

Viertes Kapitel

Jüngst wird bekannt, dass X. bereits 1988 in Klosterneuburg einen jungen Mann massiv bedrängt haben soll. Das mutmaßliche Opfer  schildert im Gespräch mit dieser Redaktion, der Novize habe ihn damals zum Essen in sein Zimmer eingeladen, die Türe abgeschlossen und aufs Bett geworfen. Nur seine Schreie hätten einen massiven Übergriff verhindert. 

Der Betroffene erzählt auch von seinem Mut: Er ist vor einigen Wochen ins Bistum Würzburg gefahren, klingelt an der Haustüre von X. und konfrontiert ihn mit der Vergangenheit. Nun fühle er sich befreit. Der Beschuldigte indes streitet alles ab: "Ich bin dieser Person nie zu nahe getreten."

Fragen zum Fall X.

Kann es jemals Aufklärung geben? Die Glaubenskongregation in Rom erhält über X. bereits 1995 Informationen. Aktuell prüft sie den Fall aufgrund der weiteren Hinweise. Nun soll sich die kirchenrechtliche Untersuchung in einer entscheidenden Phase befinden, heißt es aus Rom, berichtet  Johannes Heibel. Hätte diese Überprüfung ohne diese Recherchen von außen überhaupt jemals begonnen?

Weshalb sorgt die Diözese Würzburg für den Mann? Er war nur zwei Jahre als Gastpriester tätig. Doch nach dem Übergriff 2002 zahlt sie dem suspendierten Priester weiterhin Unterhalt, seit 2012 ein Ruhestandsgehalt. Warum hat sich die Bistumsleitung nicht vorab über X. überall dort erkundigt, wo er zuvor war?  Die Tatsache, dass die Diözese X. ein Haus verkauft hat, bezeichnet sie heute als Fehler.

Einige Antworten aus Würzburg und Oradea

Zur finanziellen Versorgung: 1996 ist das Weihejahr von X. in Rumänien. Die griechisch-rumänische Diözese Oradea habe allerdings deutlich gemacht, dass der Priester für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen muss, „da unsere finanziellen Möglichkeiten äußert beschränkt sind“, zitiert Bistumssprecher Bernhard Schweßinger die Weihedokumente. Oradeas Bischof habe diejenige Diözese, die den neuen Priester aufnimmt, gebeten, ihm seinen Dienst und Unterhalt zu ermöglichen. "Da er zuletzt in der Diözese Würzburg tätig war, kommt die Diözese Würzburg entsprechend dieser Bitte für den Lebensunterhalt des Priesters auf", so Schweßinger.

Erst als durch Berichte dieser Redaktion 2017 bekannt wird, dass X. sich nicht erst 2002 an einen Minderjährigen vergriffen hat, sondern mutmaßlich bereits 1993 in Österreich, versucht die Diözese Würzburg selbst mehr über ihren Gast-Ruheständler herauszufinden. Sie nimmt Kontakt mit dem Stift Klosterneuburg auf - und mit dem Bistum Oradea. Denn es gibt nun auch Zweifel, ob beim Zustandekommen der Weihe in Oradea alles mit kirchenrechtlichen Dingen zuging. 

Keine Kommunikation zwischen den Bistümern

Oradea schweigt jedoch. Trotz mehrerer Anfragen an Bischof Virgil Bercea liege eine Antwort, die sämtliche offenen Fragen zur Weihe klärt, bisher nicht vor, so das Bistum Würzburg auf Nachfrage. Zuletzt sei ein Schriftstück – sogar in rumänischer Sprache – am 12. Dezember 2018  - nach Oradea geschickt worden. "Auch diese Anfragen wurden bisher nicht beantwortet", so Schweßinger.

Ein rumänischer Journalist hatte mehr Glück. Istvan Pap stellt Oradeas Bischof Bercea viele Fragen für seinen Artikel. Er liegt der Redaktion vor. Zuerst gibt der Würdenträger keine klare Aussage. Letztlich räumt der Bischof ein: Die Priesterweihe von X. durch seinen Vorgänger, Bischof Vasile Hossu, sei wohl nicht rechtmäßig. Es fehlten im Bistumsarchiv jegliche wichtige Unterlagen dazu, auch seien Grundvoraussetzungen nicht erfüllt worden - also ein Verstoß gegen kirchenrechtliche Vorgaben?

Diese Aussagen kennt das Bistum Würzburg durch Hinweise von Johannes Heibel und dieser Redaktion. Generalvikar Thomas Keßler hat wenig Hoffnung, dass sich mit der Nichtrechtmäßigkeit der Weihe das Problem mit X. löst, beziehungsweise dass das Bistum damit seine finanziellen Zusagen an ihn revidieren könnte. Denn auch "eine erschlichene Weihe hat Gültigkeit", so Keßler. "Die Diözese wartet das Ergebnis der laufenden Untersuchungen ab", heißt es weiter dazu aus dem Bischöflichen Ordinariat. Es hat aufgrund der Hinweise eine neue Eingabe in Rom eingereicht.

Und was sagt X. selbst zu seinem Heimatbistum Oradea und zu seiner Weihe? Er möchte sich dazu nicht äußern.

Liegt der Fehler im System?

Hätte das Bistum Würzburg nicht sorgfältiger prüfen müssen, wem es "Dienst und Unterhalt" ermöglicht? Es habe keinen Anlass gegeben, diesbezüglich bei den vorigen Bistümern und Einrichtungen, in denen der Mann tätig war, näher nachzufragen, lautete eine Antwort des Bistums auf eine bereits 2017 gestellte Anfrage. Es gebe eine Weiheurkunde und ein positives Testimonium aus Oradea. Ebenso ein positives Zeugnis aus der Schweiz.

Die Pfarrgemeinde in der Schweiz, wo X. vor Würzburg tätig war, gibt jedoch laut den Recherchen von Heibel an, dass sich der damalige Würzburger Personalreferent dort bereits vor 2000 nach X. erkundigt habe. Das könnte womöglich mit folgendem Kapitel in diesem komplexen Fall zusammenhängen:

Wie kam X. nach Würzburg?

Die Anstellung von X. in Würzburg im Jahr 2000 wurde von einem mit ihm befreundeten Priestervermittelt. Da er ein Studienkollege von Generalvikar Karl Hillenbrand sei, habe er bei ihm in Würzburg vor über 20 Jahren angefangen, für X. einen Freundschaftsdienst zu leisten. Dabei will er Hillenbrand auch auf den sexuellen Übergriff von X. 1993 in Österreich hingewiesen haben. Das alles habe er nicht nur dem Generalvikar, sondern auch dem von ihm zu dem Gespräch eilig hinzugerufenen damaligen Personalreferenten erzählt.

Das Bistum Würzburg verneint: 1998 habe kein Dreiergespräch stattgefunden. Auf mehrmalige Nachfrage dieser Redaktion korrigiert sich der im Ruhestand befindliche Priester: Er habe sich geirrt. Das Gespräch soll 1997, genau am 9. Juni, stattgefunden haben.

Nun bestätigt das Bistum dieser Redaktion, dass es ein Gespräch gab. Allerdings habe das Gespräch ohne den Personalreferenten stattgefunden – und ohne Hinweise auf frühere Verfehlungen von X., so Bistumssprecher Schweßinger.

Der Generalvikar kann im Gegensatz zum damaligen Personalreferentennicht mehr befragt werden. Karl Hillenbrand ist 2014 gestorben. Das Bistum bezeichnet den mit X. befreundeten Priester als wenig glaubwürdig.

Er bleibt jedoch nach wie vor bei seinen Angaben. Es gebe "Beweise". Der Priester meint Abschriften von Briefen an die Würzburger Bistumsleitung, die auf das "Dreiergespräch" Bezug nehmen. Auch unter Eid will der Ruhestandsgeistliche nach wie vor bei seiner Darstellung bleiben. "Der Prozess wird kommen, in Bamberg", meint er, beim dafür zuständigen übergeordneten Kirchengericht. 

Die Auflösung der klösterlichen ewigen Profess

Eines hat den Priesterfreund jedoch sehr überrascht: X. hat nach dem Missbrauchsvorwurf von 1993 auf Druck des Stifts Klosterneuburg 1993 um Dispens, also die Aufhebung seiner ewigen Profess (Ordensgelübde) gebeten. Darin musste er auch den Grund angeben. "Es gab mehrere Dispensschreiben an den Generalabt der Österreichischen Augustiner-Chorherren Kongregation, das erste ist mit 12. Oktober 1993 datiert", informiert Walter Hanzmann, Presseprecher des Stifts Klosterneuburg. Diese seien jedoch vom Generalabt als unzureichend empfunden worden. Erst die Version, die auch den Missbrauchsvorwurf enthält,  sei im Juni 1994 - also vor der Priesterweihe von X. - nach Rom übermittelt und die Dispens im Januar 1995 gewährt worden. Gleichzeitig sei darüber auch in einer laut Hanzmann "ausführlichen Stellungnahme zum Vorfall" die Glaubenskongregation in Rom informiert worden.

Der Priesterfreund von X. ist verblüfft, als ihn diese Redaktion damit konfrontiert. "Nein", das habe er alles nicht gewusst. Er sein von X. "wohl schlecht informiert worden".

Schlussfragen

Hätte die Glaubenskongregation die Priesterweihe nicht verhindern können? Und hätte durch das Bistum Würzburg, wenn es sich intensiver in Österreich über seinen Neu-Priester erkundigt hätte, nicht alles früher auf den Tisch kommen müssen? Laut Hanzmann erkundigt sich Würzburg erst im Mai 2017 erstmals im Stift Klosterneuburg. Und hätte das Stift Klosterneuburg nicht ein Auge auf ihren ehemaligen Chorherren werfen müssen, wie dessen weiterer Lebensweg  verläuft - und informieren müssen? Und warum stellt das Bistum Oradea Monate nach der Weihe ein positives Testimonium aus, obwohl es nichts mit X. zu tun haben wollte?

Wenn die Nachfragen früher gestellt worden wären und wenn die Auskunft ehrlich und umfassend gewesen wäre, hätte zumindest ein Missbrauch verhindert werden können: 2002 in einem kleinen Ort im nördlichen Bistum Würzburg.

Über diesen Fall und speziell über dessen Aufarbeitung in Österreich berichtet immer wieder auch das Nachrichtenmagazin "Profil" und aktuell die Rechercheplattform im Internet unter www.addendum.org. An diesem Mittwochabend gibt es im österreichischen Privatsender Servus TV in dem neuen Magazin "factum" ab 22.15 Uhr ebenfalls einen Beitrag dazu. Die Sendung wird jedoch nicht in Deutschland ausgestrahlt, kann aber auf www.servus.com/tv abgerufen werden.

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