ESTENFELD

Mit 74 Jahren glücklich ins Marathonziel

Goldene Hochzeit: Nach dem Paris-Marathon auf dem Arc de Triomphe: Lothar und Helga Wolz am 5. April 2015.Foto: Chlebus
Goldene Hochzeit: Nach dem Paris-Marathon auf dem Arc de Triomphe: Lothar und Helga Wolz am 5. April 2015.Foto: Chlebus

Das Leben ist ein Marathon und keine Kurzstrecke. Glücklich, wer sich nicht früh verschleißt und auf den letzten Kilometern noch Reserven hat – oder: Wer selbst im hohen Alter noch fit und zu sportlichen Glanzleistungen in der Lage ist. So wie Lothar Wolz aus Estenfeld. Der 74-Jährige startet am Sonntag beim Halbmarathon in Würzburg.

Im kompletten Teilnehmerfeld des Würzburger iWelt-Marathons mit rund 4000 Läufern ist er einer der Ältesten. Und in seiner Altersklasse, der M 75, hat er gute Chancen auf den Sieg. Aber darum geht es Wolz diesmal nicht. Er möchte in Würzburg, wie er sagt, „vernünftig durchlaufen“. Denn noch stecken ihm die Anstrengungen eines Marathons in den Beinen: Erst Anfang April erfüllte er sich mit dem Start beim Paris-Marathon den Traum zu einem doppelten Jubiläum: Vor 25 Jahren gab er sein Debüt über die 42,195 Kilometer in München, seit 50 Jahren ist er mit Ehefrau Helga verheiratet. Silberhochzeit mit dem Marathon, goldenes Ehejubiläum – gute Gründe zu feiern. Dies tat das Paar mit einer Woche in der französischen Hauptstadt.

„Manchmal laufe ich, und mein Kopf ist ganz woanders.“
Lothar Wolz aus Estenfeld 74-jähriger Marathonläufer

Dass sie ihren persönlichen Ehemarathon schon so lange gemeinsam laufen, nehmen die beiden nicht als Selbstverständlichkeit. Bei ausgeprägten sportlichen Interessen – mal gemeinsam, mal getrennt – braucht es das Verständnis und die Unterstützung des Partners. So auch beim Estenfelder Benefiz-Silvesterlauf, den die beiden über 20 Jahre lang organisiert haben. Oder bei der jährlichen 170-Kilometer-Fußwallfahrt nach Vierzehnheiligen, seit 1996 in der Hand von Lothar und Helga Wolz. Oder für sein Engagement als Laiendarsteller am Mainfranken Theater. Der frühere Versicherungskaufmann ist ein Multifunktionsrentner, der den Ruhestand mit vielerlei Interessen, mit seinen Enkeln, mit sozialem Einsatz auslebt.

In Paris wurde Lothar Wolz von der Anwesenheit seiner Gattin offenbar beflügelt: Trotz schwieriger Strecke und Wärme kam der 74-jährige Estenfelder unter 54 000 Teilnehmern aus 150 Ländern mit 3:47 Stunden ins Ziel am Triumphbogen – und wurde Sechster in seiner Altersklasse, beim insgesamt 29.Marathon-Start seiner Karriere. Viel wichtiger als die Platzierung war ihm aber das Erlebnis einer aufregenden, lebendigen Stadt. Dazu zählen in Paris sogar die Friedhöfe, wo die beiden Heinrich-Heine-Fans am Grab des bekannten Dichters in Montmartre innehielten.

Lothar Wolz weiß um das Glück, auch mit 74 noch voll im Saft zu stehen und das Leben genießen zu können. Er ist demütig und dankbar dafür – das gehört zu seiner Lebensphilosophie genauso wie die Disziplin, das Eigene für die Gesundheit zu tun.

Zum Laufen kam Wolz – früher Tischtennisspieler in der Landesliga – als Spätberufener. Mit 49 Jahren ging er 1990 erstmals auf die Marathonstrecke, entwickelte Lust, Ehrgeiz, schloss sich der Laufgemeinschaft (LG) Würzburg an und kam 1993 in Hannover auf eine persönliche Bestzeit von 2:54 Stunden. Es folgten in den 90ern weitere Marathons unter drei Stunden – in Frankfurt, Stockholm, Venedig.

Seinen wohl emotionalsten Lauf absolvierte er 2010 in Athen, 2500 Jahre nach der legendären Schlacht von Marathon. Nach fünf Kilometern passieren die Läufer einen Grabhügel, in dem die 192 in der Marathon-Schlacht gefallenen Athener bestattet worden sein sollen. Eine Zuschauerin schenkte Wolz einen Olivenzweig, den er nach 3:46 Stunden stolz ins Athener Stadion trug. „Das war ein absolutes Gänsehaut-Gefühl“ schwärmt der Rentner noch heute. Den Olivenzweig bewahrt er daheim auf, behütet wie eine Reliquie.

Anzutreffen ist Lothar Wolz an fünf Tagen in der Woche beim Training meist in den Estenfelder Fluren, selbst Tempo-Einheiten gehören weiter ins Programm. Er trainiert nach Plan und setzt sich realistische Ziele, ausgehend von seinen aktuellen Zeiten über zehn Kilometer. Es gibt Athleten, die zerbrechen an ihrer Verbissenheit. Lothar Wolz spricht ruhig, entspannt und zufrieden über seine Definition von Leistung: „Man muss sich schon fordern. Aber nur mit der richtigen Vorbereitung.“ Dann könne man im Wettkampf die Ernte einfahren. „Ich habe noch jeden Zieleinlauf beim Marathon genossen.“ Auch den letztjährigen beim iWelt-Marathon in Würzburg, als er wieder konstant wie eine Maschine unterwegs war und mit 3:43 Stunden eine beachtliche Zeit ins Ziel lief.

Der 74-Jährige rastet und rostet nicht – und erlebt das Laufen in der Natur mit ihren Jahreszeitenfarben auch als Meditation: „Manchmal laufe ich und mein Kopf ist ganz woanders. Man kommt in ein ganz anderes Denken.“ In der Woche summieren sich seine Einheiten auf 60 bis 90 Kilometer. Dabei kennt er auch schwierige Phasen – als er etwa nach zwei Knie-OPs einige Jahre kürzer treten und erst langsam über das gemeinsame Walken mit Ehefrau Helga wieder in die Gänge kam.

Mittlerweile blüht er in seinem dritten oder gar vierten Lauffrühling. Und der Respekt anderer vor seinen Lauf-Leistungen wächst mit jedem weiteren Jahr. Die Würzburger werden ihn am Sonntag auf der Halbmarathonstrecke über 21,1 Kilometer wieder mit „Lothar lauf“-Rufen anfeuern. Und er selbst? Er wird sein großes Glück genießen, „dass ich mich so bewegen kann.“

Viele Infos, Hintergründe und aktuelle Bilder vom Marathon-Wochenende in unserem Special: www.mainpost.de/marathon

Mit dem Olivenzweig in der Hand ins Stadion: Lothar Wolz aus Estenfeld war beim Athen-Marathon im Jahr 2010 dabei, genau 2500 Jahre nach der Schlacht von Marathon – sein emotionalster Lauf, wie der heute 74-Jährige sagt.
Mit dem Olivenzweig in der Hand ins Stadion: Lothar Wolz aus Estenfeld war beim Athen-Marathon im Jahr 2010 dabei, genau 2500 Jahre nach der Schlacht von Marathon – sein emotionalster Lauf, wie der heute 74-Jährige sagt. Foto: Wolz

Rückblick

  1. Nach Absage: Zukunft des Würzburger Marathons in Gefahr
  2. Würzburg-Marathon: Die frühe Anmeldung lohnt sich
  3. iWelt-Marathon: Alle Bilder vom Lauf in Würzburg
  4. Beatrice Hirsch kommt spontan und wird dann gleich Zweite
  5. iWelt-Marathon: So strahlten die Läufer in Würzburg
  6. iWelt Marathon: Wie Sie trotzdem in die Innenstadt kommen
  7. Firmenlauf: Der Bischof lief kurzentschlossen mit
  8. Der iWelt-Marathon 2019: Strecken, Anmeldung, Sperrungen
  9. Wie eine Familie den Halbmarathon läuft
  10. Umleitungen wegen des iWelt Marathons am 26. Mai in Würzburg
  11. iWelt AG bleibt bis 2021 Titelsponsor des Würzburg-Marathons
  12. „Ab Kilometer 38 nur noch Lachen“
  13. Teilnehmerrekorde beim sechsten iWelt-Firmenlauf
  14. Beim iWelt-Marathon auf schnellen Sohlen durch Würzburg
  15. iWelt-Marathon: Service-Telefon gibt Auskunft
  16. Carmen Förster rennt aufs Siegertreppchen
  17. Marathonsport: Auf Suche nach der Faszination
  18. Einen Halbmarathon in Gummisandalen laufen
  19. Ein Läufer muss von den Einsatzkräften wiederbelebt werden
  20. Für Würzburg gibt's die Note eins
  21. Ulrike Mayer-Tancic motivierte jeden ins Ziel
  22. Ein Sauerländer und ein Flüchtling an der Spitze
  23. 253 Mädchen und Jungen leiten Marathon-Wochenende ein
  24. Marathon: Somalischer Flüchtling will Erster werden
  25. iWelt Firmenlauf: Schwitzen für das Team
  26. Marathon: Fahrplanänderungen
  27. Trotz Marathon in die Innenstadt
  28. Marathonlaufen ist ihre Sucht
  29. iWelt Firmenlauf: Ochsenfurter dominieren
  30. 1411 Starter beim iWelt-Firmenlauf
  31. Spaß für alle beim iWelt Marathon
  32. Marke von 5000 Läufern im Visier
  33. Weltklasse in Würzburg
  34. Carmen Försters schnelles, aber einsames Rennen
  35. Beim iWelt-Marathon den Abiball finanziert
  36. Gebürtiger Würzburger schneller als Vize-Weltmeisterin
  37. Laufsplitter: Ein 77-Jähriger läuft in Gummischlappen Halbmarathon
  38. Wenn die Zuhörer den Bands auf und davonlaufen
  39. Erstmals gewinnt ein Würzburger den iWelt-Marathon
  40. Nachwuchs eröffnet mit Hurra den iWelt-Marathon
  41. In die Innenstadt trotz Marathon
  42. Marathon: Busse und Straßenbahn fahren anders
  43. Marathon, so lange die Füße tragen...
  44. 1300 Teilnehmer starten beim Firmenlauf
  45. Musketiere aus Eritrea
  46. Eine Äthiopierin läuft Streckenrekord
  47. Der Lauf in Zahlen
  48. Lockerer Marathon für die Rettungsdienste
  49. Die Kleinsten rannten zum Auftakt des iWelt-Marathons
  50. Mit 74 Jahren glücklich ins Marathonziel

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Estenfeld
  • Andreas Jungbauer
  • Heinrich Heine
  • Schlachten (Krieg)
  • iWelt-Marathon Würzburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!